Die Medien in der Glaubwürdigkeitsfalle

Ohne Ankündigung, ohne langen Vorlauf sind die Medien quasi über Nacht in eine Glaubwürdigkeitskrise geraten, die sich zu einer Krise der demokratischen Willensbildung auswachsen könnte. Dass das betuliche ZDF Ranking über die beliebtesten Deutschen türkte und viele ARD-Sender ihre Schwachsinns-Rankings über beliebteste Burgen, schönste Gasthäuser – und was sonst so alles an journalistischem Grusel zur seichten Unterhaltung beitragen soll – manipulierte, mag auf den ersten Blick Dummheit gewesen sein, die die Seriosität von Journalismus nicht ernsthaft in Frage hätte stellen können.

Aber diese Manipulationen kamen zu einer Zeit, als im Netz anschwellend und teilweise aggressiv eine angeblich einseitige Berichterstattung über die Ukrainekrise angeklagt wurde. Es ging dabei nicht mehr um einzelne Berichte, einzelne Fehler, sondern in Haftung genommen wurde die Gesamtheit der „Mainstreammedien“. Ein Schimpfwort, das insinuieren soll, Medien und Journalisten seien in die Abhängigkeit von Lobbyismus und Politik geraten. Befeuert wurde diese Sicht – jedenfalls in außenpolitischen Fragen – durch eine Doktorarbeit des Leipziger Wissenschaftlers Uwe Krüger, der zu dem Schluss kam, führende journalistische Akteure seien in ihrer außen- und sicherheitspolitischen Berichterstattung allzu sehr beeinflusst und gesteuert von US-amerikanischen Think-Tanks oder NATO-Positionen.

Auf diese – wissenschaftlich nicht unumstrittene – Sicht auf einen Aspekt der Berichterstattung hat, Udo Ulfkotte, ein ehemaliger, aber zu Beginn des Jahrtausends ausgeschiedener FAZ-Redakteur, eine Generalabrechnung gesetzt und in dem Buch „Gekaufte Journalisten“ die Branche in ihrer ganzen Breite angegriffen. Zum Vergnügen des Lesepublikums, das den Ulfkotte-Titel binnen weniger Wochen auf Platz sechs der Spiegel-Bestsellerliste hievte. Und genüsslich ließ der von propagandistischen Anwandlungen nicht freie russische Auslandssender „Russia Today“ Ulfkotte seine Anklage der deutschen Medienelite lang und breit im gerade eröffneten deutschen online-Auftritt anbringen.

So hochgeschaukelt hat sich die Journalismus-Kritik, dass das Fachblatt „Mediummagazin“ das Thema unter der Überschrift „Ihr lügt doch alle“ zur Titelgeschichte machte und nach Gegenstrategien suchte.

Dass Journalismus nie fehlerfrei war und nie sein wird, ist nicht überraschend. Das Ansehen des Berufsstands ist immer weiter gesunken. Doch in diesem Jahr scheint aus schlechtem Image Verachtung geworden zu sein. Spannend und wichtig ist es, sich bei der Ursachenforschung nicht nur auf die oben genannten Anlässe zu beziehen, sondern weiter auszuholen.

Die Branche selbst hat sich diskreditiert, in dem die einen in bis dahin nicht gekanntem Ausmaß moralisch den Stab über die Berichterstattung der anderen brachen. Den Höhepunkt hatte dieses gegenseitige Bashing in der Affäre Wulff. Vor lauter Debatten darüber, wer in der Berichterstattung überzogen, Wulff gedemütigt und in den Rücktritt getrieben habe, verschwand die lange Kette von Gründen für den unvermeidlichen Amtsverzicht des ehemaligen Bundespräsidenten in der gegenseitigen Schuldzuweisung. Dem Publikum vermittelte sich dadurch der Eindruck, als hätten allein die Medien die Verdrossenheit über Wulff produziert. Ein eklatantes Beispiel dafür, wie die Medien dazu beitrugen, dass Politikverdrossenheit um Medienverdrossenheit ergänzt wurde.

Diese Verdrossenheit wurde zudem genährt durch nie gekannte Häme, mit der die sogenannten Qualitätsjournalisten über ihre Konkurrenten herzogen. Ein arroganter Haufen, der auf roten Teppichen Preise für Reportagen verlieh, die hart an Seriosität vorbeischrammten. Schließlich wussten die etablierten Medien nicht umzugehen mit der Kritik, die ihnen in zahllosen Blogs aus dem Netz entgegenschlug. In einer ersten Phase versuchten sie die einfach zu ignorieren. Doch als das Kopf-in-den-Sand-Stecken nicht mehr half, sahen sie sich gezwungen, diese Art des Journalismus als Konkurrenz anzunehmen und gleichzeitig nicht müde zu werden, den Journalismus in etablierten Medien als den einzig wahren, den „Qualitätsjournalismus“ anzupreisen. Im Gegenzug kassierten sie aus dem Netz das Etikett „Mainstreammedien“, in denen statt Meinungsvielfalt nur noch Einheitsbrei zu finden sei.

