Grabsteine ​​des Massakers von Srebrenica

25 Jahre nach dem Massaker: die offenen Wunden von Srebrenica

Jedes Jahr am 11. Juli gehen die Mütter zu Fuß von Srebrenica nach Potocari. Sie betrauern ihre Toten, sie erinnern an den größten Völkermord in Europa seit dem Zweiten Weltkrieg und sie beklagen die Wunden, die nicht heilen wollen – auch ein Vierteljahrhundert nach den furchtbaren Ereignissen nicht.

Seit ich vor elf Jahren die Frauen auf ihrem sechs Kilometer langen, schweren Gang begleitete, Mütter, Töchter, Großmütter und Schwestern, untergehakt sich gegenseitig stützend, ist die juristische Aufarbeitung vorangeschritten. Die Oberbefehlshaber des Genozids, der politische Führer der bosnischen Serben, Radovan Karadzic, und sein Militärchef Ratko Mladic, wurden vom UN-Tribunal in Den Haag zu lebenslanger Haft verurteilt. Doch viele Täter blieben unbehelligt, Bosnien-Herzegowina wächst nicht zusammen und im Alltag der Menschen wirken die Feindseligkeiten nach.

Srebrenica ist ein kleiner Ort im Osten des Landes. Nach Ausbruch des Bürgerkrieges flüchteten viele dorthin. In der Schutzzone der Vereinten Nationen glaubten sie sich sicher vor den Angriffen der bosnisch-serbischen Armee. Doch das 350 Mann starke niederländische Blauhelmkorps, bei dem Zehntausende Zuflucht suchten, erwies sich als völlig überfordert und überließ die Verzweifelten ihrem Schicksal. Das trieb Tausende in die umliegenden Wälder und Abertausende ins benachbarte Potocari, für die meisten männlichen Bosniaken die Endstation ihres Lebens. Mladics Truppen trennten sie von den Frauen und Kindern. Rund 8000 fielen dem massenhaften Morden dieser Julitage 1995 zum Opfer. Noch immer haben nicht alle von ihnen auf dem Gedenkfriedhof in Potocari ihre letzte Ruhe gefunden.

Jahr für Jahr identifizieren Forensiker der Internationalen Kommission für vermisste Personen (ICMP) weitere Opfer und geben den Toten ihre Namen zurück, sodass die Angehörigen sie in den langen Gräberreihen bestatten können. Mentale Schwerstarbeit. Leichensäcke türmen sich in den Regalen auf, gefüllt mit Knochen von Schenkeln, Armen, Rippen, Kiefern, Schädeln. Die Fachleute versuchen, die menschlichen Skelette zusammenzufügen und mittels DNA-Analysen ihre Herkunft zu klären.

Während des Bosnien-Krieges von 1992 bis 1995 verscharrte die bosnisch-serbische Armee ihre Opfer in Massengräbern. Aus Angst vor Entdeckung hoben die Täter viele der Gräber selbst wieder aus und schafften die menschlichen Überreste an andere Orte. So entstanden neben primären auch sekundäre und sogar tertiäre Massengräber, und Teile eines einzigen Skeletts können von vier oder fünf verschiedenen Fundstellen stammen.

Erst die DNA-Untersuchung ermöglicht Gewissheit. Eltern und Geschwister, die nach ihren Angehörigen suchten, hinterlegten bei der ICMP mehr als 87.000 Blutproben, die 28.772 Vermisste betreffen. Sie werden mit den DNA-Profilen abgeglichen, die aus den Knochen gewonnen wurden. Stimmen die Erbgutuntersuchungen der Knochen zu mindestens 99,95 Prozent mit den DNA-Profilen der Blutproben überein, meldet die Kommission den Angehörigen die erfolgreiche Identifizierung. Erst dann erhalten die Hinterbliebenen einen Totenschein. Erst dann können sie auch Witwen- oder Waisenrenten beantragen.

