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Es gibt keinen sauberen Krieg- Auch Drohnen töten

Töten per Knopfdruck geschieht lautlos, hemmungslos. Drohnen verändern den Krieg. Sie machen ihn zum Computerspiel, in dem Tötungsbefehle leicht von der Hand gehen. Eine Studie aus den USA belegt die Gefahren, die der Drohnenkrieg auch für den Angreifer birgt. Doch die Bundesregierung hält an den Anschaffungsplänen fest, allen Einwänden und Risiken zum Trotz.

Wie schon ihr Vorgänger Thomas de Maizière (CDU) ist auch Verteidigungsministerin Ursula von der Leyen (CDU) fasziniert von den unbemannten Flugobjekten, die aus einer fernen Leitzentrale gegen ihr Ziel gesteuert werden. Die Bundesregierung macht Druck zur Anschaffung bewaffneter Drohnen für die Bundeswehr. Eine Studie aus den USA zum US-Drohnenkrieg in Pakistan spricht eindringlich dagegen. Die Zahl der zivilen Opfer ist demnach höher als von den US-Behörden eingestanden. Die Forscher der Stanford und New York University kommen zu dem Schluss, dass das Programm Amerika nicht sicherer gemacht habe. Vielmehr bringe es die pakistanische Bevölkerung gegen die USA auf. Der von US-Präsident Barack Obama forcierte Drohneneinsatz schürt demnach die Terrorgefahr.

Die vorherrschende Lesart in den USA sei die von klinisch präzisen und effektiven Waffen, die das gezielte Töten von Terroristen ermöglichen und dabei die eigenen Risiken und Gefahren von Kollateralschäden minimieren. „Diese Sicht ist falsch“, stellen die Wissenschaftler fest, nachdem sie neun Monate auch in Pakistan geforscht, Opfer, Augenzeugen und Experten befragt haben. Die aktuelle US-Drohnen-Strategie wirke zerstörerisch und kontraproduktiv.

Die Autoren der Studie erkennen die realen Bedrohungen an, die von Terroristen in pakistanischen Grenzgebieten für die Sicherheit der USA ebenso wie für die pakistanische Zivilbevölkerung ausgehen. Die gezielten Tötungen durch Drohnen aber seien sowohl für die Bevölkerung als auch für die Interessen der USA schädlich und sollten daher dringend neu bewertet werden.

US-Drohnen töten und verletzen Zivilisten, erklären die Forscher. Sie kritisieren, dass die US-Regierung diese Opfer nicht anerkenne und ihre Zahl klein rede. Die Studie beruft sich auf Angaben des unabhängigen Büros für investigativen Journalismus (TBIJ). Das beziffert die Anzahl der seit 2004 in Pakistan durch Drohnen Getöteten auf 2562 bis 3325, davon 474 bis 881 Zivilisten, darunter 176 Kinder.

Über die Todesfälle hinaus richten US-Drohnen in der pakistanischen Region Nordwasiristan wenig beachtetes Unheil an. Die Menschen lebten rund um die Uhr in der Angst vor Attacken auf Häuser, Fahrzeuge und öffentliche Plätze. Dies „terrorisiert Männer, Frauen und Kinder“, beklagen die Wissenschaftler. Das Leben in Todesangst rufe in der Zivilbevölkerung Traumata hervor und beeinträchtige ihren Alltag. Die Menschen fühlten sich ausgeliefert und schreckten davor zurück, Opfern zu helfen, sie scheuten Versammlungen und hielten ihre Kinder zu Hause, selbst Beerdigungen blieben sie aus Furcht fern.

Zugleich ziehe die Studie in Zweifel, dass die Drohnen-Einsätze die Sicherheit der USA erhöhten. Nur zwei Prozent aller Todesopfer seien als hochrangige Zielpersonen anzusehen. Im Gegenzug trieben die US-Angriffe den bewaffneten Gruppen offenbar neue Kämpfer zu und riefen weitere gewaltsame Attacken hervor. 74 Prozent der Pakistaner betrachteten die USA heute als Feind.

Der Drohnen-Krieg beschädige schließlich die Achtung vor dem Recht. Die Studie zweifele die Zulässigkeit des Drohnen-Einsatzes gegen Individuen oder Gruppen an, die nicht in Verbindung zu den Terroranschlägen vom 11. September 2001 stehen und keine Bedrohung für die USA darstellen. Die Autoren warnen vor Nachahmung durch andere Regierungen und weisen darauf hin, dass die Exporthürden für die tödliche Technologie deutlich gesenkt worden seien.

Die aktuelle Debatte in Deutschland bestätigt die Befürchtungen. Die Bundesregierung erliegt der Faszination einer fatalen Illusion, dass es nämlich möglich sein werde, Kriege ohne eigenes Risiko zu führen. Dabei lässt sie die Gefahr außer Acht, dass sich auch andere Länder oder Terrorgruppen die Tötungsmaschinen beschaffen werden. Friedensorganisationen treten daher für eine völkerrechtliche Ächtung von Kampfdrohnen ein. Die Bundesregierung solle sich dafür stark machen, ein Signal für internationale Rüstungskontrolle und Abrüstung setzen und auf den Ankauf bewaffneter oder nachträglich zu bewaffnender Drohnen grundsätzlich verzichten, fordert etwa die Vorsitzende der Organisation IPPNW, Susanne Grabenhorst.

 

Bildquelle: MQ-9 Reaper – 090609-F-0000M-777

U.S. Air Force photo by Paul Ridgeway – http://www.af.mil/shared/media/photodb/photos/090609-F-0000M-777.JPG

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Petra Kappe
Über  

Die promovierte Medienwissenschaftlerin arbeitete mehr als 20 Jahre in der Politikredaktion der Westfälischen Rundschau. Recherchereisen führten sie u. a. nach Ghana, Benin, Bosnien-Herzegowina, Kroatien, China, Ukraine, Belarus, Israel und in das Westjordanland. Sie berichtete über Gipfeltreffen des Europäischen Rates, Parteitage, EKD-Synoden, Kirchentage und Kongresse. Parallel nahm sie Lehraufträge am Institut für Journalistik der TU Dortmund sowie am Erich-Brost-Institut für Internationalen Journalismus in Dortmund wahr. Derzeit arbeitet sie als freie Journalistin.


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