„Drinnen, Draußen und ich“ von Mattheuer
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Reisen in ein untergegangenes Land

Es war einmal: So beginnen gewöhnlich Märchen und märchenhafte Geschichten. Letztere habe ich  bei meinen zahlreichen Reisen in die untergegangene DDR bei der Vorbereitung von Kulturprojekten in den Jahren 1985 – 1989 zahlreich erlebt. Es war eine sehr deutsche aber eben nicht westdeutsche Welt, die ich dort gesehen und erlebt habe. Die seither vergangenen mehr als drei Jahrzehnte haben die damaligen Erlebnisse nicht nur in ein milderes Licht gerückt sondern auch neue und neutralere Erkenntnisse erbracht.

Den Eintritt in die unbekannte Welt der Menschen in der DDR hat für mich ein sehr bemerkenswertes Buch der Kunsthistorikerin Karin Thomas, das im Frühjahr 1985 im DuMont Buchverlag erschienen ist, gebracht. „Zweimal deutsche Kunst nach 1945“ war der markannte Titel, der an die Teilung Deutschlands anknüpfte und unterschiedliche, von der Politik bestimmte Entwicklungen sichtbar machte. Wer auch immer Zeit und Lust hatte, sich mit dem „ Fußabdruck“ der jeweiligen Gesellschaften, die sich in der Kultur seit je manifestierten, zu beschäftigen, fand in dem Buch Grundlagen für tief gehende Reflexionsmöglichkeiten. Mich hat das Thema Deutschland,wahrscheinlich wegen meiner Vita, immer beschäftigt und interessiert. Aus meiner damaligen Tätigkeit als Referatsleiter Presse, Öffentlichkeitsarbeit und politische Grundsatzfragen beim Ministerium für Bundesangelegenheiten NRW in Bonn hatte ich einige Erfahrungen mit hochkarätigen Ausstellungen aus öffentlichen Sammlungen des Bundeslandes in der Landesvertretung machen können. Daraus entstand die zunächst vage Idee, eine Ausstellung zu formen, die Einblicke in das Menschenbild aus der DDR geben konnte.

Erste Kontaktaufnahmen mit den zuständigen Mitarbeitern der Ständigen Vertretung der DDR in Bonn, deren Pendants in der Ständigen Vertretung der Bundesrepublik in Berlin, Hauptstadt der DDR, wie dies im damaligen politischen Sprech hieß, waren äußerst zäh. Da die Verhandlungen über das Kulturabkommen zwischen der Bundesrepublik und der DDR noch liefen, musste ein unverdächtiger Modus Operandi gefunden werden. So wurde schließlich der Staatliche Kunsthandel der DDR als Partner ausgeguckt und der Arbeitstitel festgelegt auf „Menschenbilder, Kunst aus der DDR“.

Mit diesen Vorgaben ausgestattet begann im Juni 1986 eine mehrtägige Reise zu Künstlern aus der DDR, die in dieses Raster passen sollten. Jede Seite durfte entsprechende Vorschläge machen, die auch respektiert wurden. Natürlich waren die großen Namen einzelner auch im Westen sehr bekannten Künstler dabei. Gemeinsam mit Karin Thomas, einem für Kulturelles zuständigen Kollegen aus der Landesvertretung und einem Galeristen aus Bonn, der gute Kontakte zu einigen Künstlern unterhielt, ging es mit privaten Pkws nach Ost-Berlin. Ausgestattet mit Ministerialpässen konnten wir die Grenze privilegiert schnell und unkontrolliert überqueren.

Zur möglichst weitgehenden Darlegung von Wunsch und Wirklichkeit des Alltagslebens in der DDR wurden wir in den schicken von schwedischen und japanischen Unternehmen gebauten neuen Devisenhotels in den einzelnen Stationen untergebracht. Was wir zunächst als großzügige Geste aufgefasst hatten, stellte sich spätestens bei der sichtbar schlichteren Hotelwahl für unseren Begleiter des staatlichen Kunsthandels der DDR als gezieltes Manöver heraus.