Advija Ibrahimovic, die elf Jahre alt war, als sie im Krieg nach der Mutter auch ihren Vater verlor, erhielt auf diese Weise die Bestätigung vom Tod ihres Vaters. „Man hat seine Arme und seinen Brustkorb gefunden”, erzählt sie, als ich sie vor elf Jahren in Srebrenica traf. Sie war eine der 580 Waisen, die das Massaker von Srebrenica hinterließ. Mehr als 6000 Kinder wurden durch den Massenmord zu Halbweisen. Ihre Mütter kämpften gemeinsam für Wahrheit und Gerechtigkeit – und um eine friedliche Zukunft für ihre Kinder.
Doch die ist auch 25 Jahre nach den Gräueltaten nicht in Sicht. Das den Kriegsparteien von den USA verordnete Abkommen von Dayton hat sich als untauglich erwiesen, die Machtkämpfe in Bosnien-Herzegowina zu überwinden. Die Gräben zwischen Serben, Kroaten und Bosniaken, die vor dem Bürgerkrieg in guter Nachbarschaft miteinander gelebt hatten, klaffen weiter tief. Und Serbien verweigert es bis heute, die Schande von Srebrenica als Genozid anzuerkennen.

Die Entwicklung hatte nach dem Fall des Eisernen Vorhangs begonnen, als sich – unverständlicherweise ermuntert durch den damaligen deutschen Außenminister Hans-Dietrich Genscher – Slowenien, Kroatien, Mazedonien und im Frühjahr 1992 schließlich auch Bosnien-Herzegowina für unabhängig erklärten. Vom einstigen Jugoslawien blieben nur die Teilrepubliken Serbien und Montenegro beisammen. Die nationalistischen Tendenzen in Serbien und Kroatien erfassten die unterschiedlichen Bevölkerungsgruppen in Bosnien und schürten den Hass, der sich mit unfassbarer Brutalität und Grausamkeit, Kriegsverbrechen, Verbrechen gegen die Menschlichkeit und Völkermord entlud.

Etwa 100.000 Menschen starben durch die Kämpfe. Vergewaltigungen wurden zu einem Teil der systematischen Kriegsführung. Die Belagerung von Sarajevo ließ Menschen verhungern und ohne Zugang zu medizinischer Versorgung verrecken. Die Gewaltexzesse und die ethnisch motivierte Vertreibung fast der Hälfte der Bevölkerung führten zur Auslöschung ganzer Gemeinden.

Der Internationale Strafgerichtshof für das ehemalige Jugoslawien, den die Vereinten Nationen 1993 einsetzten, sollte die Kriegsverbrecher zur Rechenschaft ziehen. In den 24 Jahren seiner Tätigkeit verurteilte das Tribunal in Den Haag 90 von 161 Angeklagten. Allein 20 der angeklagten Politiker und Militärs mussten sich wegen der Verbrechen von Srebrenica verantworten – auch der ehemalige serbische Präsident Slobodan Milosevic, der vor Ende seines Verfahrens starb.

Ende 2017 schloss der Gerichtshof die letzten Akten. Für die internationale Strafgerichtsbarkeit hat er einen Meilenstein gesetzt. Kein Amt der Welt, so die zentrale Botschaft, schützt Kriegsverbrecher vor Strafverfolgung. Die Aussöhnung unter den Menschen aber lässt sich nicht richterlich anordnen. Dafür braucht es Politiker, die den Nationalismus überwinden, ihre egoistischen Machtinteressen zurückstellen und in einem fairen Miteinander die bessere Zukunft gestalten.

Bildquelle: Wikipedia, Michael Büker, CC BY-SA 3.0

 


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Petra Kappe
Über  

Die promovierte Medienwissenschaftlerin arbeitete mehr als 20 Jahre in der Politikredaktion der Westfälischen Rundschau. Recherchereisen führten sie u. a. nach Ghana, Benin, Bosnien-Herzegowina, Kroatien, China, Ukraine, Belarus, Israel und in das Westjordanland. Sie berichtete über Gipfeltreffen des Europäischen Rates, Parteitage, EKD-Synoden, Kirchentage und Kongresse. Parallel nahm sie Lehraufträge am Institut für Journalistik der TU Dortmund sowie am Erich-Brost-Institut für Internationalen Journalismus in Dortmund wahr. Derzeit arbeitet sie als freie Journalistin.


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