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Auf ein Wort: Zum Tod von Jürgen Habermas

Jochen Luhmann Von Jochen Luhmann
17. März 2026
Jürgen Habermas

Die Nachrufe auf Jürgen Habermas klingen langsam ab. Vom Bundespräsidenten bis zum Kölner Oberbürgermeister, landauf und landab, wurde er als großer Aufklärer, moralische Instanz Deutschlands, gar als Leuchtfeuer in tosender See gehuldigt. Es hat den Anschein, dass insbesondere seine Rolle als öffentlicher Intellektueller gewürdigt wurde, der sich nicht scheute, sich in aktuelle politische Debatten z.B. über die Ursachen des Faschismus (sog. Historikerstreit), Probleme der Wiedervereinigung, Möglichkeiten eines Friedens in der Ukraine oder die zunehmenden Gefährdungen der Demokratie einzumischen. Habermas suchte zeitlebens nach normativen Begründungen der demokratischen Lebensform und verpflichtenden Regeln der internationalen Ordnung und des Völkerrechts. Diese öffentlichen Interventionen machten ihn einem breiteren Publikum bekannt.

Ich wurde 1968 mit seinem Denken konfrontiert, als seine Schrift „Technik und Wissenschaft als ‚Ideologie‘“ erschien. Darin unternahm er den Versuch, die Marxschen Kategorien der Politischen Ökonomie einer Revision zu unterziehen; insbesondere das Verhältnis von Produktivkräften und Produktionsverhältnissen ersetzte er durch die fundamentale Unterscheidung von Arbeit und Interaktion, zweckrationalem und kommunikativem Handeln. Die Reduzierung des Arbeitsbegriffs auf instrumentelles, technischen Regeln folgendes Handeln, fanden wir linken Studenten, die wir uns zuvor mühsam in das Marxsche Vokabular eingearbeitet hatten, problematisch. Wir hielten nach wie vor an der Marxschen Einsicht fest, dass das gesellschaftliche Sein in letzter Instanz durch die ökonomischen Verhältnisse bestimmt wird und die Kategorie der Arbeit unverzichtbar für das Verständnis kapitalistischer Produktionsverhältnisse ist.

Aber es galt, sich mit Habermas auseinander zu setzen, der mit der Veröffentlichung der o.g. Schrift plötzlich in aller Munde war. Wir bildeten einen privaten Arbeitskreis und versuchten, uns mit dem Denken von Habermas vertraut zu machen. Mit mäßigem Erfolg. Ich habe noch einmal den kleinen Band der Edition Suhrkamp von damals zur Hand genommen; es wimmelt darin nur so von Fragezeichen und kritischen Anmerkungen. Verstanden und akzeptiert haben wir den Ansatz von Habermas nicht; seine Begrifflichkeiten blieben uns fremd.

Das ging mir später mit seinem Hauptwerk „Theorie des kommunikativen Handelns“ ähnlich, indem er auf der Basis integrierter Ansätze aus Sprechakttheorie, Diskursethik und Universalpragmatik den Versuch unternahm,  Möglichkeitsbedingungen gelingender Kommunikation darzustellen.

Als dieses umfangreiche Werk erschien, hatte Habermas bereits u.a. mit seiner Arbeit über den „Strukturwandel der Öffentlichkeit“ in Wissenschaftskreisen weithin Aufsehen erregt. Es war seine Habilitationsschrift, die von Max Horkheimer, dem Direktor des Instituts für Sozialforschung, abgelehnt worden war, woraufhin sich Habermas in Marburg bei Wolfgang Abendroth habilitierte. Gleichwohl wurde Habermas 1964 Nachfolger Horkheimers und übernahm dessen Professur für Soziologie an der Frankfurter Universität.

Persönlich habe ich Habermas erst 1998 auf dem Freiburger Soziologentag erlebt. 30 Jahre zuvor war eines seiner Hauptwerke erschienen: „Erkenntnis und Interesse“, eine Weiterführung seiner Frankfurter Antrittsvorlesung. Eine Veranstaltung widmete sich dieser Schrift, wobei vor allem Kritiker zu Wort kamen; darunter ehemalige Schüler und Kontrahenten. Lapidar lässt sich die Kritik wie folgt zusammenfassen: Zuviel Max Weber, zu wenig Marx. Und in der Tat lässt sich sagen, dass Habermas sich weniger um die Ursachen kapitalistischer Krisen kümmerte, die er als systemimmanent ansah und für reparabel hielt, als um die daraus resultierenden Legitimationsprobleme des demokratischen Staates. Wie dem auch sei: ich habe bewundert, wie gelassen Habermas auf seine Kritiker reagierte: behutsam griff er die Argumente auf; setzte sich geduldig damit auseinander und in vielen Punkten gab er den Kritikern sogar recht ohne zu versäumen, darzulegen, was ihn zu seinen Ansichten bewogen hatte. Das Ganze war ein Lehrbeispiel in diskursiver Verständigungsbereitschaft.

Abschließend möchte ich eine Passage zitieren, die das Anliegen von Habermas ganz gut zusammenfasst; sie stammt aus der 1991 erschienenen Schrift „Erläuterungen zur Diskursethik“:

Aus kommunikationstheoretischer Sicht ergibt sich ein enger Zusammenhang der Sorge für das Wohl des Nächsten mit dem Interesse für das allgemeine Wohl: die Identität der Gruppe reproduziert sich über intakte Verhältnisse reziproker Anerkennung. Darum ist der zur individuellen Gleichbehandlung komplementäre Gesichtspunkt nicht Benevolenz (eine wohlwollende Einstellung gegenüber dem Anderen; JF), sondern Solidarität.

Bildquelle: Európa Pont, CC BY 2.0, via Wikimedia Commons

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