 Nach Auftaktgesprächen mit dem Generaldirektor des staatlichen Kunsthandels und dem für die bildende Kunst zuständigen stellvertretenden Kulturminister dann ein erster Künstlerbesuch: Arno Mohr empfing uns in seiner riesigen Atelierwohnung in einem Altbau am Prenzlauer Berg. Mohr galt zu Recht als Milieubeobachter im  Rang eines Heinrich Zille. Auch er hatte ein Herz und Auge für die sogenannten kleinen Leute, aus denen im Grunde die ganze Gesellschaft in der DDR bestehen sollte. Wir wurden von ihm, einem schon damals sehr alten Herrn, sehr distanziert behandelt. Der Wunsch des Kunsthandels zur Ausstellungsbeteiligung war ihm ganz offensichtlich nicht Befehl genug. Er zog die Schubladen seines Grafikschrankes auf, die weitgehend leer waren, und beschied uns mit der lapidaren Feststellung, so sei es auch mit seiner Schaffenskraft bestellt. Wenn er auf die Häuser der gegenüberliegenden Straßenseite blicke, sehe er nur noch leere Fensterhöhlen der Verstorbenen. Seine Motive seien meistens dahin gerafft oder abgehauen.

Nach weniger originellen dafür aber künstlerisch nicht sehr beeindruckenden weiteren Atelierbesuchen in Ost-Berlin nahmen wir Anlauf zu einer  von mehreren Stationen in Leipzig, Karl-Marx-Stadt und Dresden. Zu uns war ein Direktor des staatlichen Kunsthandels gestoßen, der unbedingt auf den schmalen Rücksitzen meines Golf Cabrios mit auf die Reise gehen wollte. Dies war offensichtlich reizvoller für ihn als das große zweite Auto der übrigen Reiseteilnehmer. Bei Sonnenschein und großer Hitze ging es los mit offenem Verdeck nach Leipzig. Dem Gast auf den Rücksitzen machte der Fahrtwind bald sehr zu schaffen. Er verzichtete auf einen Ausblick  und ging in Deckung hinter den Vordersitzen.

Mit Bernhard Heisig, Wolfgang Mattheuer und Arno Rink standen einige der Malerfürsten auf dem Programm. Bernhard Heisig war gerade in der Bundesrepublik in aller Munde wegen des Auftrags von Helmut Schmidt für ein Porträt für die Kanzlergalerie im Bonner Bundeskanzleramt. Gnädig wurden wir in seinen Gemächern empfangen. Wir durften aber wirklich auswählen unter einer Vielzahl absolut beeindruckender Arbeiten. Die Bildnisse seiner Mutter vor dem brennenden Breslau und dem Geiger Vaclav Neumann trafen unseren Nerv. Es waren wirkliche Menschenbilder ohne jede politische Begleitmusik. Dem begleitenden Direktor des staatlichen Kunsthandels machte er bei der Begehung überaus deutlich, wer Koch und Kellner ist.

Statt Wolfgang Mattheuer begrüßte uns seine Frau, Ursula Mattheuer-Neustedt, ebenfalls eine Malerin. Er sei verhindert, sie aber guten Willens, uns Bilder zu zeigen. So geschah es. Unter anderem das äußerst vieldeutige Gemälde „Drinnen, draußen und ich“, heute Prunkstück der bedeutenden Sammlung „Leipziger Schule und Kritischer Realismus“, wurde ausgewählt. Der Direktor des staatlichen Kunsthandels tat so als ob er die aus dem dargestellten brennenden Gebäude durch das Fenster blickende Person ( Mattheuer ) in seiner ganzen Symbolik nicht deuten konnte. Zum Abschied ließ uns Frau Mattheuer noch aus einem der Fenster schauen, das einen prächtigen Ausblick auf ein Reifenlager gewährte. Sie beschwerte sich im Namen ihres Mannes über die massive Benachteiligung bei der Zuweisung ihrer Wohnung ( nach meiner Schätzung mindestens 200 Qm ohne Atelier) gegenüber Heisig und Tübke. Dieses Ärgernis, das an Majestätsbeleidigung grenzte, umfassend zu erläutern, war ihr Herzensangelegenheit. Diese Szene wäre sicher nach Westdeutschland übertragbar gewesen.

Arno Rink, Direktor der auch in der Bundesrepublik sehr geachteten Hochschule für bildende Künste, begleitet durch seine charmante und selbstbewusste Frau, öffnete uns sein Atelier und zeigte im Gespräch große Aufgeschlossenheit. Er war nach meiner Erinnerung einer der ganz wenigen hohen Funktionsträger im kulturellen Bereich, der nach der Vereinigung die Hochschule weiter führen durfte. Eines seiner berühmtesten Bilder mit Szenen aus dem spanischen Bürgerkrieg wurde unter unseren skeptischen Blicken vom Kunsthandelsdirektor als unverzichtbar erklärt. Rink galt schon damals als Vater der „Neuen Leipziger Schule“, einer Kunstrichtung, die an die „Neue Sachlichkeit“ der zwanziger Jahre anknüpfte. Abgerundet wurde das Bild in Leipzig mit einem ausführlichen Gang durch das wunderbare Museum für bildende Künste in Begleitung von dessen sehr sachkundigen Direktor Dieter Gleisberg.

