Christian Wulff

Christian Wulff und was er verdient

Ein Spezialist für Stilfragen wird Christian Wulff wohl nicht mehr werden. Der Bundespräsident mit der kürzesten Amtszeit, dessen Ehrensold von 217 000 Euro die Gemüter erregte, geht wieder auf Vortragstour, um das Familieneinkommen aufzubessern. Pech für ihn, dass seinen Auftritt beim Neujahrsempfang der Stadtsparkasse Leverkusen nicht alle prickelnd fanden und die Arbeitnehmervertreter des kommunalen Unternehmens keine Lust hatten, sich von Wulff „das Ansehen Deutschlands in der Welt“ und dessen Fortbestehen erklären zu lassen.

Zumal der Ex-Bundespräsident sich diesen Auftritt von der Stadtsparkasse, die gerade dabei ist, Stellen und Filialen zu streichen, nicht nur mit Gotteslohn zur größeren Ehre Deutschlands bezahlen ließ. Die Rede ist davon, er habe für seinen Auftritt nicht mehr kassiert als einst der spätere SPD-Kanzlerkandidat Peer Steinbrück, der für eine Talkrunde im Leverkusener Sparkassenvorstand nach eigenen Angaben 15 000 Euro kassierte.

Und ein Sparkassenvorstand

Na ja, 15 000 Euro, die ein Sparkassenvorstand für einen solchen Auftritt locker macht, sind für den eine eher bescheidene Summe. Weiß man doch von eben jenem Steinbrück, dass er sich mal in einem Interview – zu Recht – darüber aufgeregt hat, dass ein Sparkassenvorstand – er nannte das Beispiel Schleswig-Holstein – mehr verdient als die Bundeskanzlerin.

Unerträglich ist, dass die Selbstdarsteller auf der einen wie der anderen Seite nichts aus der damals – sicherlich auch – aufgeblähten Affäre um die Vortragshonorare eines Peer Steinbrück gelernt haben. Damals waren die Medien in Rage, weil ein ziemlich unterfinanziertes städtisches Unternehmen in Bochum Steinbrück mit noch mehr als den oben erwähnten 15 000 Euro entlohnt hatte. Heute scheint medial niemand mehr hinzuschauen, wenn eine kommunale Stadtsparkasse ähnliche Summen einem einstigen Bundespräsidenten nachwirft.

Vergessen Sie die Krokodilstränen

Es geht nicht um Neid, sondern um Stil. Wenn den ein größenwahnsinniger Sparkassendirektor vermissen lässt, ist das schlimm. Dass Christian Wulff sich auf solche Auftritte bei kommunal und damit von den Bürgern finanzierten Unternehmen einlässt, zeigt es nur, dass er nicht viel aus seinem Debakel gelernt hat. Es gibt einen Rubikon, den man als ehemaliger erster Repräsentant der Republik für Geld nicht überschreiten sollte.

Dass er dazu nicht in der Lage ist, bestätigt im nach hinein, dass sein Rücktritt seinerzeit überfällig war. Er war von Angela Merkel, wie einer ihrer Biographen schrieb, ins Bellevue geschickt worden, weil sie das Amt des Bundespräsidenten als Deponie für einen missliebigen Konkurrenten ausgesucht hatte.

All die Krokodiltränen, er sei Opfer einer Medienkampagne geworden, verfangen nicht, wenn man sieht, dass er in Sachen Stil nichts hinzu gelernt hat. Bei Christian Wulff weiß man nie, auf welcher Seite des Rubikons er gerade steht.

 

Bildquelle: Wikipedia, StagiaireMGIMO – Buchvorstellung in Köln, CC-BY-SA 4.0

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Norbert Bicher

Als Parlamentskorrespondent der „Westfälischen Rundschau“ arbeitete Bicher als Journalist, bevor er 1998 Pressesprecher der SPD-Bundestagsfraktion wurde. Er war Sprecher des SPD-Fraktionsvorsitzenden wie auch des Bundesverteidigungsministers Dr. Peter Struck.


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