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Remigrations-Wahnsinn: Die blutige Geburt der Türkei

Gerd Eisenbeiß Von Gerd Eisenbeiß
30. Juli 2026
Mauer mit Stacheldraht-Hürde

Eine Geschichte von völkischer Ideologie, Vertreibung und Massenmord, eine Warnung für alle, die sich ein weißes, völkisches Europa wünschen.

Die Geburt eines türkischen Nationalstaats war eine der brutalsten und blutigsten Ereignisse des letzten Jahrhunderts. Die Ereignisse standen in engem Zusammenhang mit dem ersten Weltkrieg sowie der schon 100 Jahre zuvor aufgekommenen Ideologie, jedes Volk müsse seinen Staat haben – 1918 verstärkt durch US-Präsident Wilsons Verkündung eines Selbstbestimmungsrechtes der Völker nach dem 1. Weltkrieg.

Das osmanische Reich war eines der Imperien, die in dieser Zeit an Macht verloren; es war ein Vielvölkerstaat mit einem Sultan an der Spitze, der als Kalif Nachfolger Mohameds Oberhaupt der (sunnitischen) Moslems war.

Im osmanischen Großreich gab es bis zu seinem Ende vor 100 Jahren ein gutes Zusammenleben von Muslimen und Christen – letztere waren etwa zur Hälfte Griechen in Thrakien und Kleinasien sowie Armenier (um 1900 je etwa 2,5 Mio). Die Untertanen in Südosteuropa und Kleinasien empfanden sich lange Zeit als „Osmanen“.

So wie vor 200 Jahren der Nationalismus entstand, schwand die Macht der osmanischen Regierung, des Sultans und Kalifen in Istanbul. So befreiten sich nach und nach slawische Balkanvölker sowie die Griechen auf ihrer Halbinsel und der ägäischen Inselwelt.

Im ersten Weltkrieg waren die Osmanen Verbündete Deutschlands, dessen Kaiser sich als Schutzherr aller Moslems aufspielte, also für England, Frankreich und Russland Kriegsgegner; diese sowie Italien griffen Kleinasien von allen Seiten mit Invasionstruppen an.

Das ließ bei Griechen und Armeniern Träume von früherer Größe auferstehen. Zugleich verfolgten die großen Mächte drum herum territoriale Interessen:

  • Die Russen hatten bereits die Gebiete nördlich des Schwarzen Meeres erobert (z.B. die Krim) und viele Muslime gewaltsam vertrieben; außerdem stießen sie durch den Kaukasus in früher armenische Gebiete vor, die einst auch den Berg Ararat, den Van-See und Gebiete mit viel kurdischer Bevölkerung umfassten.
  • Das verlockte armenische Einheiten osmanischer Truppen auf die russische Seite zu wechseln, um sich ein größeres Stück vom ostanatolischen Kuchen zu sichern. Auch die Armenier gingen dabei brutal vor.
  • Deutschland sah sich als Verbündeter Istanbuls, weshalb die Alliierten Engländer und Franzosen den Rest des osmanischen Reiches mit Invasionstruppen bekämpften – verbündet auch mit Griechenland, das unter seinem politischen Führer Venizelos militärisch versuchte, den westlichen Rand Kleinasiens, möglichst sogar „Byzanz“, an Griechenland anzuschließen. Die Wiedereinsetzung des 1917 geschassten Königs Konstantin I (Schwager des deutschen Kaisers), einem zu Deutschland neigendem Monarchen, beendete 1920 die Unterstützung Griechenlands durch Frankreich, das im Südosten Kleinasiens territoriale Interessen in Kilikien und Syrien verfolgte
  • Auch Italien versuchte, sich im Süden Kleinasiens  (in Lykien, wo bis dahin Moslems, Griechen und Armenier als „Osmann“ friedlich zusammengelebt hatten) ein Stück vom Kuchen zu sichern.

Alle diese Invasoren stießen letztlich auf das politische und militärische Genie des Mustafa Kemal (später “ Atatürk“), der es geschickt schaffte, seinen Traum von einem modernen Nationalstaat der Türken zum Erfolg zu führen. Dabei hat sich der gegenseitige Hass zwischen muslimischen Türken und Christen griechischer und armenischen Herkunft in unglaublichen Gewalttaten, Massakern und Vertreibungen („Todesmärsche“) entladen. Es scheint bei fairer Beurteilung nicht so, als wäre dabei nur den Armeniern völkermordartiges Unrecht geschehen; vielmehr haben diese wie auch die Griechen gleiche Schuld auf sich geladen.

Die Griechen hinterließen bei und in Smyrna verbrannte Erde und massenweise vergewaltigte und getötete Menschen jeden Alters und Geschlechts. Die Franzosen bedienten sich armenischer Truppen und Banditen in Kilikien. Was da stattfand, war keine ethnische Säuberung, sondern eine religiöse. Die meisten Griechen (vielleicht nicht in Smyrna und anderen größeren Städten im Westen) sprachen türkisch, schrieben diese Sprache wie alle anderen arabisch und verstanden weder modernes noch altes Kirchengriechisch. Umgekehrt kamen die griechisch sprechenden und schreibenden Moslems von Thrakien, Athen oder Kreta als Türken in ein ihnen fremdes Land.

Die Moslems auf dem Land konnten nur selten lesen und schreiben (in arabischer Schrift!), in ihren Schulen brachte man den Kindern hauptsächlich bei, den Koran auf Arabisch herunterzuleiern – eine Sprache die man in Kleinasien überhaupt nicht verstand.

Auch deshalb waren griechische und armenischer Christen vielfach gebildeter und wohlhabender als muslimische Türken, so dass vieles zusammenbrach, als man sie vertrieb.