Dresden 1986: Das ehemalige Elbflorenz präsentierte sich  nur im Kern an der Elbe als teilweise wieder aufgebautes Schmuckstück. Die Frauenkirche, Symbol der einstigen Prächtigkeit, lag noch in Trümmern, Zwinger und Albertinum waren aber in altem Glanz auferstanden. Ebenso gerade erst im Vorjahr die Semperoper. Der Blick aus dem Nobelhotel Bellevue am anderen Elbufer zeigte wieder in groben Zügen die weltbekannte Stadtsilouhette. Auf der an die Altstadt angrenzenden Hauptstraße galt jedoch Beton als das Maß der Dinge, nicht anders als in der Bundesrepublik, wo die graue Hässlichkeit als städtebauliches Schönheitsideal viele Jahre gepriesen worden war.

Aus der jüngeren Geschichte der Stadt und ihrem furchtbaren Absturz 1945 hätte sich an erster Stelle der Künstler Wilhelm Rudolph als Ansprechpartner ergeben, der wie kein anderer aus diesem Zeitabschnitt mit dem Bild der Stadt verbunden ist. Gern hätten wir mit dem 1982 Verstorbenen gesprochen, der das Momentum der Zerstörung durch die Holzschnittfolge aus dem Jahr 1945 für immer festgehalten hat. Zu Lebzeiten war er aber nicht nur durch seine künstlerischen Fähigkeiten sondern auch durch seine Skurrilität – besser durch seinen Geiz- bekannt. Uns wurde von einer Vernisage mit seinen Arbeiten in den letzten Lebensjahren Folgendes erzählt: Dem die Ausstellung betreuenden Kurator gab Rudolph den Auftrag, Häppchen und Getränke für 100 Gäste zu besorgen. Eine Grippe des Künstlers verhinderte kurzfristig dessen Teilnahme an der Ausstellungseröffnung. Bei der Präsentation der Rechnung für das Beschaffte erklärte Rudolph dem Kurator, dass er sich nicht in der Pflicht zur Kostenübernahme sehe, schließlich sei er nicht anwesend gewesen.

Im Albertinum trafen wir Gerhard Kettner, langjähriger Rektor der Hochschule, der auch im Westen als begnadeter Zeichner in der Fachwelt bekannt war und unter seiner Ägide ein liberales Klima für die Studentinnen und Studenten gewährleisten konnte. Sein Thema waren die Menschen, die er mit spitzem Stift in allen Facetten ihrer Persönlichkeit zu Papier brachte. Mit ihm war Hubertus Giebe, ein Vertreter der jungen Generation, die alles Einengende über Bord geworfen hatte. Als enorm begabter Grafiker hatte er damals gerade damit begonnen, die Blechtrommel von Günter Grass zu illustrieren. Die meisterhafte Serie von Radierungen, die 1989 erschien, gehört heute zu den Leuchtpunkten deutscher Kulturgeschichte. Diese Arbeiten stehen exemplarisch für die Bereitschaft der Künstlerinnen und Künstler in der DDR, sich mit der Last der Naziherrschaft auseinanderzusetzen. Genau dies wurde viele Jahre in der Bundesrepublik unter Verweis auf die angeblich weltweit gültige Sprache der Abstraktion verweigert. „ Ein ganzes leichtgläubiges Volk glaubte an den Weihnachtsmann, aber der Weihnachtsmann war in Wirklichkeit der Gasmann.“ Diese Metapher von Grass hat Giebe in Bilder umgesetzt.

Abgerundet wurde das Bild der Dresdner Kunst und Malschule durch die Begegnung mit Max Uhlig. Seine mit einer Bildtechnik durch Striche geformten Grafiken und Gemälde stachen sehr aus dem Üblichen heraus, allerdings ohne ein für mich erkennbares umfassendes Thema zu haben. Seine Arbeiten sind heute in allen namhaften Auktionshäusern zu finden und sehr begehrt, was den meisten Künstlern aus der ehemaligen DDR noch immer durch die Macht westdeutscher Kuratoren und des Kunsthandels verwehrt bleibt. So wurde viele Jahre unter dem scheinheiligen Vorwurf der Systemnähe unliebsame Konkurrenz verhindert.