Dass es mit dem von den Verlegern beschworenem „Qualitätsjournalismus“ dort nicht so weit her sein kann, wo Redaktionen immer mehr zusammengeschrumpft werden, Zeitungen gar ohne Redaktionen gemacht werden, ist inzwischen in das Bewusstsein der Nutzer gerückt. Und selbst wenn man sich des von interessierter Seite zum Kampfbegriff erhobenen Titels „Mainstreammedien“ nicht bedienen möchte, hat sich eine gewisse Gleichtönigkeit in der Medienlandschaft breit gemacht. Interessant, dass dieser Vorwurf nicht nur von irgendwelchen Agitatoren des linken oder rechten Spektrums erhoben wird, sondern, sozusagen aus der gesellschaftliche Mitte heraus, von Finanzminister Wolfgang Schäuble erhoben wurde, als er zum 20. Geburtstag von „spiegel-online“ die „Festrede“ hielt und den Medien, vor allem den täglichen Print-Medien einen Hang zum journalistischen „Herdentrieb“ vorwarf.

Solche Debatten gehen nicht mehr ungeschoren an der Branche vorbei. Die Gefahr allerdings ist groß, dass sie nach allzu langem Weghören und Ignorieren der Kunden ins Gegenteil verfällt und mit einer langen Selbstverständnisdebatte ihre Aufgabe vergisst: Informieren, statt lamentieren. Nur mit guter journalistischer Arbeit, mit dem Verzicht auf Trash kann sie sich aus dem Sumpf ziehen. Sie kann es – und sie muss es, sonst fällt sie mit unabsehbaren Folgen für die Demokratie als „vierte Gewalt“ aus.

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Der Autor und Redakteur sammelte langjährige Erfahrung in deutschen Printmedien. Heute schreibt Wolf als freier Journalist im Online-Bereich.


'Die Medien in der Glaubwürdigkeitsfalle' hat 2 Kommentare

  1. 15. November 2014 @ 12:38 Stefanie Z.

    Die Mainstream Medien – und ganz vorne dabei die zwangsfinanzierte Öffentlich-Rechtlichen – verstehen Ihre Rolle nicht darin, den Bürger zu informieren, sondern vermitteln den Eindruck, sie hätten einen (volks-)pädagogischen Auftrag, in dessen Mittelpunkt steht dem Bürger, die „richtige“ Meinung aufzudrängen.
    Beim Leser bzw. Zuschauer, entsteht oftmals der Eindruck, es handle sich um Hofberichterstattung und dort wo die Medien Leserkommentare zulassen, zeigt sich die Kluft zwischen öffentlicher und veröffentlichter Meinung – wobei die Kommentatoren oftmals besser informiert sind als die Autoren – speziell in kontroversen Themen, wie z.B. die Asylpolitik, Klimawandel, dem „Kampf-gegen-Rechts“, EU und Euro, Migrantenkriminalität und nicht zuletzt dem Islam. Wer den Code bricht, wird rigoros ausgegrenzt und kalt gestellt (Stichwort: Nicolas Fest)
    Darüber hinaus werden oftmals Pressemeldungen hundertfach nachgeplappert, ohne den Inhalt kritisch zu hinterfragen oder zu recherchieren.
    Besonders eklatant erscheinen auch die meinungsbildenden und einseitigen Artikel in Wirtschaftsressort: Erfolgreiche Unternehmen wie z.B.. Amazon werden permanent angegriffen, bis hin zu inszenierten Schmierkampagnen, während die tiefrote ver.di, DGB und Konsorten immer als Heilsbringer dargestellt werden. Als Beispiel kann hier Schlecker dienen, der nach jahrelanger Hetze und Zermürbungstaktik zu Fall gebracht wurde – was von den Medien gefeiert wurde, anstatt zu hinterfragen in wieweit die Gewerkschaft, einseitige Berichterstattung und Scharlatane wie Wallraff eine Mitschuld tragen.
    Kein Wunder also, warum unabhängige Zeitungen, die tatsächlich noch recherchieren und nachfragen, sich immer mehr Leser sichern können.

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  2. 15. November 2014 @ 13:19 Neueste Medien Nachrichten | Buch & Video

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