George Grosz "Metropolis"
George Grosz - Metropolis

Wiedergelesen: Elias Canettis Autobiografie: Eine kulturelle Zeitgeschichte Europas

Elias Canetti (1905-1994) hat seine Lebensgeschichte als Trilogie publiziert. Der erste Band, Die gerettete Zunge, umfasst seine Kindheit und Jugend, der zweite, Die Fackel im Ohr, die Jahre 1921 bis 1931, und der dritte, Das Augenspiel, die Zeit von 1931 bis 1937. Der Autor, geboren in Bulgarien, gestorben in Zürich, ist ein wahrer Europäer; seine Biografie zeugt davon, dass er in diversen europäischen Metropolen oder Ländern zu Hause war. Canettis Familienangehörige sind väter- wie mütterlicherseits Spaniolen, also Juden, die sich in Spanien angesiedelt hatten und von dort vertrieben worden sind; des Vaters Familie ist nach Rumänien gezogen, die der Mutter nach Bulgarien. Das Migrationsmotiv in der Familiengeschichte setzt sich fort: Die Eltern emigrieren mit dem sechsjährigen Elias nach England/Manchester, und nach des Vaters Tod zieht die Mutter mit drei Kindern nach Wien, später in die Schweiz, dann nach Deutschland. Man gewinnt den Eindruck, dass der häufige Wechsel von Ländern und Orten zum Schicksal von europäischen Juden gehört, dass es keine angestammte Heimat für sie gibt. Eine Auswirkung des europaweiten strukturellen Antisemitismus?

Im ersten Band charakterisiert Canetti seine Mutter als eine starke, stolze, eigensinnige Frau, einerseits kultiviert und geradezu kulturbesessen, andererseits herzlos und streng. So mutet sie, als es um die Rückkehr von England über Lausanne nach Wien ging, dem achtjährigen Elias, der nur englisch sprach, ein Lernprogramm in der deutschen Sprache zu, das seinesgleichen sucht: der Junge hatte sich die von ihr vorgelesenen Sätze in Deutsch, die er nicht verstehen konnte, zu merken und das phonetisch Wahrgenommene zu wiederholen – ohne in den Text oder in eine Grammatik schauen zu dürfen. Es muss eine Tortur gewesen sein, unter Androhung drakonischer Strafen (wie auch, ihn allein in Lausanne zurückzulassen) nach dieser merkwürdigen Methode lernen zu müssen und dabei vor der Verhöhnung durch die Mutter nicht gefeit zu sein.

Ich glaube, daß ich das (Zurückgelassenwerden, PF) weniger fürchtete als ihren Hohn. Denn wenn sie besonders ungeduldig wurde, schlug sie die Hände über dem Kopf zusammen und rief: ‚Ich habe einen Idioten zum Sohn! …‘

Ich geriet in eine schreckliche Verzweiflung und um es zu verbergen, blickte ich auf die Segel (der Schiffe im See, PF) und erhoffte Hilfe von ihnen, die mir nicht helfen konnten. Es geschah, was ich noch heute nicht begreife. Ich paßte wie ein Teufel auf und lernte es, mir den Sinn der Sätze auf der Stelle einzuprägen. Wenn ich drei oder vier von ihnen richtig wußte, lobte sie mich nicht, sondern wollte die anderen, sie wollte, daß ich mir jedesmal sämtliche Sätze merke. Da das aber nie geschah, lobte sie mich kein einziges Mal und entließ mich während dieser Wochen finster und unzufrieden.

Die harte Schule unter dem mütterlichen Regime hat trotz aller Unterdrückung und  Demütigung den jungen Canetti auch gestärkt. Davon erzählt  der zweite Band der Autobiografie. Bereits als Student pendelt er zwischen den Orten Frankfurt a.M., Wien, Sofia, Berlin und wieder Wien hin und her wie einer, der auf der Suche nach seinem eigenen Weg ist, was von Willensstärke und Zielstrebigkeit zeugt. Allerdings kann er sich trotz aller Bemühungen dem Einfluss der Mutter nie ganz entziehen.

