Schriftzug Respekt

Respekt als Wahlkampfthema?

Die SPD hat ihr Wahlprogramm 2021 Zukunft Respekt Europa vorgestellt. Insbesondere der Begriff Respekt im Titel sorgte bei einigen Beobachter*inne für Aufmerksamkeit, wenn nicht Verwunderung. So fragte mich ein Freund, der seit über 50 Jahren SPD-Mitglied ist, nach meiner Meinung. Ich antwortete ihm wie folgt:

Lieber Freund,

um es gleich vorweg zu sagen: ich halte Respekt für ein großes, wichtiges Thema und will Dir von einigen persönlichen Erfahrungen mit dem Sachverhalt berichten, die ich während meiner Forschungsarbeiten mit Industriearbeiterinnen und weiblichen Angestellten gemacht habe.

Im Rahmen des vom Land NRW aufgelegten Forschungsprogramms zur sozialverträglichen Technikgestaltung habe ich seinerzeit gemeinsam mit einer Projektgruppe die Arbeitssituation und Interessenvertretung von Frauen untersucht. Die Ergebnisse unserer Forschungsarbeit erschienen 1989 unter dem Titel Fraueninteressen im Betrieb.[1]   

Während unserer empirischen Studien stießen wir immer wieder auf den Sachverhalt, dass gerade die sog. marginalisierte Gruppen von Beschäftigten (wie etwa die von uns befragten un- und angelernte Fabrikarbeiterinnen) unter einem Mangel an Anerkennung litten. Damit ist nicht nur die schlechte Bezahlung und die Lohndiskriminierung gemeint, sondern auch all das, was wir mit dem Begriff der„symbolischen Interessen“ bezeichnet haben: persönliche Wertschätzung, Anerkennung der Leistung (auch von teilweiser stupider repetitiver Detailarbeit), Achtung und Beachtung, Umgang untereinander und Behandlung seitens der Vorgesetzten.

All das sind Synonyme und Teilaspekte des Begriffs Respekt. Fast in jedem unserer zahlreichen Interviews teilten uns die Frauen mit, dass sie sich oft „wie der letzte Dreck“ behandelt fühlten. Sie fühlten sich in ihrer Würde als Menschen verletzt. Dies spielte damals und spielt sicher auch heute noch eine immense Rolle in der Selbstwahrnehmung dieser Beschäftigtengruppen, die unter prekären Arbeitsbedingungen arbeiten und Mißachtungserfahrungen erleiden. Wir kamen damals zu dem Ergebnis, dass es eine Verschränkung von materiellen Interessen (an Lohn, Arbeitszeit, Abbau von Belastungen etc.) mit „symbolischen“ gibt und dass beide Sachverhalte bei der Interessenvertretung von Frauen zu berücksichtigen und aufzugreifen sind, will man deren Widerstandspotentiale aktivieren. (Die SPD hat mit ihrer Hartz IV-Politik diese Interessendimension seinerzeit sträflich ignoriert und es ist mehr als überfällig, dass sie diese Politik endlich korrigiert).

Theoretischen Rückhalt für diese These fanden wir in sozialgeschichtlichen Studien von Barrington Moore, der ein bahnbrechendes Buch über Soziale Ungleichheit, Unrechtsempfinden und Resistenz von Massen geschrieben hat, das seinerzeit unter dem Titel „Soziale Ursprünge von Diktatur und Demokratie“ erschien. Darin entwickelt er die These vom „impliziten Gesellschaftsvertrag“, der, wenn er seitens der Herrschenden gebrochen wird, zu rebellischen Reaktionen seitens der Unterdrückten führt – wenn das Fass zum Überlaufen gekommen ist sozusagen. Hier beruft sich Moore u.a. auf Ernst Bloch, der ähnliche Beobachtungen angestellt hatte. Auch auf frühe Studien von Richard Sennett und Jonathan Cobb haben wir zurückgegriffen, in denen wir die interessante These von der Notwendigkeit einer „Gegenkultur kompensatorischer Anerkennung“ fanden, die es für die Ansprache und Mobilisierung von Beschäftigten seitens der Interessenvertretung aufzubauen gelte. Sennett weist in seiner Studie „Respekt im Zeitalter der Ungleichheit“ u.a. darauf hin, dass das Thema Respekt oft auch unter ähnlichen Begriffen wie „Anerkennung“, „Prestige“, „Status“, „Ehre“, „Würde“ behandelt wird; also all das,  was wir mit der symbolischen Dimension von Interessen bezeichnet haben.