Letzte Station des offiziellen Teils der Reise war Karl-Marx-Stadt ( heute wieder Chemnitz ). In Einsiedel in der Nähe der Stadt lebte damals der auch dort geborene Maler Michael Morgner. Mit Carl Vogel, Rektor der Kunsthochschule Hamburg hatte er seit 1981 einen bedeutenden Sammler und Mentor, was ihm mehr internationale Orientierung und Verbindung in die Kunstszene der Bundesrepublik ermöglichte. Seine Maltechniken waren für die DDR absolut avantgardistisch. Mit der Lavage, Farbauswaschung aufgebrachter Farben, sowie seiner Nähe zu christlichen Themen stieß er im offiziellen Kunstbetrieb auf einigen Widerstand. Wir trafen ihn in einer Ausnahmesituation nach dem Krebstod seine Frau Dörte. Die letzten Wochen ihres Leidens und den  Tod hatte er in einer unglaublich beeindruckenden und bedrückenden Folge von Zeichnungen festgehalten. Für die Gespräche und Auswahl von Bildern war die daraus entstandene Beklemmung ein Hinderniss. Alles an ihm und seinen bildmächtigen Arbeiten beeindruckte uns tief. Bei dreißig Grad Hitze lud er uns zum Abschied in die einzige Dorfwirtschaft zum Mittagessen ein. Eine Qual der Wahl blieb uns erspart: Gänsekeulen mit Klößen und Rotkohl war das einzige verfügbare Gericht.

Jetzt trennten sich die Wege der Gruppe. Nach dem Ende der Auswahltour hatte ich im Anschluss eine einwöchige private Reise bei einem für DDR Reisen spezialisierten Unternehmen auf die Insel Usedom gebucht. Es sollte eine Erinnerungsreise zurück in meine Kindheit auf der Insel werden, von der ich mit meiner Familie im Frühjahr 1951 geflüchtet war. Obwohl ich damals erst 7 Jahre alt war, glaubte ich mich an Vieles erinnern zu können. Gebucht war ein Hotel in Zinnowitz, einem vor dem Krieg bekannten Seebad, das sich bereits in den zwanziger Jahren den zweifelhaften Ruf als erstes „judenfreies Seebad der Insel“ erworben hatte.

Auf der Fahrt aus dem Süden der DDR musste ich mich streng an eine bestimmte Route halten, an der seltene Tankstellen mit bleifreiem Benzin anzutreffen waren.  Nördlich von Berlin hielt ich an einer solchen Tankstelle.Noch bevor der Tank gefüllt war, sprachen mich zwei junge Mädchen an und fragten, ob sie mitfahren dürften. Meine Frage, wohin sie denn wollten, beantworteten sie mit entwaffnender Offenheit: „ Egal, wir wollen nur mal im Cabrio mitfahren“. Richtung Ostsee war dann doch die vorgesehene Richtung für die beiden Studentinnen, die mir Interessantes über den Studienbetrieb in ihrem Land vermitteln konnten. Abgesetzt in Anklam trennte ich mich von meinen Mitfahrerinnen und – freiwillig-zwei Cassetten mit Aufnahmen von Supertramp und Queen.

Von Anklam ging die Straße über eine kurze Brücke auf die Insel. Vorbei an dem namensgebenden Städtchen Usedom, Ückeritz und Koserow war mein erstes Ziel für einen kurzen Abstecher das  vor Zinnowitz gelegene Dorf Zempin, wohin die Familie von Swinemünde nach Kriegsende geflüchtet war. Hier hatte ich die frühen Jahre meiner Kindheit verbracht. Angekommen in dem Ort fuhr ich wie von einem Magneten gezogen nach rechts in eine kleine Seitenstraße, die Waldstraße, in der wir gewohnt hatten. Ohne das Haus „Grüneck“ zunächst zu finden, fuhr ich die in der Realität gegenüber meiner Erinnerung viel schmalere Straße bis zum Ende entlang. Erst in umgekehrter Richtung fahrend entdeckte ich das völlig herunter gekommene Gebäude, das ich nur durch den großen Wallnussbaum im inzwischen versandeten Garten erkannt habe. Ich war schockiert durch die Fülle der auf mich einströmenden Erinnerungen: Das Nachbarhaus, das den Eltern meines ersten Freundes, mit dem ich gemeinsam mit seinen Fettkreiden, um die ich ihn beneidet hatte, gemalt hatte, stand noch. Auch der kurze Weg durch den gegenüber liegenden Dünenwald zum Strand war mir in Erinnerung. Nach dem Tod meiner Frau im Jahr 2020 habe ich einen Karton mit der Aufschrift „wichtige Unterlagen“ gefunden und darin eine Postkarte von dieser Reise: „ Es ist noch alles wie vor 35 Jahren, nur die rote Fettkreide habe ich nicht mehr gefunden“.

