Wolfgang Kubicki

Wolfgang Kubicki – jetzt wird der Clown gefährlich

Anders als die meisten Politiker war er fast immer: rhetorisch stets in Hochform, aufgedreht, originell, unterhaltsam, provokant und manchmal auch clownesk – Wolfgang Kubicki aus Kiel, der für seine FDP, aber noch lieber für sich, oft und gerne Schlagzeilen produzierte und immer ganz vorne oder ganz oben agierte, in der Landes- wie in der Bundespolitik.

Jetzt aber, so weit oben, wie es höher kaum noch geht, an der Spitze des Parlaments als Bundestagsvizepräsident, wird dieser Wolfgang Kubicki gefährlich. Er macht mobil gegen eine mögliche Impfpflicht in Deutschland und bietet sich damit – ob er es will oder nicht – als demokratisch legitimierte Gallionsfigur für Corona-Leugner, Impfverweigerer und Querdenker an.

Schon immer war Kubicki ein lärmender Kritiker strenger und konsequenter Corona-Maßnahmen. Bei „Bild“, wo regelmäßig gegen seriöse Wissenschaftler gehetzt wird, weil die vor Corona-Gefahren warnen, ist er gern gesehener Stammgast. So tönte er dereinst: „Wäre ich Kanzler, würde ich es wie in Dänemark machen.“ Die Entwicklung hat den Polit-Krakeeler längst widerlegt, Dänemark ist inzwischen Hochburg der besonders gefährlichen Omicron-Variante. Aber Kubicki marschiert unbeirrt weiter. In einem großen Interview mit der „Zeit“ erzählt er jetzt stolz, dass schon mehr als 30 FDP-Bundestagsabgeordnete einen Antrag gegen eine allgemeine Impfpflicht unterstützen. Eine Impfpflicht, so der Bundestagsvize wolkig „widerspricht meinem ganzen Menschenbild“. Als käme es in Fragen von Leben und Tod auf das Menschenbild des Herrn Kubicki an. Der Antragsentwurf der 30 sei „ganz klar für das Impfen, aber gegen die Impfpflicht“. Dass dieses Lippenbekenntnis für das Impfen nichts mehr wert ist, wenn mit dem ausdrücklichen Antrag gegen eine Impfpflicht eimerweise Wasser auf die Mühlen der Impfgegner gekippt worden ist, scheint sich zumindest der Logik eines Wolfgang Kubicki zu entziehen.

Aber er kann noch unlogischer: Wissenschaftliche Modellierungen, dass Ungeimpfte für etwa drei Viertel aller Corona-Neuinfektionen verantwortlich sind, stellt der Spitzen-Liberale nicht in Abrede, kann es auch nicht. Dieses schlagende Argument wischt er nonchalant vom Tisch. „Das war vor Omikron.“ Was er damit sagen will, weiß vielleicht nur er. Und dann holt er in seiner Suada gegen eine Impfpflicht den ganz großen Hammer raus: „Ich möchte nicht, dass China unser Vorbild wird, dass wir die Leute einteilen in Gut und Böse und ihnen die Freiheiten nehmen, wenn sie sich nicht so verhalten, wie die vermeintliche Mehrheit es erwartet.“ Diesen Satz könnte er auf jeder Querdenker-Demonstration ins Megaphon brüllen. Und – wetten ??? – die Masse würde ihm zujubeln.

Man kann googeln, wo man will, der Befund ist eindeutig: Die Ungeimpften sind in Deutschland glücklicherweise in der Minderheit – etwas unter 30 Prozent. Aber die halten uns in Atem, setzen unser Gesundheitssystem einem Stresstest aus, den es vielleicht nicht mehr lange besteht. Beispiel Niedersachsen: Von den Covid-Infizierten auf den überlasteten Intensivstationen waren an einem Stichtag laut Gesundheitsministerium „mehr als 90 Prozent“ nicht geimpft. Und die Kassenärztliche Vereinigung Berlin fleht geradezu um eine Impfpflicht: „Der hohe Anteil der Menschen, die noch nicht geimpft sind, wird uns in eine Katastrophe führen und unser Gesundheitssystem in einem Maße überlasten, wie wir es bisher nicht kennengelernt haben.“ Aber eine Impfpflicht widerspricht eben dem Menschenbild eines Wolfgang Kubicki. Egozentrik, die nicht mehr zu steigern ist.

Bildquelle: Superbass, CC BY-SA 4.0 https://creativecommons.org/licenses/by-sa/4.0, via Wikimedia Commons

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Christoph Lütgert

Christoph Lütgert war Rundfunk-Korrespondent beim NDR, hat für Panorama gearbeitet und war später Chefreporter Fernsehen beim Norddeutschen Rundfunk. Lütgert wurde wegen seiner sozialkritischen Reportagen mehrfach mit Preisen ausgezeichnet.


'Wolfgang Kubicki – jetzt wird der Clown gefährlich' hat 2 Kommentare

  1. Avatar

    19. Dezember 2021 @ 13:48 Jan Schoenmakers

    Es waren zu keinem Zeitpunkt in der vierten Welle „über 90 Prozent Ungeimpfte“ auf Intensiv. Das ist eine Falschinformation, die bereits in vielen Faktenchecks widerlegt wurde und doch immer noch medial verbreitet wird. Aktuell sind knapp unter 60% der Intensivpatienten ungeimpft, der höchste Wert waren knapp 75%. Soweit die offiziellen Zahlen vom RKI (auch das Gesundheitsministerium hat keine anderen). Das ändert nichts daran, dass auf Intensiv damit überproportional Ungeimpfte landen, doch mit aufgebauschten Zahlen tut man der Sache keinen Gefallen.

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  2. Avatar

    28. Januar 2022 @ 22:05 Arne Durau

    Nur weil Herr kubicki und die afd es ständig wiederholen wird es nicht richtiger. Nur eine Impfpflicht wird uns Normalität bringen

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