Jetzt lassen wir die Kirche aber mal im Dorf. Was ist daran aufregend oder verwerflich, dass knapp ein Jahr vor der Wahl des nächsten Bundespräsidenten Namen über eine mögliche Nachfolgerin von Frank-Walter Steinmeier gehandelt werden? Eine der genannten Aspirantinnen, Annegret Kramp-Karrenbauer, ehemalige CDU-Vorsitzende, Verteidigungsministerin und heutige Vorsitzende der Konrad-Adenauer Stiftung, regt sich gewaltig auf über das Spiel mit Namen. Bei Welt-TV zündete sie die Empörungswelle und beklagte: „Es geht hier um das höchste Staatsamt und wir führen uns auf wie in einem Teppich-Basar.“
Wer zurückblickt auf die Spielchen und Intrigen um die Kandidatenkür des Staatsoberhaupts – dem wäre wohl, wenn es dabei immer so zivil wie auf einem Teppich-Basar zugegangen wäre. Es waren fast immer knallharte Machtpoker, die den späteren Amtsinhabern den Weg in die Bonner Villa Hammerschmidt und später das Berliner Schloss Bellevue öffneten.
Respekt vor dem höchsten Staatsamt hatte Konrad Adenauer nicht, als er 1959 kurzfristig überlegte, das Kanzleramt zu verlassen, um einen möglichen Bundespräsidenten Ludwig Erhard zu verhindern. Und sich dann grollend damit abfinden musste, dass der von ihm als untauglich bewertete Sauerländer Heinrich Lübke in die Präsidenten-Villa einzog.
1969, ein Jahrzehnt später wäre es dem CDU/CSU-Kandidaten Gerhard Schröder (nicht zu verwechseln mit dem späteren SPD-Bundeskanzler Gerhard Schröder) sogar recht gewesen, wenn er mit den Stimmen der NPD den ersten sozialdemokratischen Kandidaten Gustav Heinemann in der Bundesversammlung geschlagen hätte. Für das Land kam es anders, zum Glück. Die knappe Wahl Heinemanns mit den Stimmen von SPD und FDP leitete, wie er selbst sagte, den „Machtwechsel“ vor, der die Wahl Willy Brandts zum Bundeskanzler erst ermöglichte.
Der nächste Wechsel deutete sich an, als Heinemann-Nachfolger Walter Scheel (FDP) nach einer Amtszeit selbst mit der stillen Zusage, bei einer Wiederwahl durch die CDU/CSU die sozialliberale Regierung platzen zu lassen, nicht überzeugen konnte.
Mit Karl Carstens, Richard von Weizsäcker und Roman Herzog begann eine zwanzigjährige Dominanz der CDU/CSU im Präsidialamt. Aber spätestens mit von Weizsäcker auch eine Rivalität zwischen Kanzler und Präsident. Kohl mochte den Adligen nicht. Eine zweite Amtszeit wurde nur möglich, weil die SPD sie forderte. So klar umrissen waren damals noch die Machtverhältnisse zwischen den beiden Volksparteien!
Und verworren zugleich. Ausgerechnet Kohl ermunterte Anfang der neunziger Jahre Johannes Rau, den SPD-Ministerpräsidenten von NRW, für das Bundespräsidentenamt zu kandidieren. Er konnte sich allerdings sicher sein, dass er mit dieser Finte die FDP in der Bundesversammlung noch einmal näher an die schwarz-gelbe Koalition binden und die Mehrheit für Roman Herzog gewährleisten konnte. Erst fünf Jahre später, 1999, wurde der Traum von Rau wahr, Nachfolger seines Vorbilds Gustav Heinemann als Präsident zu werden.
Teppich-Basar oder Machtpoker? Jedenfalls spielte der Teppich eine Rolle, als die CDU-Vorsitzende Angela Merkel und der FDP-Vorsitzende Guido Westerwelle 2004 an einen Machtwechsel glaubten und als Präsidentschaftskandidaten Horst Köhler ausguckten, um den CDU-Granden Wolfgang Schäuble auszubooten. Stolz verkündete Westerwelle diese Entscheidung in Noppensocken auf dem Teppichboden seiner Wohnung.
Der erste Fehlgriff von Merkel in Präsidentenfragen. Köhler gab 2010 entnervt auf, auch weil die Distanz zwischen ihm und der Kanzlerin zu groß geworden war.
Der zweite Fehlgriff: Die Nominierung von Christian Wulff. Da ging es nicht um das Amt, sondern darum einen nörgelnden Konkurrenten loszuwerden. Der niedersächsische Ministerpräsident war in der Berliner CDU nicht geschätzt, weil er die Regierungspolitik in Hintergrundgesprächen attackierte und keinen Zweifel daran ließ, der bessere Regierungschef zu sein. Er wurde im Schloss Bellevue als Staatsoberhaupt entsorgt. Mit bekanntem Nicht-Erfolg.
Der dritte Fehlgriff wurde Merkel aus der Hand geschlagen, weil sich FDP und SPD verbündeten, um Merkel den Theologen Joachim Gauck als Präsidenten vorzusetzen. Mit ihm kehrte der Respekt der Menschen vor dem höchsten Staatsamt zurück.
Die vorerst letzte Wende brachte 2017 die Wahl von Frank-Walter Steinmeier ins Schloss Bellevue. Er war ein Kandidat, der von Union, SPD und Grünen akzeptiert war und für den es keine Alternative für eine zweite Amtszeit gab. Ruhig, bedächtig und klug, vor allem mit Elke Büdenbender an seiner Seite, die die Sympathie der Menschen erobern konnte.
Und jetzt? Teppichbasar? Natürlich werden Namen gehandelt. Es wird gefeilscht wie immer. Nicht nur mit weichen Bandagen. Dennoch ist alles anders als zuvor. Erstmals in der Geschichte der Republik scheint Übereinstimmung zu herrschen, dass es endlich eine Frau sein soll, die als erste Bürgerin das Land repräsentiert. Wer das Rennen macht ist offen. Es fließt noch viel Wasser die Spree hinunter, bevor am 30. Januar 2027 die Bundesversammlung die erste Bundespräsidentin wählen wird.
Bildquelle: Zeichnung vom Niehler Wochenmarkt: Wolfgang Schieffer (Waldmaler.de)