Die Ergebnisse unserer Studien stießen damals vor allem in den Gewerkschaften auf Interesse, so dass wir uns entschlossen, zusätzlich zu unserem Buch noch eine handliche Broschüre für die Gewerkschaftsarbeit zu erstellen. Allein die IG Metall legte 10.000 Exemplare davon auf. An Aktualität dürfte das Thema nichts verloren haben, gibt es doch immer noch viele Branchen mit marginalisierte Gruppen von Beschäftigten, deren Existenzbedingungen unsicher sind und die am Mangel an Respekt zu leiden haben. Mich jedenfalls treibt das Thema „Anerkennung und Respekt“ immer noch um, gerade weil es dabei immer um die Würde einer Person als Ganzes geht – unabhängig von Geschlecht, Status, Herkunft oder Ethnie.

Heute wird der Begriff ein wenig inflationär gebraucht: Respekt wird etwa in der Fußballöffentlichkeit (in den Stadien, durch die Vereine und Verbände) eingefordert, immer dann, wenn es wieder mal einen bösen Fall von Rassismus gegeben hat, was ich gut und richtig finde, weil es doch helfen kann, die große Schar der Fans vielleicht etwas zu sensibilisieren. Gleichwohl wirken die Auftritte oft reichlich plakativ, als würde man eine Pflicht damit erfüllen. Wenn in den USA die Basketballer niederknien für die Aktion „Black lives matter“, hat das dann doch mehr Aussagekraft, natürlich auch vor dem Hintergrund der strukturellen Gewalt und personell vermittelten Brutalität der Polizei gegen Farbige, die jetzt People of Colour genannt werden. Jedenfalls ist so allmählich der Ausdruck Respekt im Alltag angekommen, wenn auch mit der Gefahr der inhaltlichen Ausdünnung (bei „Netto“ kann man etwa ein Reinigungsmittel namens Respekt kaufen, das angeblich umweltschonend und biologisch abbaubar sein soll, nur als Beispiel). 

Auf eine andere Dimension verweist dann der (wenn auch wohlfeile) Beifall von den Balkonen aus für die Pflege- und Heilkräfte in unserem Gesundheitssystem, eine Respektbezeugung für solche “systemrelevanten“ Berufe in der medizinischen und Altenpflege, die in Coronazeiten aufgekommen und leider reichlich folgenlos geblieben ist, denn in den Tarifverträgen und Eingruppierungen spiegelt sich dieser Respekt immer noch nicht wider, wie die unlängst am Widerstand der katholischen Caritas gescheiterten Tarifverhandlungen gezeigt haben. Aber immerhin ist die Diskussion nunmehr wohl auch in der Arbeitswelt angekommen.

Abschließend sei bemerkt, dass es gerade auch angesichts einer zunehmenden Verrohung der Umgangsformen in Teilen der Bevölkerung, der Gewaltbereitschaft und zunehmender Hasstiraden auf Andersdenkende schon nicht unerheblich ist, wenn mehr „Respekt“ auch im Alltag und auf der Straße eingefordert wird. Es kann nicht verkehrt sein, wenn heute Kampagnen gegen Rassismus (es gibt ja auch einen sozialen Rassismus), Diskriminierung und Gewalt, Hass auf alles Fremde und Andere im Aussehen, in der Herkunft, sexuellen Orientierung, kulturellen Identität etc. laufen. Der Respekt, der hier eingefordert wird, will allererst eingelebt sein, damit sich so etwas wie eine Gegenkultur entwickeln kann. Mehr „Achtsamkeit“ könnte auch hierbei helfen, damit das Ganze nicht zu einer vorübergehenden Modeerscheinung wird, die von denjenigen eingefordert wird, denen es ohnehin besser geht als den „Anderen“. 

Es wäre schön, wenn wir bei Gelegenheit weiter über das Thema diskutieren könnten und Du mit meinen vorläufigen Hinweisen ein wenig anfangen könntest. Wie immer herzliche Grüße!


[1]               Petra Frerichs/Martina Morschhäuser/Margareta Steinrücke: Fraueninteressen im Betrieb. Arbeitssituation und Interessenvertretung im Zeichen neuer Technologien; Westdeutscher Verlag, 1989, 544 S.

Bildquelle: Pixabay, Bild von Thomas Rackow, Pixabay License

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Petra Frerichs

Dr. Petra Frerichs, Studium der Literatur- und Sozialwissenschaften, schreibt über Literatur (und Kunst), am liebsten gegen das Vergessen von guten alten Sachen.


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