Nachhaltigkeit sollte sich im Idealfall auf ökologische, ökonomische und soziale Aspekte beziehen
Nachhaltigkeit sollte sich im Idealfall auf ökologische, ökonomische und soziale Aspekte beziehen

Mehr Schein als Sein: Wieviel Öko beruhigt das Gewissen?

Nachhaltiger Konsum liegt im Trend. Doch der Bio-Supermarkt ist kein Allheilmittel und eine grüne Verpackung steht nicht automatisch für umweltschonende Produkte. Wir erliegen einer grünen Illusion und hinterfragen zu selten die Ökolügen, die uns umgeben.

Seit Jahrzehnten kämpfen einige Propheten für den grünen Frieden, für Umweltbewusstsein und die Erkenntnis von den endlichen Ressourcen der Welt. Eine Ewigkeit blieben ihre Rufe ungehört. Doch plötzlich hat es Klick gemacht. Scheinbar hat uns alle über Nacht die Erkenntnis ereilt, dass es nicht weitergehen kann wie bisher und dass wir etwas tun müssen, um der Menschheit und dem Planeten eine Zukunft zu ermöglichen. Und plötzlich rollt eine Nachhaltigkeitswelle durchs Land. Jeder muss mitmachen, damit sich etwas verändert. Und erstaunlicherweise will auch jeder Teil der großen Veränderung sein. Die Wege zum grünen Lifestyle sind vielfältig: Car-Sharing, Fair-Trade-Siegel, Bio-Gemüse, Vegetarismus, Veganismus, verbrauchsarme Autos, Ökostrom… Kaum ein Lebensbereich kommt heute noch ohne Nachhaltigkeit aus.

Politische Vorbilder versagen

Auch die Politik hat plötzlich ein grünes Gewissen; Schuldenbremse, Atomausstieg und Energiewende gehören zu den wichtigen Projekten der aktuellen Regierung. Deutschland wird in Energiefragen zum Moralapostel: Wir zeigen der Welt, wie eine Energiewende funktionieren kann. Doch während der Anteil der erneuerbaren Energien munter mit Hilfe staatlicher Bezuschussung wächst, pusten Kohle- und Gaskraftwerke immer mehr Kohlenstoffdioxid in die Atmosphäre. Unsere Treibhausgasemissionen steigen nach einem jahrelangen Abwärtstrend seit einigen Jahren wieder an. Die deutsche Überheblichkeit beim Thema nachhaltige Energieversorgung löst angesichts dieser Entwicklung im Ausland Kopfschütteln aus.

Weltretter und Pseudo-Nachhaltigkeit

Was die Politik vormacht, findet in der Gesellschaft selbstredend Nachahmer. So brüsten sich gut situierte Geschäftsmänner mit der Anschaffung eines umweltfreundlichen Hybridautos und vergessen, dass dieses sich in der Garage zu einem SUV und Sportwagen gesellt, die eine wesentlich schlechtere Ökobilanz aufweisen. Andere kaufen sich einen neuen Kühlschrank der Energieeffizienzklasse A+++ und schließen den alten Stromfresser trotzdem dauerhaft im Keller als Getränkekühlung an. Zuletzt kauft die umwelt- und ernährungsbewusste Studentin 3 lose Bio-Äpfel im Supermarkt, aber verpackt diese für den Transport trotz zusätzlichem Rucksack in einem Plastikbeutel.

Der gute Wille ist erkennbar, doch viele der guten Ansätze werden nicht weitergedacht. Kaum einer beschäftigt sich tatsächlich ganzheitlich mit den Produkten, die er kauft. Zwar geben immer mehr Deutsche mittlerweile ein paar Cent mehr für fair gehandelten Kaffee oder Schokolade aus, aber über weitere ökologische und soziale Hintergründe der Produktion und des Vertriebs wird kein weiterer Gedanke verschwendet. Greenwashing funktioniert nicht nur bei Unternehmen sondern auch im kleinen Stil, wenn man sich zu Unrecht mit nachhaltigem Engagement schmückt. Währenddessen sind Konsumenten in Schwellenländern wie China, Nigeria und Brasilien eher dazu bereit, nachhaltige Produkte zu kaufen. Für die Bewohner der strapazierten Regionen der Welt ist der Nutzen von Nachhaltigkeit klar erkennbar, in Deutschland ist das alles zu weit weg. Auf lange Sicht werden allerdings auch wir den sorglosen Massenkonsum zu spüren bekommen, wenn sich nicht bald tatsächlich etwas ändert. Jeder Deutsche verursacht innerhalb eines Jahres statistisch elf Tonnen Kohlendioxid. Um das Zwei-Grad-Ziel der Klimaerwärmung zu erreichen, müsste der CO2-Fußabdruck auf zwei Tonnen pro Person und Jahr sinken.