Für das kleine Volk der Armenier endete das Drama besonders katastrophal. Das junge, kommunistische Russland einigte sich mit Mustafa Kemal 1922 auf eine Grenzlinie, die das Restterritorium der Armenier hinter ihren „heiligen“ Berg Ararat und hinter den Fluss Aras in den Kleinen Kaukasus zurückdrängte, bis 1991 als Teil der Sowjetunion. Auch aus diesen Gründen wanderten viele Armenier in alle Welt aus und forderten, ihre gewalttätige Vertreibung als „Völkermord“ anzuerkennen, was vereinzelt gelungen ist. Allerdings habe ich keine Quellen gefunden, die das von den Armeniern begangene Unrecht vergleichbarer Brutalität anerkennen würde – vielleicht eine Folge der Zahlenverhältnisse, weil die griechischen und türkischen Massenopfer immer noch relativ klein erscheinen gegenüber der Größe dieser Völker, während das kleine Volk der Armenier einen hohen Prozentsatz seiner Angehörigen verloren haben dürfte.

Wer von den vertriebenen Griechen das ferne Griechenland tatsächlich lebend erreichte, fand ein armes Land mit einer unverständlichen Sprache. Lange Zeit waren diese Griechen Fremdlinge für die Einheimischen, oft diskriminiert und natürlich sehr arm. Wahrscheinlich ist die Integration erst nach dem Bürgerkrieg nach 1945 gelungen, als Griechenland als Teil der westlichen Welt die Türkei deutlich überholten konnte.

Die so entstandene Türkei entledigte sich unter der autoritären Führung Mustafa Kemals (Atatürk) seiner historischen Vielvölkerstrukturen, des Sultanats 1924 sowie religiöser Zwänge in Kleidung und öffentlichem Leben. Die arabische Schrift wurde gegen die lateinische ausgetauscht. Vom alten Vielvölkerstaat blieben kleine Minderheiten im Land (z.B. Aleviten, Aramäer, Tscherkessen und bis zur Massenvertreibung 1955 auch Griechen in Istanbul), aber vor allem die große Zahl der Kurden, die eben keine Türken waren oder sein wollten. Lange Zeit regierte Atatürk (gest. 1938) und nach ihm bis 1965 sein Freund und Gesinnungsgenosse Ismet Inönü eine Türkei, die ein europäischer Staat werden sollte. Wahrscheinlich war dieser Modernisierungsdruck für einen großen Teil der Bevölkerung im Zentrum und Osten Kleinasiens eine Überforderung, so dass der heutige Präsident Erdogan die Chance seit 1994 nutzte, den Kurs zurück in Richtung islamistischen Nationalismus zu drehen – seit 2003 als Regierungschef, später als Präsident.

Und das alles ist nicht ferne Geschichte, sondern in Konzepten lebendig, die sich ein weißes Europa wünschen, Remigration als rassische Säuberung planen – nicht etwa im Geheimen, sondern als Versprechen, dem bereits viele Millionen Verführte folgen!

[1] Dieser Text beruht auf Sach- und Roman-Literatur sowie Wikipedia.

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Comments 1

  1. Jürgen Seitz says:
    1 Monat ago

    Es ist sehr dankenswert, mal etwas zur Verbreitung „türkischer“ Geschichte beizutragen und man möge mir verzeihen, dass ich hier nur einige kritische Anmerkungen zufüge:
    Das Osmanische Reich war ein feudales Imperium, in dem man nicht „Bürger“, sondern Untertan war. Die Rechtsstellung der einzelnen Person hing stark von der Zugehörigkeit zur jeweiligen religiösen Gemeinschaft ab, also Moslem, arm. Christ, gr. orth.Christ, Maronit, Alevit, usw. usw. , die soziale Stellung hing stark von großfamiliären Verwandtschaften ab (die heute mit dem schottischen Wort „Clan“ umschrieben werden). „Nationen“ oder „Ethnien“ gab es nicht, eigentlich. Insofern bezweifle ich, dass sich viele Einwohner(innen) als „Osmanen“ fühlten. Die Identifikation mit dem Staat, in dem man lebt, war vor der Erfindung des Nationalismus überall auf die Oberschicht begrenzt.
    Im Laufe des 19.Jht. wurde offensichtlich, dass der westeuropäische Nationalismus (v.a. Frankreich und Großbritannien) wirtschaftlich und (daher) militärisch überlegen war. Das unter Druck geratene Osmanische Reich versuchte einige Modernisierungen; schließlich ergriffen die „Jungtürken“ die Macht, d.h. sie stellten den Sultan kalt, und versuchten (stark verkürzt) die Untertanen mit Gewalt und nationalistischer Ideologie zu „Türken“ zu machen, dabei aber die Grenzen des Imperiums zu behalten, und vor allem keinesfalls eine Demokratie einzuführen. Ein tödliches Drama, wie wir es auch beim Untergang anderer Imperien gesehen haben. Die Teilnahme am 1.Weltkrieg auf Seiten des ideologisch ähnlichen Deutschen Reiches war dann nur zu verlockend um alles auf eine Karte zu setzen.
    Im Krieg geschehen furchtbare Dinge. Auch Armenier haben gemordet, keine Frage. Völkermord ist aber etwas anderes. Das setzt eine Absicht auf Ausrottung voraus! Dabei geht es nicht um Statistiken.
    Atatürk wiederum, General im Krieg, zog einige richtige Konsequenzen: ein Nationalstaat braucht die (überwiegende) Zustimmung seiner Bevölkerung, er braucht Wahlen, er muss laizistisch sein, er braucht staatliche Schulen usw. Es wurden sogar einzelne Kriegsverbrecher des armenischen Völkermords vor Gericht gestellt. Nicht alles wurde gut, aber Erdogan ist nun wirklich mehrere Generationen später… JS

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