Man liest das Buch von Florian lIlies „Wenn die Sonne untergeht“ mit ziemlicher Spannung. Zumindest mir erging es so. Ich hatte das Gefühl, der Autor habe das Werk über Thomas Manns wenige Monate im Exil in Südfrankreich mit hohem Tempo geschrieben, atemlos, nein, ich meine natürlich nicht den Song von Helene Fischer. lIlies hat das Talent, ein Sachbuch zu schreiben, das man zugleich als historischen Roman einstufen kann. Alles wird miteinander verbunden, historische Daten mit den Lebensgewohnheiten des Nobelpreisträgers Thomas Mann, der sich seiner Bedeutung stets bewusst ist. Der im Exil damit ringt, ob er sich äußern soll zu den Nazis in Deutschland, dem beginnenden Terror gegen Juden und Intellektuelle, Kommunisten und Sozialdemokraten oder ob er angesichts der Verkaufszahlen seines Buches sich besser zurückhält. Sein Verleger rät ihm zur Mäßigung. Dabei ist seine Meinung über Hitler klar, wegen der Nazis, die auch er als bedrohlich ansieht für sich, verlässt er seine herrschaftliche Villa in der Poschingerstraße in München-Bogenhausen. Aber er hofft natürlich auf eine schnelle Rückkehr in sein Reich, auf ein Scheitern der Nazis. Vergeblich.
Illies beschreibt oft mit wenigen Sätzen die Zeit, die da heraufzieht, er flicht Daten ein, erzählt, erwähnt Dokumente, ordnet ein, alles fließt. Ja, der einstige Feuilletonist ist ein wunderbarer Erzähler, er packt so viele Einzelheiten und kleinste Geschichten in seine oft kurzen Kapitel, dass der Leser Mühe hat, das alles aufzunehmen. Der Autor reißt einen mit mit seinem Tempo, das man kaum Gelegenheit findet, das Buch mal wegzulegen, um eine Pause zu machen.
So war das schon mit lIlies Buch „1913“ und auch mit dem Werk „Liebe in Zeiten des Hasses“. Er vermischt immer wieder Privates mit Politischem und Historischem, aber alles fügt sich zu einem Stück, scheinbar ohne Brüche. Der Leser mag beurteilen, ob es ihn interessiert, dass der große deutsche Literat Thomas Mann unbedingte Pünktlichkeit der Familie erwartet, wenn das Mittagessen serviert wird. Dass er das Tisch-Gespräch mit wenigen Blicken oder Bewegungen der Augenbrauen leitet, Golo fürchtet sich vor diesen Prüfungen. Und nach dem Essen herrscht Ru-He im Hause Manns. Der Schriftsteller braucht seinen Mittagsschlaf. Es sind feine Beobachtungen von Illies, der bei aller Wertschätzung des weltberühmten Buddenbrock-Autors auf die kleinen Schwächen des großen Deutschen hinweist. Wie Thomas Mann sich doch fürchtet vor jeder Erkältung! Vor jedem Schnupfen scheint er sich zu sorgen. Er hat nichts, macht daraus aber fast ein kleines Drama.
Seine Villa in München vermisst er mit allen Möbeln und Büchern und anderen Utensilien, seinen Tagebüchern widmet er viele Gedanken, sie dürfen den Nazis nicht in die Hände fallen, weil sie ja seine gelegentlichen erotischen Träume verraten könnten. Junge schöne Männer sind es, die den Vater von sechs Kinder immer wieder verzücken. Die Nazis, würden sie das erfahren, sie könnten ihn fertig machen, ihn um seinen Ruhm bringen. Ruhm, Ruf, Geld, Anerkennung, das alles bedeutet ihm viel.
Illies nimmt einen mit in den glühend heißen Sommer 1933, Hitler ist gerade an der Macht. Die Flucht der Familie Mann endet vorerst im südfranzösischen Ort Sanary-sur-Mer. Dort findet man eine standesgemäße Unterkunft, nicht so vornehm und edel wie das Haus in München. Thomas Mann muss vieles zurücklassen in der Poschingerstraße, später ist es ausgerechnet Golo, der das Geld von den Konten holt und den vergessenen Hund versorgt. Erika, die älteste der Mann-Kinder, führt Regie und schmuggelt einen Teil des Besitzes der Manns aus München über die Grenze. Thomas Mann ist erleichtert.
