Der Roman ist in deutscher Übersetzung erstmals 2009 im List-Verlag erschienen; ich hatte ihn in so guter Erinnerung, dass ich ihn jetzt wiedergelesen habe.
Er führt uns nach Neapel in der Zeit kurz nach dem Zweiten Weltkrieg, und die Spuren des italienischen Faschismus sind deutlich wahrzunehmen. Der Ich-Erzähler erinnert sich an sein junges Leben als Waisenkind, das in einem Arbeiterviertel lebt und seine Einsamkeit mit Fußballspielen unter Kumpels bewältigt. Von klein auf ist er ein Fußballnarr und Ballkünstler, der einen verschossenen Ball auch schon mal von einem Balkon rettet, indem er am Abflußrohr hochklettert; seiner Geschicklichkeit wegen hat er den Spitznamen „das Äffchen“ (‚a scigna‘). Daher und in seiner Funktion als Torwart genießt er als Jüngster die Anerkennung der Mitspieler.
Eine wesentliche Stütze in seinem jungen Leben stellt der Hausmeister Don Gaetano dar, der sich wie ein Vater um den Jungen kümmert, von Kindheit an bis zum Erwachsenwerden; sie leben zusammen wie in einer Mini-Wohngemeinschaft, kochen und essen gemeinsam u.a.m.. Der Alte war auch ein Waisenkind, von daher hat er ein tiefes Verständnis für diese damals typische Lebenslage der Armen und ihrer Kinder. Unter seiner Obhut lernt der Junge, ohnehin wißbegierig und mit Neugierde ausgestattet, viel von dessen Lebenserfahrung; großen Wert legt dieser auf das Erzählen von Geschichten, wobei der Dialekt, im Unterschied zur Hochsprache, von unschätzbarem Wert ist:
„Als Don Gaetano Kind war, gab es im Waisenhaus niemanden, der Geschichten erzählte, also dachte er sich welche aus. Am kleinen Ofen des Schlafsaals erfand er das Leben von Tieren, Königen und Vagabunden. Die Kinder wärmten und sättigten sich durch die Ohren. Er erzählte im Dialekt.
‚Das Neapolitanische ist dafür gemacht, du sagst etwas, und man glaubt dir. Im Italienischen gibt es Zweifel: Habe ich richtig verstanden? Das Italienische ist gut dafür, das aufzuschreiben, wofür man keine Stimme braucht, aber um etwas zu erzählen, braucht man unsere Sprache, die die Geschichte ordentlich zusammenhält und anschaulich macht. Das Neapolitanische ist voller Bilder, es öffnet die Ohren und auch die Augen.‘ “
Auf diese Art lernt der Junge auch gewisse moralisch-ethische Grundsätze im Verhalten wie etwa diesen, dass man bei einem harmlosen Vergehen niemanden verraten soll, oder – angesichts der damals gängigen „Jagd auf Juden“ – einem sich Versteckenden helfen und ihn beschützen soll. Für die Erzählkunst de Luca’s spricht der Wechsel zwischen Alltagsszenen und politischer Reflexion, immer auf der Seite der Verfolgten und Unterdrückten, immer gegen rechtsradikale Gesinnung und Gewaltanwendung. So lernt der Junge wie nebenbei fundamentale Grundsätze im Handeln und Verhalten, Überlegen und Nachdenken, mehr noch als es die Schule vermitteln kann. So erfährt er eine doppelte Ausbildung: in der Schule und im Alltagsleben, die wie ein Kompass fürs Leben wirkt.
So ist vom Erzähler als Heranwachsenden gegen Ende des Romans dies zu lesen:
„Ich kehrte nach Hause zurück, in Gedanken noch bei den Unterrichtsstunden. In der kostenlosen staatlichen Schule lag eine bürgerliche Großzügigkeit, die einem wie mir das Lernen erlaubte. Ich war darin groß geworden und hatte mir nie überlegt, wie viel Mühe es die Gesellschaft kostet, dieser Aufgabe nachzukommen. Bildung verlieh uns Armen Bedeutung. Die Reichen würden sich ohnehin bilden. Die Schule gab denen Gewicht, die keines hatten, sie schaffte Gleichheit. Die Armut beseitigt sie nicht, aber innerhalb ihrer Mauern ermöglicht sie den Ausgleich. Die Verschiedenheit begann draußen.“
So etwas könnte man auch Chancengleichheit durch Bildung nennen; doch auch wenn diese mal programmatisch für die SPD in Deutschland der 1960er Jahre war, hat sich gezeigt, dass damit noch kein sozialer Ausgleich zu bewirken ist, so dass man eher von einer „Illusion der Chancengleichheit“ (s. Pierre Bourdieu) sprechen kann.
Doch was de Luca mit diesem Roman zum Ausdruck bringt, ist beides: die Härte der Klassengesellschaft und des politischen Kampfs gegen Armut und Unterdrückung einerseits und die Ausstrahlung eines Menschen mit soviel Lebenserfahrung, dass er als Erzieher und Sorgender einem Waisenkind auf die Beine hilft und für diesen ein unschätzbares Vorbild bedeutet. Nicht umsonst zitiert der List-Verlag auf dem Buchumschlag den renommierten Literaturkritiker Denis Scheck mit den Worten: „Eine ganz wunderbare, einzigartige Sprache … flirrend schön, überraschend und weise.“
Dem ist nichts hinzuzufügen.












