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Was steckt eigentlich hinter dem US-amerikanischen Olympia-Boykott?

Gleich mehrere Staaten haben in letzter Zeit verlautbaren lassen, keine Delegation zu den Olympischen Winterspielen nach Peking zu entsenden. Allen voran die USA. Diese hatten bereits vor Wochen den Boykott öffentlich gemacht und sukzessive Partnerstaaten auf ihre Seite gebracht. Darunter Australien und Großbritannien.

Auch die deutsche Außenministerin Annalena Baerbock wird nicht zu den Winterspielen, die im Februar stattfinden, reisen. Für die neue deutsche Außenministerin seien es vor allem persönliche Gründe, die dazu führten, nicht nach Peking zu reisen, sagte sie jüngst. Andere Staaten, wie etwa Russland und Südkorea, hingegen wollen Delegationen entsenden.

Aber was steckt eigentlich genau hinter dem Boykott, den die Amerikaner maßgeblich forciert haben? Und wird er überhaupt ernst genommen angesichts der aktuellen Pandemie-Entwicklung, die ein Reisen in ferne Länder sowieso erschwert?

Sicherlich sind die ungenügende Menschenrechtslage der Uiguren in der unterjochten Region Xinjiang und die immer stärker beschnittenen Freiheitsrechte der Bevölkerung seitens der chinesischen Regierung ein gewichtiger Grund, ein Zeichen der Entrüstung zu setzen. Das haben die USA auch deutlich gemacht. Das ist auch angebracht. Auch Baerbocks Entschluss ist richtig.

Denn Peking zeigt mit seiner Politik der eisernen Faust in Taiwan und Hongkong, der systematischen Überwachung seiner eignen Bevölkerung mit einem für europäische Augen unhaltbaren Sozialpunktesystem oder eben der „ethnischen Säuberungen“ (Zitat aus den USA) in Xinjiang, was es von Menschenrechten nach demokratischen Standards hält: gar nichts. Insbesondere Olympia und die Olympischen Spiele sind ein demokratisches Zusammentreffen der unterschiedlichen Kulturen und Ethnien, ein faires Miteinander im Angesichts des sportlichen Wettkampfes; das sollte Anlass genug für Reformen in einem Land sein, das hier nachweisbar noch Nachholbedarf aufweist. Das Gegenteil ist aber derzeit in Peking der Fall.

Allerdings müsste man hier konsequent sein und Großveranstaltungen in allen autoritären Staaten boykottieren. Von einer Rallye-Dakar in Saudi-Arabien bis hin zu einem Boykott der Fußballweltmeisterschaft in Katar im Dezember dieses Jahres.

Bleibt es hier nur bei öffentlicher Kritik ohne deutliche Signale wäre dies ungerechtfertigt und heuchlerisch. Denn nicht nur im wirtschaftlich immer stärker werdenden Reich der Mitte werden Menschenrechte mit Füßen getreten.

Wie Kritiker der USA sagen, ist die ökonomische Konkurrenz Chinas der Hauptgrund für das aktuelle Boykottgebaren der Biden-Administration.

Die Amerikaner sehen sich durch ein rasant wachsendes China in ihrer Vormachtstellung auf dem Weltmarkt massiv bedroht. Gerade einmal 20 Jahre hat es gedauert, Chinas Anteil an der globalen Ökonomie von läppischen drei auf heute 18 Prozent hochzuschrauben. Experten gehen davon aus, dass China die USA als Volkswirtschaft und Technologiegiganten Nummer eins bereits in sechs Jahren überholen könnte. Wenn das kein Grund zur Sorge auf Seiten der US-Amerikaner ist, meinen US-Kritiker.

Mit anderen Worten: Der Boykott finde nur statt, weil die USA ihre Felle davon schwimmen sehen und auf allen Ebenen versuchten, China zu schwächen. Es gehe den Amerikanern um Geopolitik und um wirtschaftliche und strategische Macht, die Menschenrechte seien nur vorgeschoben, konstatieren US-Kritiker. Außerdem könnten viele Diplomaten oder Regierungschefs sowieso nicht zu den Winterspielen reisen, weil Corona dem Ganzen einen Strich durch die Rechnung mache.

Dem ist entgegenzuhalten, dass nebst den USA auch China ein stark gespaltenes Volk ist, trotz des unbändigen Nationalstolzes der Chinesen und wirtschaftlichen Verbesserungen für Millionen von Chinesen in den zurückliegenden 30 Jahren. Die ethnischen und sozial-ökonomischen Unterschiede nehmen indes rasant zu, die stark materialistisch geprägte Gesellschaft kennt – wie die US-amerikanische auch – nur Sieger oder Verlierer. Zudem sind viele Chinesen auf dem Land immer noch arm. Das alles und eine zu sehr auf das Innere ausgerichtete Politik, die vor vielen Jahrhunderten bereits das Reich der Mitte in die damalige globale Bedeutungslosigkeit katapultiert hatte, könnten zu Hindernissen sowie Destabilisierungsfaktoren werden und womöglich irgendwann wieder zum Fall des Riesenreiches führen.

Ob und wann China tatsächlich die USA als Spitzen-Ökonomie ablösen wird, bleibt daher abzuwarten. Obgleich das Jahrhundert allen Anschein nach ein Chinesisches wird. Deswegen müssen gerade jetzt Zeichen – so kurz bevor die Welt auf Peking schaut – gesetzt und Stimmen laut werden, die massiv auf demokratische Werte drängen und auf innenpolitische Reformen, insbesondere im Umgang mit Menschenrechten. Sonst passiert nie etwas, so die Befürchtung, die man immer wieder zu diesem Thema hört.

Die USA wurden schon öfter für völlig unregierbar erklärt und haben trotzdem ihren Status verteidigt und sogar ausgebaut. Und selbst einen Trump, der – ja das stimmt – 2024 zurückkehren könnte, haben die USA abgewählt und danach einen progressiveren Kurs eingeschlagen – nach vier Jahren der Provokation und des Populismus. Die USA sind also lernfähig. Eine Isolation Pekings, angefangen von einem Boykott der Spiele über wirtschaftliche und politische Sanktionen seitens des Westens – wenn denn der Westen endlich einmal mit einer Stimme spräche – , könnte zudem auch das Wachsen der heimischen Wirtschaft verlangsamen und wenn sich darüber hinaus der Konflikt im Südpazifik weiter zuspitzt, könnte es sogar zu einem Krieg der Giganten (USA versus China) kommen. Darauf wird sich China nicht einlassen. Die Amerikaner übrigens auch nicht.

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Redakteur und Dozent


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