Manchmal bedarf es keiner langen Analysen. Wenige Sätze von Bundeskanzler Friedrich Merz aus den letzten Monaten belegen, wie sehr sich die Welt verändert und wie radikal sich der Blick des Kanzlers auf diese Welt verändert oder den Realitäten dieser Welt angepasst hat.
Im Juni letzten Jahres zollte er den israelischen Angriffen auf den Iran „höchsten Respekt“. „Das ist die Drecksarbeit, die Israel macht für uns alle“, sagte er am Rande des G7-Treffens in Kanada. In dieser Woche kommentierte er die israelischen Angriffe auf die von Teheran unterstützte Hisbollah im Libanon. Und das hörte sich nicht mehr nach „Drecksarbeit für uns alle“ an: „Die Härte, mit der Israel dort Krieg führt, könnte den Friedensprozess als Ganzes zum Scheitern bringen. Und das darf nicht geschehen.“
Als sich im Januar Zehntausende gegen das Regime erhoben und die Mullahs die Protestierenden nur mit Massenmorden einschüchtern konnten, wusste der Kanzler bei einem Staatsbesuch in Indien: „Ich gehe davon aus, dass wir jetzt hier auch gerade die letzten Tage und Wochen dieses Regimes sehen.“
Am Donnerstag hörte sich das so an: „Nach langem Schweigen, für das es auf unserer Seite schwerwiegende Gründe gab, nehmen wir als Bundesregierung jetzt auch die Gespräche mit Teheran wieder auf.“
Ohne jede Häme ob dieser Sinneswandlungen. Vielleicht dämmert es Merz inzwischen, dass die von Donald Trump und Benjamin Netanjahu angezettelte völkerrechtswidrige Kriegstreiberei verheerend ist und keine Unterstützung verdient. Da wäre es hilfreich gewesen, wenn er den Satz im Kopf gehabt hätte, mit dem sich einst sein Vor- Vor-Vorgänger Gerhard Schröder 2003 gegen viele Widerstände – im Inneren wie im Äußeren – gegen eine Beteiligung am Irak-Krieg von US-Präsident George W. Bush zu Wehr setzte: „Wir sind zur Solidarität bereit. Aber dieses Land wird unter meiner Führung für Abenteuer nicht zur Verfügung stehen.“
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Kante zeigen. Nicht den Hofnarren in Trumps goldenem Käfig spielen – das scheint immer mehr europäischen Regierungschefs jetzt als Umgang mit dem Egomanen als einzige Reaktion denkbar. Nicht länger Kuschen! Der Tanz um das goldene Kalb scheint ausgetanzt. Der letzte, der das noch nicht wahrhaben will, ist Nato-Generalsekretär Mark Rutte. Der schleicht zum Ärger vieler Nato-Partner immer noch bis zur Selbstverleugnung des Bündnisses um den Despoten herum wie ein zu groß gewordener Schuljunge, der die Rute des Meisters fürchtet. Vielleicht sollte er einmal in der Biographie des römischen Konsuls Caligula lesen. Dann würde er einen Satz des Römer-Herrschers, auch „Scheusal“ genannt, aus dem ersten nachchristlichen Jahrhunderts finden, der dem Wahnsinn und der Allmachtvorstellung Trumps vergleichbar ist: „Sollen sie mich doch hassen, solange sie mich fürchten.“
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Einer hat in diesen Tagen bewiesen, dass er Trump nicht fürchtet. Und hassen wird er ihn auch nicht, weil diese Eigenschaft einem Papst als Stellvertreter Gottes fremd ist. Aber der amerikanische Papst Leo XIV. bietet seinem Landsmann die Stirn. So eindrucksvoll und würdevoll, dass er Bewunderung verdient. Ohne Trumps Namen zu nennen, forderte er ihn vor seinem Ostersegen auf: „Wer Waffen in der Hand hält, lege sie nieder! Wer die Macht hat, Kriege zu beginnen, entscheide sich für den Frieden!“ Und er legte vor seiner Sommerresidenz Castel Gandolfo noch einmal nach, als Trump gedroht hatte, die iranische Kultur auszulöschen. „Wie wir alle wissen, hat es heute auch diese Drohung gegen das iranische Volk gegeben, und das ist wirklich nicht akzeptabel.“ Man müsse den Krieg ablehnen, der ungerecht sei, „und der nichts löst“.
Starke Worte. Besonders beeindruckend, wenn man nach einem Bericht der Süddeutschen Zeitung weiß, dass die US-Regierung Anfang des Jahres den Vatikan-Botschafter einbestellte, um den Kirchenstaat gefügig zu machen. Damals hatte Papst Leo gewarnt, Krieg sei wieder in Mode und die internationale Ordnung der Nachkriegszeit sei „vollständig untergraben“.
Papst Leo geht auf maximale Distanz zu dem US-Präsidenten. Statt am 4. Juli den 250. Jahrestag der Unterzeichnung der Unabhängigkeitserklärung mit allem Trumpschen Prunk in Washington mitzufeiern, besucht er an diesem Tag die Flüchtlingsinsel Lampedusa.
Ein bewusstes Gegenprogramm zum Tanz um das goldene Kalb, zu dem der Größenwahnsinnige geladen hat, um vor allem sich selbst zu feiern. Wenigstens Papst Leo lässt sich bei dem Spektakel nicht zum Höfling machen.
Bildquelle: Zeichnung vom Niehler Wochenmarkt: Wolfgang Schieffer (Waldmaler.de)