Als Elias mit seinem jüngsten Bruder nach Wien geht und Verantwortung für diesen übernimmt, reift er spürbar, wozu auch die Distanz zur Mutter beiträgt. Diese Bruderbeziehung ist von Nähe und Herzlichkeit getragen. Sie bewohnen ein möbliertes Zimmer und schlagen sich mit einem kleinen finanziellen Budget durch. Der Junge geht aufs Gymnasium, Elias ins Laboratorium. Das Chemiestudium interessiert ihn keineswegs (eines der letzten Oktroy der Mutter), seine Interessen liegen im geisteswissenschaftlichen (Literatur, Kunst etc.) und politischen Bereich (in Gestalt der Vorlesungen von Karl Kraus). Hatte er diese Veranstaltungen aufgrund ihres Kultstatus zunächst gemieden, so wurde er später zum treuen Hörer, fast zum Jünger von Kraus. Wie lebenswichtig ihm diese anderen geistigen Auseinandersetzungen neben dem naturwissenschaftlichen Studium sind, versucht er der Mutter zu erklären: Ich muß in diese Vorlesungen gehen, ich ersticke sonst. Ich kann doch nicht alles aufgeben, was mich wirklich interessiert, bloß weil ich etwas studiere, was mir nicht wirklich liegt.

Und es wird sich zeigen, dass er trotz seiner vermeintlichen Eskapaden den Forderungen und Ansprüchen der Mutter genüge tut, sein Studium durchzieht und nach den ersten Berlin-Aufenthalt mit der Promotion abschließt – obwohl er niemals die Chemie zum Beruf machen wird.

Was Canetti seit seiner Jugend wirklich bewegt, ist das Phänomen der Masse. Es zu ergründen, auch praktisch zu erfahren und zu erforschen, wird zu einer Lebensaufgabe. 35 Jahre lang befasst er sich mit dem Thema, bevor er 1960 die Studie Masse und Macht veröffentlicht.  Am Anfang steht das Erlebnis eines Arbeiteraufmarschs in Frankfurt anlässlich der Ermordung von Walter Rathenau. Jahre später, genau am 15. Juli 1927, erlebt er eine riesige Demonstration des Proletariats von Wien aus Empörung über den Freispruch von Todesschützen, also Polizisten und Milizionäre, die auf Arbeiter geschossen hatten. Die aufgebrachte Menge bewegt sich sternförmig durch die Großstadt auf den Justizpalast zu und steckt diesen in Brand. Es ist von ergreifender Anschaulichkeit, wie Canetti diese seine Erfahrung mitten in der Masse über mehrere Seiten hinweg beschreibt. Hier ein Auszug:

Das Feuer war der Zusammenhalt. Man fühlte das Feuer, seine Präsenz war überwältigend, auch dort, wo man es nicht sah, hatte man’s im Kopf, seine Anziehung und die der Masse waren eins. Die Salven der Polizei lösten Pfuirufe aus, die Pfuirufe neue Salven …

Dieser Tag, der von einem einheitlichen Gefühl getragen war, – eine einzige, ungeheuerliche Woge, die über die Stadt schlug und sie in sich aufnahm: als sie verebbte, war es kaum glaublich, daß die Stadt noch da war –, dieser Tag bestand aus unzähligen Details, deren jedes sich eingrub, deren keines einem entschwand. … was man fassen müßte, wäre die Woge, nicht diese Details, oft habe ich es versucht, … aber es ist mir nie gelungen. Es konnte nicht gelingen, denn nichts ist geheimnisvoller und unverständlicher als die Masse. Hätte ich sie ganz begriffen, so hätte ich mich nicht mehr als dreißig Jahre damit getragen, sie zu enträtseln und so wie andere menschliche Phänomene möglichst vollkommen darzustellen und nachzuvollziehen.

Immer wieder, vor und nach diesem Ereignis, sucht Canetti das Gespräch über das Phänomen der Masse. Beim Besuch des Vetters Arditti in Sofia, der sich als erfahrener und umjubelter Redner auf Massenversammlungen herausstellt, kreisen die Gespräche um den Zusammenhang von Masse und Macht. Elias will in Erfahrung bringen, ob der Redner sich selbst in der begeisterten Masse verlöre.                      

