Die Diskussion über den richtigen Umgang mit der AfD nimmt Fahrt auf. In der jüngsten Ausgabe der „Zeit“ (28.5.2026) werden auf 6 Seiten Interviews, Positionen und Kommentare veröffentlicht – ein dankenswertes Unternehmen. Deutlich wird einerseits eine Entschlossenheit, die Demokratie gegen die AfD zu verteidigen, andererseits aber sehr verschiedene Ansätze zur Bekämpfung. Von der Forderung nach einem Verbotsverfahren (F. Müntefering, M. Biller) über die „demokratische Mehrheitsgesellschaft muss sich sichtbar machen,… muss auch lustvoll miteinander streiten“ (St. Mau) und die Forderung nach einem Aufstand (St. Lamby) bis zur Forderung an die Regierung, die sozialen Fragen zu beantworten, „Wohnen, Arbeit, Sicherheit, Anerkennung, Zukunft“ (M. Brandt), findet sich eine breite Palette von Antworten. Kein Königsweg ist sichtbar. Der Redaktionsbeitrag der „Zeit“ empfiehlt: „Heiterkeit, Liebe, Lösungen – und die Brandmauer.“
„Warum erleben Menschen in den freiesten und reichsten Gesellschaften, die es jemals im Westen gab, diese als „Diktaturen“ und wollen sie deshalb samt ihrem Reichtum vernichten? Salopp gefragt: Sind die Leute verrückt geworden oder, mit Freud gesagt, ´neurotisch´?“ (so Jost Kaiser in der SZ vom 9.Mai 2026)
Ausgangspunkt der Diskussion sollte deswegen die Frage sein: Woher kommt es, dass bis zu 15 Millionen Menschen eine Partei wählen und wählen würden, die nichts in ihrem Interesse besser machen würde, sondern katastrophal schlechter?
Zur Erläuterung der Größenordnung: 2025 waren etwas über 60 Millionen wahlberechtigt. Laut aktuellen Umfragen kann sich etwa jeder 4. deutscher Wähler vorstellen, die AfD zu wählen. Das wären dann rund 15 Millionen. Viele von ihnen teilen sogar das rechtsextreme Weltbild dieser Partei.
Grundfalsch wäre schon deshalb die verniedlichende Annahme, dieses Potential als Protestwähler zu verorten. Das Beispiel Sachsen-Anhalt: Laut letzter Umfrage von Infratest Dimap vertrauen 82 Prozent der Befragten nicht mehr darauf, dass der Staat seine Aufgaben erfüllt. 41 Prozent würden die AfD wählen. Es gibt eine starke Unzufriedenheit mit der gegenwärtigen Politik, aber keine Protesthaltung im klassischen Sinne, die zur Wahlenthaltung oder zur Wahl einer demokratischen Oppositionspartei führen würde. Der Grund: Menschen, die die AfD wählen, sind auch ideologisch nahe bei der AfD, stehen „sehr weit rechts, haben eine starke Antimigrationsposition“ (Prof. Dr. Marcel Lewandowsky). Die AfD-Wähler sind am wenigsten wechselbereit, sind loyal gegenüber ihrer Partei, auch wenn Skandale die Partei prägen wie die Vetternwirtschaft, die besonders die AfD in Sachsen-Anhalt auszeichnet.
Wenn als Ausdruck von Enttäuschungen über die Regierungspraxis und ihre Parteien, nicht mehr eine Oppositionspartei, die eine bessere Politik verspricht, gewählt wird, sondern eine systemsprengende Kraft wie die AfD, zeigt das eine existenzielle Gefährdung unserer Demokratie. Auch deswegen ist die Haltung der CDU/CSU wie der gesamten Bundesregierung, die AfD „weg zu regieren“, schlicht realitätsblind.
Die Ursachen der „blauen Welle“ liegen tief – an der Auflösung alter gesellschaftlicher Muster, Ordnungen und Gewohnheiten, durch die Globalisierung einschließlich der Auflösung traditioneller ökonomischer Sicherheiten, also insgesamt an dem rapiden Wachsen von Unsicherheiten.
