Das Pfingstwochenende wird ihnen gefallen. Die Strategen der „Nazi-Partei“, wie NRW-Ministerpräsident Hendrik Wüst die AFD charakterisiert, konnten in Ruhe zusehen, wie sie aus den verschiedensten Ecken in den Mittelpunkt bundesdeutscher Politik gerückt wurden. Der Alt-Grüne Joschka Fischer warnte die CDU im Tagesspiegel eindringlich davor, mit der in Teilen rechtsradikalen Weidel-Truppe zusammenzuarbeiten. Der ehemalige SPD-Ministerpräsident von Schleswig-Holstein, Torsten Albig, wiederum riet seiner Partei in der Neuen Osnarbrücker Zeitung, durch punktuelle Zusammenarbeit mit der AFD in Minderheitsregierungen die Wähler zurückzuholen, die zu den Rechten abwandern. Alt-Bundeskanzler Olaf Scholz warb per Video im Netz dafür, die Brandmauer auf keinen Fall aufzugeben. Und Uli Hoeneß, der Patron von Bayern München, sorgte in der Bild zu der Schlagzeile: „AFD soll ruhig mal mitregieren. Dann kann man sie nämlich packen“.
Viel kostenlose Werbung für eine Partei, deren Ziel es ist, die sogenannten Altparteien systematisch zu verdrängen und die Republik umzukrempeln. Ja, die Umfragewerte sind beängstigend. Besonders bei den Landtagswahlen in diesem Jahr. In Sachsen-Anhalt kommt die Partei gegenwärtig auf über 40 Prozent Zustimmung. In Mecklenburg-Pommern sieht es ähnlich aus. Und selbst in Berlin ist die Befürchtung groß, dass die AFD an allen anderen Parteien vorbei zieht.
Auch bundesweit liegt die Partei, die immer mehr von dem Faschisten Björn Höcke dominiert wird, je nach Umfrageinstitut bei 26 oder 29 Prozent an der Spitze des Spektrums. Immerhin: Mehr als 70 Prozent der Bundesbürger würden ihr nicht die Stimme geben.
Diese Mehrheit hatte Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier im Blick, als er am Samstag am 77. Geburtstag des Grundgesetzes zum „Ehrentag“ einlud. Er würdigte das Engagement von Millionen Ehrenamtlichen im Land. Unspektakulär setzte er so in Mittelpunkt und Aufmerksamkeit, was den „Kitt“ dieser Gesellschaft ausmacht: Eintreten füreinander, helfen, den Laden in Sportvereinen, Feuerwehren, Pflegeeinrichtungen am Laufen halten. Das ist ein millionenfaches Gegengewicht zu den Parolen der Rechten und Rechtsradikalen, die das Land spalten wollen. Das ist die wichtigste Brandmauer, die die Unterstützung all derer braucht, die Demokratie und Zusammenleben erhalten und stärken wollen.
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Sie hat SPD-Geschichte geschrieben. Inge Wettig-Danielmeier war die erste Frau, die als Schatzmeisterin für die Finanzen der SPD zuständig war. 1991 eroberte die Göttingerin, die seit den sechziger Jahren für Frauenrechte gekämpft hatte, dieses bis dahin als Männerdomäne geltende Amt.
Sie war Finanzchefin einer Partei, die damals noch aus dem Vollen schöpfen konnte. Als Hausherrin organisierte sie den Bau des Willy-Brandt-Hauses in Berlin, das zur stolzen Heimstatt der Sozialdemokratie wurde. Wenn’s um Geld ging: „Inge“ fragen. Sieben Parteivorsitzende, von Björn Engholm über Rudolf Scharping, Oksar Lafontaine, Gerhard Schröder, Franz Müntefering, Matthias Platzeck bis zu Kurt Beck waren auf ihre Finanz-Zusagen angewiesen. Von 1991 bis 2007 hatte Inge Wettig-Danielmeier die Hand auf der Kasse.
Über fast zwei Jahrzehnte war sie damit die einzige Konstante im flotten Führungswechsel der Partei. Geliebt wurde sie dafür nicht unbedingt von den SPD-Chefs. Aber die „Frau mit dem Bimbes“ konnte sich sicher sein, dass alle Respekt vor ihr haben mussten. Entsprechend selbstbewusst agierte sie.
Am Mittwoch, den 20. Mai, ist Inge Wettig-Danielmeier mit 89 Jahren nach langer Krankheit in Göttingen gestorben.
Bildquelle: Zeichnung vom Niehler Wochenmarkt: Wolfgang Schieffer (Waldmaler.de)