>Nie! Nie!< sagte er mit größter Entschiedenheit. >Je begeisterter sie sind, umso mehr fühle ich mich selbst. Man hat die Menschen in der Hand wie weichen Teig und kann mit ihnen machen, was man will. Man könnte sie dazu aufreizen, Feuer zu legen, an ihre eigenen Häuser, es gibt keine Grenze für diese Art von Macht. Versuch es selbst! Du mußt es nur wollen! Du wirst diese Art von Macht nicht mißbrauchen! Du wirst sie für eine gute Sache einsetzen wie ich, für unsere Sache.<

Geht es in diesem Gespräch um Aspekte der Massenbewegung, die Menschen mitzureißen oder mitzuziehen durch flammende Reden und dadurch die Macht der Beeinflussung über sie zu erlangen – auch über die Gefahr des Machtmissbrauchs, so in einem späteren mit dem Freund Thomas Mareck um völlig konträre Erfahrungen. Dieser Thomas ist mit Ausnahme des Kopfes ganzkörpergelähmt, er wird in einem Wagen vom Haus in den Garten und zurück geschoben, ist völlig auf die Hilfe anderer angewiesen – und dabei ein Genie. Er studiert im Hauptfach Philosophie, was ihm durch den regelmäßigen Unterricht eines Professors bei ihm zuhause möglich ist. Er liest die schwierigsten philosophischen Werke, indem er die Buchseiten mit der Zunge umblättert. Elias und Thomas führen nahezu täglich intensive Gespräche auf der Grundlage von Affinität und großer Zuneigung, doch nicht immer stimmen sie überein. So beim Thema Masse.

Sofort deckt Thomas hierbei die Voraussetzung oder Unterstellung von Gleichheit auf, die er nicht mit seiner Erfahrung in Übereinstimmung bringen kann. Er hatte einmal einer Maikundgebung beiwohnen wollen, doch als Versehrter wurde ihm eine Randstellung zugewiesen: Mit seinem Wagen durfte er sich nur bei den Kriegskrüppeln einreihen, nicht in der allgemeinen Masse.

Er sprach mit tiefem Haß von diesem Maiaufmarsch. Das war ja wie in der Armee. Alle Krüppel zusammen, eine eigene Kompanie. Er war dafür, daß jeder dort mitmarschierte, wo es ihm gelüstete, gegen die Einteilung nach Bezirken hatte er nichts, auch nicht gegen die nach Fabriken, aber die Einteilung nach Krüppelhaftigkeit war eine Schande und er ging nie wieder.

Die Erfahrung der Diskriminierung stellt das Gleichheitspostulat beim Thema Masse in Frage. Thomas will nichts mit den Kriegsversehrten zu tun haben, er fühlt sich ihnen nicht zugehörig, hat nicht am Krieg teilgenommen, hätte ihn als Gesunder möglicherweise verweigert, während die anderen mit Begeisterung in ihn gezogen und nun mit ihrem Elend konfrontiert sind.

Elias empfindet eine tiefe Scham angesichts der Schilderungen des Freundes, sie stehen nicht umsonst unter der Überschrift Fehltritte, weil er sich in der Gesprächssituation eines mangelnden Feingefühls bezichtigt.

Neben dem Thema Masse ist die sinnliche Wahrnehmung ein zentrales Anliegen von Canetti. Das zeigt sich bereits an den Titeln seiner autobiografischen Trilogie: Die gerettete Zunge; Die Fackel im Ohr; Das Augenspiel. Es geht immer wieder um das Sehen und das Hören. Einschlägige Kapitel in der Autobiografie wie Die Schule des Hörens enthalten Reflexionen über die Ausbildung des Sinnesorgans Ohr als eines Prozesses der Sensibilisierung. Ebenso wird das Auge geschult, auch, aber nicht nur bei der Betrachtung von Kunstwerken, sondern über Bilder generell. Denn ein Weg zur Wirklichkeit geht über Bilder. Ich glaube nicht, dass es einen besseren Weg gibt. Man hält sich an das, was sich nicht verändert, und schöpft damit das immer Veränderliche aus. Bilder sind Netze, was auf ihnen erscheint, ist der haltbare Fang.

Den Kunstwerken kommt hierbei eine Art Orientierungsfunktion zu, und Wien hat eine Fülle davon aufzubieten. Mein Glück war es, daß ich in Wien war, als ich solche Bilder am meisten brauchte. Gegen die falsche Wirklichkeit, mit der man mich bedrohte, die der Nüchternheit, der Starrheit, des Nutzens, der Enge, mußte ich eine andere Wirklichkeit finden, die weit genug war, um auch ihrer Härten Herr zu werden und ihnen nicht zu erliegen.  

