Parkonson

Parkinson: Unheimliche Krankheit

Es ist eine unheimliche Krankheit. Sie trifft Frauen wie Männer in gleicher Weise. Sie kann früher einsetzen, im vierten oder fünften Lebensjahrzehnt; aber meist kommt sie später zum Vorschein. Die Rede ist von Parkinson.

Die Behandlung erfordert die Einnahme von mehr als 15 Medikamenten am Tag, je nach Krankheitsphase. Die Krankheit verkürzt das Leben nicht nennenswert, wenn sie behandelt wird, führt freilich im Endstadium zu unerträglichen Situationen. Sie ist behandelbar, aber nicht heilbar, die auslösenden Ursachen sind nicht vollständig geklärt. Sie ist so, dass Menschen vor Erkrankten zurückschrecken, wenn sie Symptome miterleben. Die Krankheit isoliert also. Es ist keine seltene sondern eine Volkskrankheit.

In Deutschland leiden nach Expertenberechnungen 450 000 Menschen an ihr. Jedes Jahr kämen bis zu 70 000 Neuerkrankungen hinzu, erklären Experten. Auch weltweit stiegen die Krankenzahlen.

Zuletzt las ich, dass die großartige Sängerin Linda Ronstadt („blue bayou“), Ur-Enkelin eines Einwanderers aus Hannover, an der Krankheit leide. Linda Ronstadt erhielt zehn Grammy Awards, sie wurde von Präsident Obama mit der National Medal of Arts ausgezeichnet, sie bot der Rechten in den USA die Stirn. Im Juli wird sie 73 Jahre alt. Sie leidet wie der frühere Partei- und Fraktionsvorsitzende der SPD, Hans-Jochen Vogel an Parkinson.

Von einem Arzt entdeckt

Der Name geht auf den Arzt James Parkinson zurück. Er hat die Krankheit 1817 beschrieben und auch bereits den Verlauf der Krankheit dargelegt („An Essay on the Shaking Palsy”). Die Ursache konnte er damals nicht finden. Der schwedische Pharmakologe Arvid Carlsson entdeckte 1960 den Zusammenhang von Dopamin und den Symptomen der Parkinsonkrankheit. Er erhielt 2000 den Nobelpreis für Medizin.

Eigentlich werden Parkinsonkranke in der Bundesrepublik gut versorgt. Aber in den vergangenen Jahren wurde vermehrt Kritik an der Versorgung geäußert. In der vergangenen Legislaturperiode des Deutschen Bundestages hatte sich der Petitionsausschuss der Klagen über die Versorgung von Parkinsonkranken angenommen. Die damalige Parlamentarische Staatssekretärin im Gesundheitsministerium, die heutige Integrationsbeauftragte, Annette Widmann-Mauz, schmetterte Klagen der Deutschen Parkinsonvereinigung ab.

Sie fühlen sich ausgeschlossen

Wer sich mit Parkinsonkranken unterhält, stößt oft auf Zurückhaltung. Denn sie fühlen sich ausgeschlossen aus unsrer auf ständige Anpassung und standardisiertes Verhalten getrimmten Gesellschaft. Diese Zurückhaltung ist zu respektieren. Denn irgendwann haben Kranke erlebt, dass Arm oder Hand oder Bein oder Kopf sich nicht so bewegten, wie sie es gewohnt waren; also anders als sie es unbewusst erwarteten. Die Hand flatterte unerwartet, zitterte unversehens, wackelte. Anwesende schauten sie entsetzt an, manche wandten sich ab. Erlebnisse dieser Art wiederholten sich. Eine schlimme Erfahrung. So etwas ist wie ein tiefer Einbruch, es ist ein Angsterlebnis, das Urvertrauen in den eigenen Körper schwinden lässt.

Der Mensch geht irgendwann zur Ärztin oder zum Arzt, um die Diagnose zu hören: Sie haben Parkinson.
Was das bedeutet? Nach und nach fallen Zellen im Gehirn aus, die einen bestimmten chemischen Stoff erzeugen, das Dopamin. Es ist zusammen mit anderen Stoffen notwendig, um die Funktion der Nerven in unseren Körpern aufrecht zu erhalten. Das ist sicherlich unprofessionell beschrieben, was da zwischen Nervenenden funktionieren muss. Aber es genügt. Je länger die Krankheit Parkinson andauert, umso mehr Zellen fallen aus, umso stärker macht sich Nervenausfall bemerkbar. Dieser Defekt ist nicht auf Arme oder Beine beschränkt, er zieht den ganzen Körper einschließlich der Psyche in Mitleidenschaft. Am Ende stehen Bewegungsstörungen, Schwächeanfälle trotz wirksamer Medikamente, Halluzinationen, Organversagen.

