Uwe-Karsten Heye und Ministerpräsident Woidke bei der Urkundenübergabe

Sein Leben lang im Kampf gegen Rechts – Uwe-Karsten Heye mit dem Bundesverdienstkreuz geehrt

„Der Kampf gegen Rechts und für die Demokratie ist sein Lebensthema“, schrieb die SPD-Zeitung „Vorwärts“ zum 80. Geburtstag von Uwe-Karsten Heye vor knapp einem Jahr. Die Autorin des Beitrags, Renate Färber-Husemann, hat Recht mit ihrem Urteil. Wer Uwe kennt, wird das bestätigen. Seit Jahren schreibt Heye auch im Blog-der-Republik vor allem über diese Themen, die die Probleme der Bundesrepublik sind. Am 24. Februar 2021 lautete sein Kommentar für unseren Blog: „Stolpersteine- Erinnerung und Mahnung, denn erneut wächst Antisemitismus und Rassismus.“ Am 19. Mai des Jahres schrieb Heye: „Antisemitismus braucht Aufklärung und Widerstand“. Am heutigen Freitag wurde der ehemalige Regierungssprecher des Kanzlers Gerhard Schröder, der spätere Chefredakteur des „Vorwärts“, der heutige Autor des Blogs-der-Republik und Mitgründer sowie Vorsitzender des Vereins „Gesicht zeigen“, Uwe-Karsten Heye, mit dem Bundesverdienstkreuz 1. Klasse ausgezeichnet. Er wurde geehrt für sein „unerschütterliches und couragiertes Eintreten für ein weltoffenes Deutschland“.

Der Verein „Gesicht zeigen! Für ein weltoffenes Deutschland“ wurde im Jahr 2000 nach einem Anschlag auf die Synagoge in Düsseldorf ins Leben gerufen. Zu den Gründungsmitgliedern zählte neben dem damaligen Präsidenten des Zentralrats der Juden in Deutschland, Paul Spiegel, und dem Vizepräsidenten Michael Friedmann der damalige Regierungssprecher Uwe-Karsten Heye, der bis heute Vorsitzender des Vereins ist. Gesicht zeigen, das muss betont werden, finanziert sich über Spenden und Fördergelder. Der Verein will Menschen ermutigen, aktiv zu werden gegen Rassismus, Antisemitismus, Fremdenfeindlichkeit und rechte Gewalt. Er greift ein in entsprechende politische Debatten, bezieht öffentlich Stellung, will sensibilisieren für jede Art von Diskriminierung und Stärkung des zivilgesellschaftlichen Engagements. Er bringt Menschen zusammen- für ein weltoffenes Deutschland. Der Verein entwickelt Projekte und Aktionen, initiiert Kampagnen im Kino, Fernsehen und auf Plakaten, die für Zivilcourage werben, er tritt ein für die Einwanderungsgesellschaft und den Respekt voreinander. Man veranstaltet Schulbesuche, Diskussionen, Lesungen, Konzerte. Jahr für Jahr organisiert der Verein die Aktionswoche gegen Rassismus. Er wurde ausgezeichnet mit der Buber-Rosenzweig-Medaille, für den Internet-Blog „Störmelder“ bekam er den Grimme-Online-Award.

Prägende Jahre mit Willy Brandt

„Wir sind mächtig stolz auf unseren Gründer und Freund Uwe-Karsten Heye“, schreibt die Geschäftsführerin von „Gesicht zeigen“, Sophia Oppermann anlässlich der Auszeichnung Heyes durch den brandenburgischen Ministerpräsidenten Dietmar Woidke(SPD) in Potsdam. „Das Team Gesicht zeigen freut sich sehr über die Preisverleihung. Wir sind gespannt auf weitere motivierte Jahre im gemeinsamen Kampf gegen alte und neue Nazis und für eine offene Gesellschaft.“

Der Kampf gegen Rechtsextremismus ist auch der Kampf gegen die unzulängliche Aufarbeitung deutscher NS-Geschichte, wie sie auch einer wie Uwe-Karsten Heye, Jahrgang 1940, erlebt hat und was ihn beschäftigt hat. Dazu gehören die ihn prägenden Jahre mit Willy Brandt, dessen Redenschreiber der einstige Korrespondent der SZ in Bonn war. Und dessen schwieriges Leben Heye natürlich kannte, die Flucht des Sozialdemokraten vor den Nazis, der später in der Bundesrepublik von einigen politischen Gegnern dafür bekämpft wurde, den die Adenauer-CDU mit Flugblättern versuchte zu diffamieren, weil er ein uneheliches Kind war und Herbert Frahm hieß. Der Mann, der später den Friedensnobelpreis bekam für seine Politik des Friedens und der Entspannung.

Verantwortung, die aus der Vergangenheit erwächst, hat Heye das formuliert in einem Interview mit dem Deutschlandfunk. Er selber hat die Flucht seiner Familie in einem bewegenden Buch beschrieben mit dem Titel: „Vom Glück nur ein Schatten.“ Ein Buch, in dem er beschreibt, wie seine Mutter mit den Töchtern und Sohn Uwe auf dem Weg zur „Gustloff“ war, sie hatten Karten für das Schiff, das später durch einen Torpedo getroffen, unterging mit vielen Hunderten von Toten. Aber die Mutter entschied sich anders und man nahm irgendeinen Zug. Und überlebte. Der Vater suchte später die Familie, glaubte, sie sei mit der „Gustloff“ untergegangen, so fand man sich erst viele Jahre später wieder, zu spät, um noch einmal zueinander zu finden. Er hat das Buch im Jahr 2003 geschrieben, basierend auf Notizen seiner Mutter, die sie ihm gegeben und die er wie einen Schatz gehütet hatte, in den hineinzuschauen er zunächst den Mut nicht fand. Weil er nicht wusste, was in den Notizen stand. Uwe hatte von einem Freund gehört, dass der als Erwachsener von den Verstrickungen seiner eigenen Familie in Nazi-Verbrechen erfahren und sich das Leben genommen hatte, weil er es nicht ertragen konnte. Und dann fasste er den Mut und las die 14 Seiten seiner Mutter und stellte erleichtert fest, dass diese mit den Nazis nichts am Hut gehabt hat. Mehr noch, sie war gegen diese braunen Nazis.