Liest man die Abschnitte über Canettis dreimonatigen Berlin-Aufenthalt, so versteht man noch besser, was er an Wien hat und wie sehr er auf dieses Habitat angewiesen ist, um sich zu entfalten. Als wäre er den Lockrufen von Ibby Gordon, einer in Ungarn geborenen Freundin, die seit kurzem in Berlin lebt, gefolgt, kommt er so in Berlin, dieser Metropole voller Berühmtheiten, an: Ich war hier niemand und war mir dessen wohl bewußt, ich hatte nichts getan, mit 23 bestand ich aus nichts als Zuversicht. Und solch ein Niemand gerät dank der Freundin sogleich ins Zentrum der Avantgarde und Bohème: In den Malik-Verlag und seinen Begründer Wieland Herzfelde, wo er mit offenen Armen empfangen wird, auch für die Unterkunft und einen Auftrag (biografische Daten von Upton Sinclaire zu sammeln) ist gesorgt. Überall hin wird er mitgeschleppt und herumgereicht, so auch zu Bertolt Brecht. Man kann von spontaner Antipathie sprechen: Brecht sagte mit seinem Sarkasmus und vereinnahmendem Wesen Canetti nicht zu.

Die Vorstellung eines alten Pfandleihers hat mich in jenen Wochen nicht losgelassen. Sie verfolgte mich schon darum, weil sie so widersinnig schien. Sie wurde dadurch gespeist, daß Brecht nichts so hochhielt wie Nützlichkeit und auf jede Weise merken ließ, wie sehr er >hohe< Gesinnungen verachtete. …

Zu den Widersprüchen in der Erscheinung Brechts gehörte, daß er in seinem Aussehen auch etwas Asketisches hatte. Der Hunger konnte auch als Fasten erscheinen, als enthalte er sich mit Absicht der Dinge, die Gegenstand seiner Gier waren. Ein Genießer war er nicht, er fand im Augenblick nicht Genüge und breitete sich in ihm nicht aus. Was er sich holte (und er holte sich von rechts und links, von hinten und vorn zusammen, was ihm dienlich sein konnte), mußte er sogleich verwenden, es war sein Rohmaterial, und er produzierte damit unaufhörlich. So war er einer, der immer etwas fabrizierte, und das war das Eigentliche, worauf er aus war.

Bei aller Abneigung – dies war von dem jungen Canetti reichlich gut beobachtet und von dem älteren Autor treffend charakterisiert.

Dann geht es ins Atelier von George Grosz, für dessen Bilder sich Elias bereits in Wien erwärmt hatte. Auf wen er hier auch trifft und wen er kennenlernt – immer hat er mit seiner maßlos empfundenen Unterlegenheit und Unerfahrenheit gegenüber den Größen des kulturellen Lebens zu kämpfen. Von Brecht ist er buchstäblich übersehen worden. Grosz hingegen ist freundlich zugewandt, wenn auch eher oberflächlich, und beschenkt den Namenlosen sogar mit einer Mappe, in der der gesamte Ecce Homo-Zyklus versammelt ist.

Richtig warm wird Canetti mit Isaac Babel, der auf der Rückreise von Paris nach Moskau in Berlin Station macht.

Er war sehr neugierig, er wollte alles in Berlin sehen, aber >alles< waren für ihn die Leute und zwar Leute jeder Art, nicht die, die in den Künstler- und Nobel-Lokalen verkehrten. Am liebsten ging er zu Aschinger, da standen wir dann nebeneinander und aßen sehr langsam eine Erbsensuppe. Mit seinen kugelrunden Augen hinter den sehr dicken Brillengläsern sah er sich die Leute um uns an, jeden einzelnen, alle, und hatte nie von ihnen genug. … Ich habe nie jemanden erlebt, der mit solcher Intensität sah, er blieb dabei vollkommen ruhig, durch das Spiel um die Augenpartie wechselte der Ausdruck der Augen unaufhörlich. Er verwarf beim Sehen nichts, denn er hatte für alles den gleichen Ernst, das Gewöhnlichste wie das Ungewöhnlichste war für ihn von Bedeutung. …

Es war … nicht die Verschwendung in diesen Nobel-Lokalen, die er rügen wollte, wenn er das Wort >Aschinger< aussprach. Es war die Pfauenhaftigkeit der Künstler, was ihn abstieß. Jeder wollte auffallen, jeder spielte sich, die Luft stockte förmlich von herzlosen Eitelkeiten.