Der erste Eindruck von Zinnowitz überraschte mich. Die Promenade, an deren Ende mein Hotel lag, kam mir vertraut vor. Die schöne Bäderarchitektur bestimmte nach wie vor das Bild. Zwar blätterte hier und da die Farbe, aber das beeinträchtigte meine Hochstimmung zunächst nicht. Strahlendes Sommerwetter und die quierligen Massen von Urlaubern zauberten den Eindruck ungetrübter Freude. Besucht war das kleine Hotel garni fast ausschließlich mit Westgästen. Systemfreunde aus der DKP, wenige Geschäftsleute und nostalgische Vergangenheitssucher wie ich bestimmten das

Bild dieser Gruppe. Auch im nebenan gelegenen Restaurant war zu den festgesetzten Essenszeiten eine spürbare Trennung von den Touristen aus der DDR vorgesehen. Das Restaurant war freudlos und funktional eingerichtet. Bestecke waren aus Aluminium. Die Stuhlgestelle aus Volleisen, von denen jedes Exemplar schätzungsweise 15 – 20 Kilo wog, waren unter diesen praktischen  Gesichtspunkten auch im Außenbereich vor jedem Diebstahlversuch gesichert. Eine Bedienung erklärte mir auf meine erstaunte Frage, warum das Mobiliar durchweg so gestaltet war. Das Kombinat, das die Möbel zu produzieren hatte, hatte ein Plansoll nach Stückzahlen, gleichgültig aus welchem Material. Materialkostenberechnungen waren nicht vorgesehen.

Essen und Portionen entsprachen dem, was mir noch aus der Bundesrepublik der frühen sechziger Jahre erinnerlich war: übervolle Teller, viel Fleisch und Dosengemüse. Fisch schwamm in Butter. Die Halbe Bier kostete 71 Pfennig. Der Nachtisch hieß Kompott, Kartoffeln und Gemüse hatten die hübsche Bezeichnung „Sättigungsbeilage“. Wer etwas Hochprozentiges trinken wollte, hatte in der Regel die Wahl zwischen „weiß oder braun“ ( Korn oder Weinbrand). Bei Weinen dominierten  „Grauer Mönch“ und „Erlauer Stierblut“ sowie „ Rosenthaler Kadarka“.  Die sehr geschätzten halbsüßen Weine galten als „Büchsenöffner“. Abgerundet wurde das Getränkeangebot durch Rotkäppchensekt als Stimmungsmacher für schöne Stunden. Es war eine, wie ich schnell feststellen konnte, überschaubare Genusswelt. Für alkoholische Getränke galt: Hauptsache es dreht.

Natürlich wurde bei dem herrlichen Wetter auch gebadet und jedes erreichbare schöne Fleckchen auf der Insel erkundet. Auch in dieser Hochsaison war die Insel nicht überfüllt. Es gab schlicht nicht genug Übernachtungskapazitäten. Geld für Neubauten war nicht vorhanden, was die wunderbare Bäderarchitektur – im Gegensatz zur Bundesrepublik – vor dem Abriss bewahrte. Der endlose Strand vor der Insel war nur in Reichweite der Kurorte mit den üblichen Strandkörben bedeckt. Vier  Mark pro Tag kostete das Vergnügen, das nur durch die bedrohliche Nähe der in Sichtweite ständig patrolierenden Kriegsschiffe beeinträchtigt war. Bei Dunkelheit strichen die Scheinwerfer der Schiffe über die Strände und den unmittelbaren Meeresabschnitt.