Diese langfristige Krisenwahrnehmung (Corona, Wirtschaft, Energie, Klima, Migrationsbewegungen, Kriege) wird als Dauerbelastung, als Vernichtung von Lebenschancen und Aufstiegsmöglichkeiten, von Freiheiten, wahrgenommen. Es wird nicht (mehr) darauf vertraut, dass die regierenden Parteien diese Krisen lösen und dauerhaft Abhilfe schaffen. Das Gefühl ist da, dass es – wie es dann heißt – „Menschen wie mir schlechter geht und die Politik daran schuld ist“.
Dadurch entsteht Missvergnügen, Misstrauen und Aggression. Hemmungen werden aufgegeben. Vorhandende Vorbehalte gegen Fremdes und Fremde werden aktiviert. Daran knüpft die AfD erfolgreich an, nimmt diese Ängste auf und formuliert diese Gefühle gegen die „Altparteien“, gegen die „Systemparteien“. Jedes Erlebnis mit nicht intakter Infrastruktur, mit kaputten Schulen, Straßen und Schienen, jede Nachricht von Wirtschaftskrisen und fehlenden Wohnungen wird dann zur Bestätigung der Antihaltung der AfD.
Die AfD hat für keine der benannten Probleme eine Lösung. Im Gegenteil: Wirtschaftlich führen ihre Positionen zu neuer Massenarbeitslosigkeit. Sozial würden Millionen neu ausgegrenzt werden. Deutschland würde sich international isolieren und von Russland abhängig werden. Die freie Meinungsäußerung wäre in Gefahr und es gebe keine unabhängige Justiz mehr. Die Jagd und Diskriminierung von Menschen anderer Herkunft, anderen Aussehens, anderer Orientierung würde die Gesellschaft zerreißen.
Die AfD bietet nur eines, eine alternative Erzählung, einen Gesellschaftsentwurf: Wir machen es wie früher, denn da war alles besser, sicherer, geordneter, übersichtlicher, heimischer. Dann es Schluss mit dem quälenden Aushandeln von Kompromissen, mit der Parteiendemokratie, dann wird „durchregiert“.
Es liegt auf der Hand, dass gegen diese AfD die bisher diskutierten Herangehensweisen nicht ausreichen. Kontraproduktiv ist jede Art von Anbiederung und Kopie an die AfD und ihre Politik. Notwendig ist der Kampf um jedes Gespräch mit potentiellen Wählern. Eine bessere, breitere Aufklärung, gerade in den sozialen Medien bleibt zentral. Und auch die konsequente Anwendung der rechtsstaatlichen Mittel einschließlich eines Verbotsverfahrens gegen die AfD ist geboten.
Die AfD spricht Gefühle an. Dem kann mit noch so guten und rationalen Argumenten nicht ausreichend begegnet werden. Gefühlen muss auch mit Gefühlen begegnet werden, so formuliert es Andreas Glas zu Recht: „Angst mit Geborgenheit, Misstrauen mit Verlässlichkeit, Ohnmacht mit dem Gefühl, dass es in einer Gesellschaft auf jeden Einzelnen ankommt“ (SZ vom 11.5.2026). Hier besteht gewaltiger Nachholbedarf von den demokratischen Parteien und besonders der Bundesregierung.
Hierbei geht es nicht um Kommunikationstechniken und taktischem Verhalten gegenüber der Wählerschaft, sondern um eine ernsthafte Alternativerzählung, einen demokratischen Reformvorstellung, wie es dem Land und jedem Einzelnen besser gehen würde und wie jede und jeder dazu beitragen könnte, dass dieser Staat gut funktioniert.
Das muss eine Erzählung sein, die Gemeinsinn stiftet und Sicherheit glaubhaft versichert. Sie wird vor allem Wirtschafts- und Sozialthemen einschließlich einer gerechteren Vermögensverteilung behandeln müssen. Nebenbei: In Sachsen-Anhalt sehen 90 Prozent der Menschen laut einer Umfrage von Infratest Dimap die Wohlstandsverteilung als ungerecht an.
Über diese Erzählung und Themen kann man zumindest mit Teilen der jetzt AfD-willigen Wählerschaft ins Gespräch kommen. Auf den Versuch kommt es an. Denn jede Stimme, die nicht auf die AfD einzahlt, ist wichtig. Und: Umfragen sind noch keine Wahlergebnisse. Und die sind bei den letzten Landtags- und Kommunalwahlen unter den Erwartungen der AfD geblieben.