Thomas Mann lebt auf großem Fuß, darf man sagen, es fehlt ihm materiell an Nichts. Der Nobelpreisträger ist kein armer Mann, die Auflagen seiner Bücher sind hoch, mit Bestsellern kann man Geld verdienen. Dazu hat er ja reich geheiratet, die Familie Pringsheim ist vermögend. In München anerkannt, glaubt sie, die Nazis würden ihnen nichts anhaben, bis ihre Viilla beschlagnahmt wird. So erging es manchen, die nicht wahrhaben wollten, was sich da in Deutschland abspielte. Illies schildert dies und das, auch die Eitelkeiten des Dichters fließen ein. Aber natürlich ist das Leben im Exil nicht nur schön, man lebt im Ausland, Thomas Mann ist bekannt, berühmt, man schätzt und verehrt ihn. Und doch vermisst er die Heimat, München, das edle Zuhause. Dass ausgerechnet er, der preisgekrönte Schriftsteller, weichen muss vor den Barbaren, das kränkt ihn.
Illies beschönigt nichts, er beschreibt das Schöne und das Schreckliche, das Komische und das Verstörende. So war die Zeit damals. „Wir sind eine erlauchte Versammlung- aber einen Knacks hat jeder“, so Thomas Mann im Tagebuch. Illies befördert es ans Tageslicht wie so vieles andere.
In Sanary-sur-Mer hat sich eine ganze Exilgemeinde vor den Nazis gerettet, man weiß noch nicht, dass die Flucht wenige Jahre später weitergehen muss, weil die braune Diktatur vor den Grenzen nicht Halt macht, sondern Frankreich überrollt, vorher natürlich Belgien und die Niederlande. Die Exilgemeinde, das sind neben den Manns Arnold Zweig, Lion Feuchtwanger, Bert Brecht. Manche Flucht geschieht überstürzt, das Haus der Feuchtwangers in Berlin wurde von den Nazis zerstört. Brecht reist mit seiner Geliebten Grete an, der Leser erfährt die privaten Schwierigkeiten im Hause Brecht, der Dichter ist verheiratet. Thomas Mann weigert sich weiter, das Exil anzuerkennen, er will zurück nach München. Daneben schildert Illies das Zusammenleben der Mann-Familie mit ihren sechs Kindern, einfach ist das nicht mit dem Vater, der sich nur selten für ihre Kleinigkeiten und Befindlichkeiten interessiert. Aber er ist der Chef und lässt es alle spüren.
Viele hundert Bücher hat Illies für dieses Buch gelesen, viele Einzelheiten finden sich in seinem feingestrickten Werk „Wenn die Sonne untergeht“. Der Autor wechselt die Tonlage immer mal wieder zwischen lustig, ironisch, ernst, das macht es so lesenswert, weil es überhaupt nicht trocken ist. Es gelingt ihm angesichts der nun wirklich brodelnden Weltlage, die Jahre später in den furchtbarsten Krieg aller Zeiten führt und zu der die Ermordung von Millionen Juden gehört, all die kleinen Geschichten um die Kinder des großen Dichters einzuflechten in seine Erzählungen. Und wie man das kennt aus dem Buch „Liebe in Zeiten des Hasses“ vermischt Florian Illies auch hier einige Schlüpfrigkeiten mit dem gelegentlich durchaus schweren Stoff. Aber sie bleibt leicht, seine Schilderung, weil er schnell Handlung an Anekdote reiht, dann den Alltag beschreibt, die Hitze, die den Menschen zusetzt, die aber auch gefällt, zumal wenn man ein Kaltgetränk einnehmen kann.
Es ist müßig, darüber zu streiten, ob es ein Buch für die Geschichtsschreibung ist oder Belletristik. Es ist für mich ein tolles Buch, das meine Kenntnisse über Thomas Mann und seine Familie erweitert hat. „Ich glaube“, so wird Marcel Reich-Ranicki im Klappendeckel des Buches zitiert, „dass es in Deutschland im 20. Jahrhundert keine bedeutendere, originellere und interessantere Familie gegeben hat als die Manns.“













