Fußball-EM

Löw hat wieder mal übertaktiert – Dennoch Ende des Italien-‚Trauma

Deutschland gewinnt bei der Fußball-Europameisterschaft in Frankreich gegen Italien mit 7:6 nach Elfmeterschießen. Dieser erste deutsche Sieg in einem offiziellen Turnier gelang in einem denkwürdigen, dramatischen Spiel, das das Italien-Trauma endlich beendet. Nach 90 Minuten und nach Verlängerung stand es 1:1; in dem anschließenden Elfmeterschießen vergaben die Italiener immerhin vier, die Deutschen „nur“ drei Strafstöße, so dass es nach insgesamt 18 Elfmetern schließlich 6:5 für das deutsche Team stand. Bemerkenswert, dass die „alten Hasen“ Müller, Özil und Schweinsteiger ihre Strafstöße nicht verwandeln konnten, während Kroos, Hummels und Boateng sowie auch die jüngeren Draxler, Kimmich und zum Schluss Hector ihre Elfmeter eiskalt versenkten.

Nicht zu vergessen, dass Torwart Neuer zwei gegnerische Strafstöße halten konnte, aber das war bei ihm fast schon zu erwarten. Das Spiel begann mit einem überraschenden Paukenschlag, als Trainer Löw die Mannschaft, die so großartig und souverän gegen die Slowakei mit 3:0 gewonnen hatte, auseinander riss, um das eigene System auf die Spielweise der Italiener umstellten zu können. Das bedeutete die Hereinnahme von Höwedes und die Herausnahme von Draxler zur personellen Stärkung des zentralen Mittelfeldes und den Übergang von der Vierer- zur Dreierkette in der Abwehr. Die mit der „Opferung“ von Draxler verbundene Schwächung der Offensivbemühungen des deutschen Angriffs wurde bewusst in Kauf genommen.

Nun kann man sagen, Löw hat alles richtig gemacht, der Erfolg gibt ihm schließlich Recht. Die taktische Ausrichtung der deutschen Mannschaft kann man aber auch anders beurteilen, zumal der positive Ausgang des Spiels an einem seidenen Faden hing, man kann auch von großem Glück sprechen. Die Frage ist, ob Deutschland als Weltmeister und in der derzeitigen Verfassung auf ein solches Glückspiel angewiesen sein muss? Bei allem Respekt vor den italienischen Fußballkünsten, insbesondere vor deren Defensivleistungen, meine ich nein, und in meinen Augen hat Deutschland das Spiel gegen Italien nicht wegen eines genialen taktischen Schachzugs von Trainer Löw gewonnen, sondern mit viel, viel Glück trotz der taktischen (Fehl-)nterpretation von Löw.

Bei der Weltmeisterschaft in Brasilien vor zwei Jahren hatte Löw sich auch schon eine eklatante taktische Fehleinschätzung geleistet, als er in den beiden ersten Spielen zur Verwunderung aller mit vier Innenverteidigern spielen ließ. Es war klar, dass das nicht gut gehen konnte. Die weiteren Erfolge konnten nur deshalb gelingen, weil Löw das schließlich erkannte und die Abwehr ab dem 3. Spiel neu formierte.

In den Tagen vor dem Spiel gegen Italien hat Trainer Löw durch seine demonstrativ gelassene Haltung („wir haben kein Trauma!“) ein gesundes Selbstvertrauen in die Leistungen und auch Steigerungsmöglichkeiten der deutschen Mannschaft zum Ausdruck gebracht, zumindest wurde ein solcher Anschein vermittelt. Umso unverständlicher ist es, dass Löw die taktische Einstellung für dieses Spiel ganz auf die italienische Spielweise abgestimmt und ganz bewusst eine Schwächung der eigenen Offensivkraft in Kauf genommen hat.

Von einem durchaus angebrachten, zu erwartenden Selbstbewusstsein in die eigene Leistungsfähigkeit war keine Spur mehr. Was war im Spiel die Folge? In der ersten Halbzeit 60% Ballbesitz, aber erst gegen Ende zwei Torchancen, nicht ein Torschuss, nur eine einzige Flanke von außen. In der zweiten Halbzeit wurde es etwas besser, aber herausgespielte Torchancen hatten auch dann Seltenheitswert. Warum eigentlich nicht mal ein Schuss aus der zweiten Reihe? Kroos tauchte völlig ab und Draxler wurde in der 71. Minute auch nur wegen einer Verletzung von Gomez eingewechselt. Die wenigen italienischen Angriffsbemühungen hätte man auch ohne einen zusätzlichen Abwehrspieler regeln können. Nebenbei; die Italiener haben einige Male gezeigt, wie man eine Abwehr über außen, meistens über links, in Schwierigkeiten bringen kann, wenn dort der rechte Verteidiger fehlt.

Insgesamt also eine durch Vorsicht und Ängstlichkeit geprägte Ausrichtung der taktischen Marschrichtung.
Es geht hier nicht darum, einen jahrelang ersehnten, endlich eingetretenen Sieg madig zu machen, sondern um den Finger rechtzeitig in eine drohende, gefährlich werdende Wunde zu legen. Und das Glück sollte man nicht überstrapazieren! Gefragt ist eine taktische Ausrichtung, die die eigenen Fähigkeiten in den Vordergrund stellt, durchaus mit einer überschaubaren Risikobereitschaft (auch daran kann man wachsen!), ohne Vernachlässigung der Eigenarten des Gegners, das gehört zum Alltagsgeschäft eines Trainers. Selbstbewusstsein ohne Überheblichkeit, das kann der deutschen Mannschaft im nächsten Spiel gegen Frankreich, was wohl zu erwarten ist, nur von Nutzen sein!

Bildquelle: Youtube https://www.youtube.com/watch?v=BcJKMtIsM_8

 

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Hartmut Schmidt

Der Autor war Fußballspieler, Trainer und Schiedsrichter. Heute analysiert Schmidt die deutsche Bundesliga und den DFB-Pokal mit einem scharfen Blick auf die Leistung der Unparteiischen.


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