Uhren

Sommerzeit bleibt Leidenszeit

Die Uhren sind wieder um eine Stunde vorgestellt. Für die einen ist es nur ein lästiges Ritual, für viele andere beginnt mit der Sommerzeit eine Leidenszeit. Ihr Biorhythmus gerät aus dem Takt. Schlechter Schlaf, Übermüdung, Dauerstress und daraus resultierende Symptome sind die Folge. Der Alltag wird zu einem permanenten Kampf gegen die innere Uhr.
Der Unsinn sollte längst ein Ende haben. Das wäre ein Segen, gerade jetzt, wo die Corona-Pandemie bleischwer auf den Gemütern lastet. Doch das Ende lässt weiter auf sich warten. Ein peinliches Gezerre in der Europäischen Union blockiert das Vorhaben, für das sich eine deutliche Mehrheit der Unionsbürger ausgesprochen hatte.

Zu Beginn sah das Ganze nach einer besonders bürgerfreundlichen Prozedur aus. Die Europäische Kommission startete im Internet eine Befragung, um zu ermitteln, wie die Bevölkerung zur Sommerzeit steht. Die Teilnahme war besonders groß in Deutschland, das Ergebnis eindeutig. Die überwältigende Mehrheit derer, die an der Abstimmung mitwirkten, sprach sich für die Abschaffung der Sommerzeit aus.

Die Kommission hatte sich darauf festgelegt, dem Votum zu folgen und legte 2018 einen Vorschlag vor. Das Europäische Parlament fühlte sich dem Willen der Bürgerschaft verpflichtet und trieb das Gesetzgebungsverfahren voran. Doch im Rat verhedderten sich die Mitgliedsländer und fanden keine Einigkeit. Also schoben sie das Projekt auf die lange Bank und ließen es dort liegen.

Im Moment ist nicht erkennbar, dass der Rat es wieder aufgreift und nach den verlorenen Jahren auch endlich abräumt. So unterschiedlich wie die geographischen Bedingungen zwischen Nord- und Südeuropa, so unterschiedlich auch die Haltungen der nationalen Regierungen. Das weckt Befürchtungen, dass es im Binnenmarkt mit dem Ende der Zeitumstellung zu einem Flickenteppich unterschiedlicher Regelungen kommt.

Denn statt einfach die Sommerzeit abzuschaffen, wie es die ursprüngliche Intention der jahrzehntelangen Kampagne war, entbrannte ein Streit um die Frage, ob in Zukunft dauerhaft Sommer- oder Normalzeit gelten solle. Diese abstruse Auseinandersetzung hatte die Kommission schon mit der Befragung angelegt. Aus unerfindlichen Gründen tauchte dort eine „Winterzeit“ auf, ein Konstrukt, das schon rein sprachlich dunkle und graue Vorstellungen provoziert. In der Folge herrschte Verwirrung. Einige Länder, darunter Deutschland, schienen plötzlich nicht mehr die Abschaffung, sondern vielmehr die ewige Gültigkeit der Sommerzeit anzustreben.

Das wäre eine fatale Entwicklung und liefe dem vordringlichen Ziel des Gesundheitsschutzes zuwider. Die gravierenden gesundheitlichen Probleme werden nicht allein durch die Umstellung der Zeit zweimal im Jahr hervorgerufen. Vielmehr sind auch bei permanenter Sommerzeit ernsthafte Beeinträchtigungen zu erwarten. Insofern ist die Forderung nach neuer wissenschaftlicher Expertise zur Folgenabschätzung schon richtig. Gründlichkeit geht vor Schnelligkeit. Ärgerlich nur, dass Brüssel und die Mitgliedsländer so viel Zeit verstreichen lassen und sich ein überflüssiges Tauziehen auf Kosten der Bürger liefern.

Bildquelle: Pixabay, Bild von Gerd Altmann, Pixabay License

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Petra Kappe
Über  

Die promovierte Medienwissenschaftlerin arbeitete mehr als 20 Jahre in der Politikredaktion der Westfälischen Rundschau. Recherchereisen führten sie u. a. nach Ghana, Benin, Bosnien-Herzegowina, Kroatien, China, Ukraine, Belarus, Israel und in das Westjordanland. Sie berichtete über Gipfeltreffen des Europäischen Rates, Parteitage, EKD-Synoden, Kirchentage und Kongresse. Parallel nahm sie Lehraufträge am Institut für Journalistik der TU Dortmund sowie am Erich-Brost-Institut für Internationalen Journalismus in Dortmund wahr. Derzeit arbeitet sie als freie Journalistin.


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