Mit kleinen Schritten und Köpfchen vorangehen

Dabei wäre es manchmal so einfach, den Alltag nachhaltiger zu gestalten. Amazon.de listet zu dem Thema mehr als 7000 Bücher, doch Tipps und eine Nachhaltigkeitsstrategie stellt beispielsweise neben dem BUND und weiteren Umweltorganisationen die Bundesregierung auf ihrer Website auch kostenfrei zur Verfügung. Angefangen bei der Reduktion des Fleischkonsums, der im Durchschnitt für 40 Prozent unserer CO2-Ernährungsbilanz verantwortlich ist, über den Kauf saisonaler und regionaler Lebensmittel bis hin zur Nutzung energiesparender Haushaltsgeräte und dem richtigen Heizverhalten; nachhaltig bedeutet nicht immer gleich teuer. Auch beim Thema Ökostrom lässt sich Geld sparen, denn entgegen ihrem Ruf sind Ökostromtarife häufig sogar mit geringeren Kosten verbunden als der Grundversorgungstarif der örtlichen Stadtwerke. Jeder fünfte Tarifwechsel wird mittlerweile wegen des Wunsches nach Strom aus erneuerbaren Energien durchgeführt. So hat sich zwischen 2010 und 2013 die Zahl der Stromkunden mit Ökostromtarifen von 4 auf 7,6 Millionen gesteigert. Doch auch hier gilt es, genau hinzuschauen, denn nicht überall wo öko draufsteht, ist auch öko drin. Wer einen Tarif wählt, der lediglich durch RECS-Zertifikate als Ökostrom gekennzeichnet ist, kauft im Zweifel norwegischen Strom aus Wasserkraft, aber leistet keinen Beitrag für das Vorankommen der hiesigen Energiewende.

Unternehmen werden Märchenerzähler

Natürlich hat auch die Wirtschaft den Megatrend längst erkannt und weiß, dass die Faulheit der Verbraucher häufig über den Informierungswillen siegt. Viele Unternehmen sind mittlerweile auf den Nachhaltigkeitszug aufgesprungen, aber allzu häufig wird der Trend als Marketing-Instrument genutzt. Effizienzrekorde, Regenwald-Rettungsmissionen, Recyclebare Verpackungen, selbst erdachte Qualitätssiegel… Auf vielfältige Wege propagiert die Wirtschaft ihre neu entdeckte Verantwortung.

Auch der Autobauer von Welt hat den Zeitgeist erkannt und versucht sich seit Jahren ein Saubermann-Image aufzubauen. Begriffe wie Umwelt- und Klimafreundlichkeit werden beinahe schon inflationär in jeder Werbekampagne untergebracht, wenn die neuesten Modelle durch grüne Landschaften mit zahllosen Windrädern rasen. Zero Emission heißt das Zauberwort, das sogar Namensgeber der E-Autoserie eines französischen Automobilkonzerns ist. Obwohl man jedoch bei Elektroautos den Auspuff für umweltschädliche Abgase vergeblich sucht, kann von Emissionsfreiheit bei diesen Wundern der Technik keine Rede sein. Denn der für den Antrieb benötigte Strom kommt zwar aus der Steckdose, wird aber bis heute zu einem erheblichen Anteil aus fossilen Energieträgern gewonnen.

Glücklicherweise gibt es noch Konzerne, die sich den Sorgen ihrer Verbraucher annehmen. So fragte eine ehemalige Spitzen-Wintersportlerin 2012 in der Kampagne eines deutschen Energieriesen mit drei Buchstaben: „Wenn Strom immer grüner wird, kann sich das dann noch jeder leisten?“ – „Wir arbeiten daran, dass Erneuerbare Energie bezahlbar bleibt“, so die Antwort des Unternehmens, mit Verweis auf das jahrelange Engagement bei Hochseewindparks. Im politischen Diskurs setzt sich das Unternehmen hingegen für staatliche Finanzunterstützung für konventionelle Kraftwerke ein, deren Betrieb sich dank des Ökostrombooms immer weniger lohnt. Auch der Einsatz für Offshore-Windanlagen durch den Konzern ist, zumindest in Bezug auf deutsche Gewässer, eher dürftig. Während sich in Dänemark und Großbritannien einige Windräder für den Energieriesen drehen, ist der Anteil an der deutschen Ökostromproduktion durch Windkraft kaum nennenswert.

Der Glaube an die Ökolüge

Mit selektiven Informationen, trügerischen Bildern und guten Slogans poliert grüne Werbung das Markenimage auf. Allzu häufig bleibt die verheißungsvolle Botschaft jedoch ein leeres Versprechen. Wenn es hart auf hart kommt, geht es in der Wirtschaft eben doch eher um Erfolg und schwarze Zahlen. Um die Probleme von morgen können sich später andere kümmern.

Wir sind also noch lange nicht im neuen ökologischen, fairen, gelobten grünen Zeitalter angekommen. Wir machen uns vielmehr etwas vor, wenn wir glauben, schon heute im Sinne der Nachhaltigkeit zu leben. Allerdings wurde in den letzten Jahren eine kleine Bewegung angestoßen, die, wenn sie weiterverfolgt und vorangetrieben wird, Hoffnung für eine wirkliche Veränderung spendet. Es wäre gar nicht so schwer, ein paar Kleinigkeiten zu ändern. Wenn da nicht die lästigen Gewohnheiten wären und die mangelnde Bereitschaft, sie zu durchbrechen.

Quellen:

Bildquelle: „Nachhaltigkeit“ von Kitaki – Eigenes Werk. Lizenziert unter Creative Commons Zero, Public Domain Dedication über Wikimedia Commons – http://commons.wikimedia.org/wiki/File:Nachhaltigkeit.jpg#mediaviewer/File:Nachhaltigkeit.jpg

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Bente Christina Löhndorf

studiert Politikwissenschaft in Hannover und arbeitet als freie Journalistin zu Energiethemen.


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