Auch von Babel wird Canetti das Sehen gelernt und sich in seiner Suche nach der anderen Wirklichkeit bestärkt gefühlt haben.

Mehr und mehr gewinnt er Distanz zu dem Getöse der Prominenten in Berlin. Canetti spricht in einem diesen Aufenthalt resümierenden Abschnitt von einer Einladung ins Leere. Unterstützt von Menschen wie Babel ist er zunehmend in der Lage, den schönen Schein, der hier so grell auf Menschen und Dinge fällt, zu lüften. Den Höhepunkt seiner Desillusionierung erfährt er anlässlich der Uraufführung von Brechts Dreigroschenoper. Dazu notiert er:

Als die Zeit sich in ihrem gemeinsamen Nenner befand, in der >Dreigroschenoper<, als die Freude am Fressen vor der Moral nach dieser Allerwelts-Parole griff, der alle widerstreitenden Kräfte zustimmen konnten, begann sich mein Widerstand zu organisieren. Bis dahin war die Verlockung, in Berlin zu bleiben, eher größer geworden. Man bewegte sich in einem Chaos, aber es schien unermeßlich. Es kam täglich Neues und schlug auf das Alte ein, das selbst vor drei Tagen noch neu gewesen war. Die Dinge schwammen wie Leichen im Chaos umher, dafür wurden die Menschen zu Dingen. Neue Sachlichkeit hieß das. Das war nach den langanhaltenden Notschreien des Expressionismus schwer anders möglich.

Mag sein, dass der junge Canetti den beißenden Humor von Brecht und die Dialektik in dessen Denken nicht verstand, weil er sich an der Person störte. Jedenfalls war es konsequent, Berlin den Rücken zu kehren und in Wien das Studium zu beenden. Damit war er dann auch endlich frei von Bevormundung und konnte sich in der anderen Wirklichkeit seinen Weg suchen.

Anders als die beiden ersten Bände, wo es eher chronologisch entlang seiner Lebensgeschichte zugeht, verfährt der Autor im dritten Band mehr in Form von Hommagen und Anekdoten. Gleich zu Beginn erzählt Canetti von der unglaublich starken Wirkung, die die Lektüre von Georg Büchners Wozzeck bei ihm hinterlassen hat, um sodann eine eigene Interpretation des Dramas vorzulegen (Theorem der Selbstanprangerung). Er setzt Autoren wie Hermann Broch, Robert Musil und James Joyce und Musikern wie Alban Berg und Hermann Scherchen (Der Dirigent) ein Denkmal aufgrund von persönlichen Begegnungen, wobei er auch immer den Menschen und seine oft schwierige Befindlichkeit oder Empfindlichkeit im Auge hat. Man erfährt von seiner einseitigen Liebe zu Anna Mahler und dass und warum er die Grande Dame Alma, ihre Mutter, ablehnt. Und von seiner Freundschaft mit Fritz Wotruba, dem Bildhauer, der auch Annas Lehrer war, mit dem er so viele tiefe Gemeinsamkeiten hatte, dass er ihn zu seinem Zwilling erklärt. Und anderes mehr. Der Band schließt mit einem Text über den Tod der Mutter ab, womit auch ein großer Bogen zu den beiden vorangehenden Bänden geschlagen wird, in denen sie äußerst präsent war. Canetti ist es mit seiner Autobiografie gelungen, die zeit- und geistesgeschichtlichen Ereignisse in den Jahren zwischen den beiden Weltkriegen mit seiner Lebensgeschichte zu verknüpfen, so dass ein lebendiges und ereignisreiches Zeitdokument entstanden ist, das sich in den europäischen Metropolen abspielt. Es ist die spannende Zeit des Expressionismus und der Neuen Sachlichkeit, der Weimarer Republik, der modernen Wiener Hochkultur und der Arbeiterbewegung mit ihren Aufmärschen und Protest-Kundgebungen (Stichwort Masse), die Canetti erfahren und erforscht und der er dieses Zeugnis hinterlassen hat. Bis heute eine lesenswerte Lektüre.

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Petra Frerichs

Dr. Petra Frerichs, Studium der Literatur- und Sozialwissenschaften, schreibt über Literatur (und Kunst), am liebsten gegen das Vergessen von guten alten Sachen.


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