In Deutschland kommt den Parkinsonkranken das hochentwickelte und in der Regel verlässliche System der Versorgung durch Fachärzte und durch Krankenhäuser tatsächlich zugute. Die Kranken schätzen die deutschen Standards. Das System hat aber offenbar auch schwache Seiten, die Parkinsonkranken das Leben schwerer machen als unvermeidlich ist und die überflüssigen Ausgaben verursachen. Man muss sich die Abläufe im System der Krankenversorgung vor Augen halten.

Da kommt der ältere an voranschreitender Parkinson- Krankheit leidende Mann mit der Überweisung seiner Ärztin ins Krankenhaus. Dort wird er untersucht und festgestellt, welche Medikamente er mit welcher Dosierung und mit welchen Beimengungen er einnehmen muss, damit er seine Tage und Nächte in Lebensqualität zubringen kann.

Diese Arbeit der Fachleute im Krankenhaus ist außerordentlich wichtig, weil es bei diesen vielen Medikamenten darauf ankommt, wann der alte Herr sie nimmt; wie rasch oder wie langsam sie sich auflösen, um wirksam werden zu können; wie sie mit anderen Medikamenten zusammen wirken. Die Medikamente müssen in punkto Zusammensetzung, Zusammenwirken und Abgabe im Körper sehr präzise aufeinander abgestimmt sein. Nur ein kleiner Abschnitt im Darm eines Erkrankten ist nach fortgeschrittener Krankheit noch in der Lage, Medizin aufzunehmen. Wie gesagt: Der gesamte Organismus ist in Mitleidenschaft gezogen, also auch die Fähigkeit von Magen und/oder Darm, Substanzen aufzunehmen. Selbst geringste Abweichungen vom festgelegten Medikamentenplan zerstören die künstlich hergestellte Ordnung zum Erhalt der Lebenserträglichkeit.

Nun ist der Mann entlassen, die übergangsweise Versorgung mit Medikamenten nach dem Krankenhausaufenthalt geht dem Ende zu, und er lässt sich neue Medikamente in der Apotheke besorgen. Apotheken sind gehalten, beim Verkauf von Medikamenten darauf zu achten, dass die gereicht werden, für die die jeweilige Krankenkasse Rabattverträge geschlossen hat. Verträge mit Herstellern, die preiswerter anbieten als andere. Das hat der Gesetzgeber so gewollt. Das wird dann auch so umgesetzt.

Fluch der guten Tat

So spielt sich etwas ab, was man den Fluch der guten Tat nennen könnte: Preisbewusstsein contra ausgefeilte Medikationspläne. Denn die Apotheke reicht eventuell Medikamente über den Tresen, die andere Beimengungen und eine von den zuvor eingenommenen Medikamenten abweichende Aufnahme im Körper haben. Rasch leidet der ältere Herr unter stärkeren Symptomen seiner Krankheit. Am Ende muss er zurück ins Krankenhaus, um erneut neu eingestellt zu werden. Es wird geschätzt, dass das in tausenden Fällen Jahr für Jahr erforderlich ist.
Für die Versorgung eines Parkinsonkranken wendet eine Krankenkasse im Durchschnitt etwa 3000 Euro im Jahr auf. Ein Aufenthalt im Krankenhaus zwecks Einstellung auf 15 Medikamente kostet mehr. Man darf als sicher annehmen, dass ein zweiter, eigentlich vermeidbarer Krankenhaus-Aufenthalt mehr an Beiträgen kostet, als durch Rabattverträge eingespart werden.

Eine treffende Analyse mit einer Gegenüberstellung von vermeidbaren Ausgaben und Einsparungen durch Rabattverträge gibt es nicht. Ob Parkinson die einzige Krankheit ist, bei deren Verlauf solche Situationen entstehen, weiß niemand mit Sicherheit. Aber wer es gut meint mit unserem an sich beneidenswert funktionierenden System der Gesundheitsversorgung, der sollte sich um solche Dinge kümmern. Abhilfe tut Not, ist aber noch nicht in Sicht.

Welt-Parkinson-Tag am 11.April

Daher wird es am 11. April, am Welt-Parkinson-Tag wohl wieder heißen: „Gemeinsam gegen Parkinson“ aber nicht: Ausnahme vom Rabatt-Zwang für Parkinsonkranke.

 

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Klaus Vater
Über  

Redakteur 1972 und bis 89 in wechselnden Redakteursaufgaben. 90 bis 99 wiss. Mitarbeiter der SPD-Bundestagsfraktion, Büroleiter Dreßler, 2000 Sprecher Bundesarbeitsministerium, dann des Bundesgesundheitsministeriums, stellv. Regierungssprecher; heute: Publizist, Krimiautor, Lese-Pate.


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