Der Kniefall von Warschau

Um noch einmal auf Willy Brandt zu kommen: Den hat Uwe Heye verehrt, weil der SPD-Politiker, wie er es empfand, „Menschlichkeit ausstrahlte“, Brandt „keiner war, vor dem man Angst haben musste.“ Im Gegenteil. Man denke nur an den Kniefall von Warschau, „weil er diese Last der eigenen Geschichte auf seinen Schultern“ spürte, obwohl Brandt ohne Schuld war, kein Nazi. Und dennoch diese Geste der Demut und Entschuldigung. Man versteht, warum Heye sich so in dem erwähnten DLF-Interview äußerte. Auch in unserem Blog-der-Republik hat er mehrfach seine Partei aufgefordert, zu den Wurzeln zurückzufinden. „Jedes fünfte Kind- ich bin wieder beim Rundfunk-Interview- ist unterhalb der Armutsgrenze. Kann ich das als Sozialdemokrat einfach nur hinnehmen oder muss ich was dagegen tun.“ Und führt als weiteren kritischen Punkt unserer Gesellschaft an: „Die Wirtschaftseliten verschwinden aus der Verantwortung für die Gesellschaft.“ Und er nennt Beispiele: Volkswagen, einst Synonym für Seriosität, dann eine Betrügerbande, um ihre Autos besser in Amerika zu verkaufen. Deutsche Bank und organisierte Kriminalität, der ADAC, der DFB, alles „ein Maß an Verluderung“. Demgegenüber stünden die „Menschen, die schwer arbeiten müssen und das Gefühl haben, sie sind gar nicht mehr gefragt.“

Willy Brandt würde ihm Recht geben, wenn Uwe Heye fordert, die Politik sei nicht für das „reiche Drittel in der Gesellschaft zuständig, sondern im Wesentlichen für die Zwei Drittel, denen wir ein angemessenes Leben ermöglichen sollen. Und möglichst auf eine Weise, dass so etwas wie soziale Gerechtigkeit“ entstehe, für die man sich anstrengen müsse. Heye kritisiert, „dass wir zugelassen haben, dass das Ökonomische, der wirtschaftliche Benefit das Entscheidende ist“. Alles andere spiele dagegen keine große Rolle. Er fragt nach der kulturellen Identität, die man habe schleifen lassen. Und dass die Welt nicht von einem Riesenkonzern zusammengehalten werde, sondern davon, „dass wir miteinander ein soziales Miteinander behalten. „

Als ob nichts gewesen wäre

Um dann zu dem Thema zu kommen, was ihn sein Leben lang beschäftigt. „Dass es notwendig ist, den zivilgesellschaftlichen Widerstand zu stärken. Den Widerstand gegen alle die, die uns erneut mit Hassmails, mit unglaublichen Äußerungen im Netz den Eindruck vermitteln, als ob die Welt insgesamt bereit ist, sich selbst zu zerstören. Wenn ich lese, wie wir mit Flüchtlingen umgehen sollten, „die Gleise nach Auschwitz liegen noch, dann geht es mir kalt den Rücken runter. Und ich frage mich, was in einem Menschen vorgeht, der so etwas aufschreibt, um mitzuteilen, wie man mit Menschen umgehen sollte, als ob alles nicht gewesen wäre.“ Der Holocaust, der Mord an sechs Millionen Juden. Ja, wo ist das historische Bewusstsein für die Taten der Vorväter, wo die Kenntnis eines Regimes, das aus Verbrechern bestand, dem Millionen Deutsche nachliefen. Und später wollte es keiner gewesen sein.

Ein letztes Wort von Heye zu den Flüchtlingen, deren Integration geboten ist, was aber nicht nur Zustimmung oder gar Beifall auslöst. Dabei sollte man nicht vergessen, dass afrikanische Länder ausgeplündert werden, dass die Armutswelle dort steigt und mit ihr die Not und der Drang vieler Afrikaner, nach Europa zu fliehen. Und man darf dabei nicht ausblenden, dass wir über die Veränderung des Klimas dazu beitragen, dass ganze Regionen vermutlich unbewohnbar gemacht werden. Dass 65 Millionen Menschen auf der Flucht sind, vor Krieg oder Naturkatastrophen, dagegen müssen wir ankämpfen. Wörtlich Uwe-Karsten Heye im DLF:“ Ich glaube, dass wir diese Debatte führen und dass wir aufhören müssen, so zu tun, als ob uns die Welt nichts angeht und nur unser eigener Bauchnabel noch eine wichtige Rolle spielt.“

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Alfons Pieper

arbeitete als stellvertretender Chefredakteur und Berliner Chefkorrespondent für die WAZ. 2009 gründete Pieper den Blog "Wir in NRW". Heute ist er Chefredakteur des Blogs der Republik.


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