Wie die Small-talk-Shows dumm machen: Am vergangenen Sonntag bei Anne Will.

Die wie immer betont muntere Runde, als gäbe es keine entscheidenden globalen Zuspitzungen zu bemerken, zu vermerken, mit spürbarem Erschrecken endlich mal zur Kenntnis zu nehmen, auch in den Gesichtern der Gäste. Nein, die Masterin mit dem notorisch strahlenden Stewardessen-Appeal, die sich selbst verfängt in der Aura der unverfänglichen Sortierung von vermeintlich Zumutbarem und der medientauglichen Vermeidung von Wahrheiten.

Und jetzt als Krönung: Frau Petri s Performance. Ihr starres Dauergrinsen, mit dem sie bestürzend unbewegt jedes sinnvolle Argument ihres jeweiligen kritischen Gegenübers metallisch kalt von sich fern hält. Anzunehmen, dass sie diesen äußerst coolen Gesichtsausdruck heftig vor diversen Spiegeln eingeübt hat und mit dem Ausdruck von Souveränität schlechthin verwechselt, Typ mittlere Bankberaterin, die zu Höherem strebt, Erfolg auf ganzer Linie, die Kundschaft darf solches Gebaren dann mit einer Art allwissender Überlegenheit verwechseln, der sich die AfD-Zielgruppe vorsichtshalber lieber beugt, ihr klein bei gibt, um nicht als kleine unwissende Biederleute ausgelächelt zu werden von der Winnerin. Frau Petri, allerdings eben keinesfalls nur das Hochglanz-Abziehbild, die jetzt mit ihrer Handkantenschlag-Gestik im schrillen Kontrast zum forcierten Grinsen sich knallhart ihre Schneisen schlägt in diversen Talkrunden.

Anne Will ist die Moderation deshalb entglitten, weil sie seit Jahren auf dem allzu glatten Talkshow-Parkett offensichtlich nie ausrutschen, ihr Gesicht auch nicht durch kleinste Anzeichen möglicher tiefer Zweifel verlieren wollte, hin zu einer uns allen heftig zusetzenden Weltwirklichkeit. Insofern konnte Petri ihr mit dem roboterhaften Winner-Modus die Show stehlen. Und eben durch eine völlig mangelhafte Moderation und einer fast naiv anmutenden, unzureichend strategisch antizipierenden Vorbereitung nahm sie als quasi institutionell auch den anderen Gästen die Möglichkeit, ihre Argumente – in der Tat – in Ruhe aussprechen zu lassen. Grauenhaft und fürchterlich unproduktiv, dieses permanent sich ins Wort fallen, dieses sich nicht zuhören, diese primitive Kampfesstimmung der Arena, junkfood und flat, die fortgeschrittene Variante von „Brot und Spiele“, der anfixierten Quote geschuldet. Je mehr Durcheinander, desto mehr Leute schalten aber innerlich aus, von wegen Empathie-Verlust als Gefahr für die demokratische Teilhabe. Und die AfD-Führerin Petri triumphiert unverhohlen in diesem öffentlich rechtlichen bürgerfinanzierten Zirkus.

Bravo, Anne Will. Nun sehen leider die wenigsten deutschen BürgerInnen des Abends z.B. den Sender PHOENIX oder ARD-Alpha. Dort allerdings geht es wesentlich ernsthafter zu. Es werden jenseits von zwanghaftem Entertaining noch Argumente ausgetauscht. Man hört sich noch zu, man möchte wissen, was das Gegenüber denkt und auch, was es empfindet. Und: man lässt sich Zeit.
Und das ist konstruktiv.

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Marianne Bäumler

Die Theater-, Film- und Literaturkritikerin schreibt für diverse Zeitungen und arbeitet für den öffentlich rechtlichen Rundfunk. Sie promovierte über Erich Kästner, lehrte an der Universität Marburg, arbeitete als Dramaturgin und machte Dokumentarfilme für den WDR und andere ARD-Sender.


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