Ein Zielpunkt für mich war der Golm, der Grabhügel für die 23.000 Kriegstoten aus Swinemünde und Umgebung. Hoher Buchenwald säumte die auf DDR Gebiet liegende Grabstätte unmittelbar am Stadtrand der in Sichtweite liegenden heute polnischen Stadt, die mein Geburtsort ist. Hier habe ich als knapp Einjähriger den infernalischen Bombenangriff von 671 US- amerikanischen Bombern am 12.03.1945 erlebt und mit meiner Familie überlebt. „ Damit nie mehr eine Mutter um ihre Kinder weinen muss“ stand auf der auf dem Gipfel des Hügels gelegenen Gedenktafel.

Welche Anziehungskraft westdeutsche Lebensart, die durch Quelle und Neckermann Kataloge sowie das Fernsehen der Bundesrepublik bekannt war, auf die Menschen in der DDR ausübte, war täglich bei den kleinsten Gelegenheiten feststellbar. Einmal wurde ich mitten auf dem Hauptplatz von Zinnowitz von einem Mann, der mit ausgebreiteten Armen plötzlich vor mein Auto sprang, angehalten. Im ersten Moment fühlte ich mich als potentiellen Verkehrssünder von einem Zivilpolizisten ertappt, was sich sofort als Irrtum erwies. Der Mann, ein Fischer, wie er mir erklärte, wollte schlicht einen genaueren Blick auf mein Golf Cabrio werfen. Er sei ein Besitzer eines Exemplars von den 10.000  in die DDR gelieferten Golf. Als privater Fischer sei es ihm gut möglich gewesen, den horrenden Kaufpreis aus dem Schwarzverkauf von geräucherten Aalen, die aus der Zwangsabgabe an das Kombinat abgezweigt waren, zu begleichen. Er machte mir auch das Angebot, gegen „Bunte“, so wurde die deutsche Mark aus dem Westen bezeichnet, bis zu 10 Kilo der begehrten Ware zu erwerben.

An den Abenden habe ich in einer benachbarten Kneipe die Fußballweltmeisterschaft verfolgt, die damals für die Mannschaft der Bundesrepublik sehr erfolgreich verlief und schließlich im Endspiel gegen Argentinien ihre Höhepunkt fand. Ich war eigentümlich berührt von der selbstverständlichen Begeisterung der Menschen für die westdeutsche Mannschaft. Bei jedem Tor wurde gebrüllt und bei jedem Foul des Gegners wild gestikuliert. Der Klassenfeind existierte nicht mehr. Es ergab sich auch manche sehr interessante Gesprächsmöglichkeit bei den Kneipenabenden. Zwei Paare aus Dresden suchten erkennbar meine Nähe. Nach mehreren Treffen vor dem Fernsehschirm wurden die Adressen ausgetauscht und gelegentliche Kontaktaufnahmen besprochen.

Nach einer Woche trat ich, sehr beschäftigt mit der Bewältigung der ganzen Reiseeindrücke, die Heimreise an. Beim Grenzübertritt bei Lübeck ließ ich auch den DDR typischen Geruch nach zweitakter Benzin und verbrannter Braunkohle hinter mir, der an jedem Ort in diesem seltsamen Land in der Luft lag.

Angekommen in Bonn erhielt ich tags darauf eine Grußbotschaft von der Reise: Ein Strafzettel wegen zu geringen Abstands ( auf der Autobahn ). Zwei Monate später kam die erste Post aus Dresden. Ein Bildband von Hiddensee, der Trauminsel aller DDR Bürger, sollte mich gemeinsam mit meiner Frau zu einem Urlaub dort inspirieren. Man könne auch Unterkunft dort besorgen, was, wie ich wusste, so gut wie unmöglich war. In dem Brief wurde auch erwähnt, dass ich ja bald das Glück hätte, nach Israel zu reisen. Davon konnte ich nichts erzählt haben, weil es die Einladung zu dieser Reise durch die Bundeszentrale für politische Bildung bei meinem Besuch in der DDR noch nicht gab. Auch das war Alltag in der DDR, mit dem  ich auf späteren Reisen immer wieder konfrontiert wurde.

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Leitungsstab Bundesbauministerium von 1973 - 1979, zuletzt Persönlicher Referent des Ministers. 1979 bis 25.01.1990 Referatsleiter Presse, Öffentlichkeitsarbeit und politische Grundsatzfragen Ministerium für Bundesangelegenheiten NRW in Bonn, 26.01.1990 bis 02.10.1990 Leiter des Verbindungsbüros NRW in der DDR.


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