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Politische Liturgie

Christian Wolff Von Christian Wolff
2. Juni 2026
Fragezeichen am Ende eines etwas gespentischen Waldwegs, Symbolbild für Angst und Unsicherheit

„Lässt sich die AfD noch aufhalten?“ So titelt die aktuelle Ausgabe der Wochenzeitung DIE ZEIT (N° 4 vom 28. Mai 2026). Illustriert wird die Frage auf der Titelseite mit einer blauen Welle, die unaufhaltsam auf uns zuzurollen und alles, auch die Frage, unter sich zu begraben scheint. Im Feuilleton derselben Ausgabe wird dann die Fragestellung leicht variiert: „Wie lässt sich die AfD stoppen?“ Dazu liefern 14 Menschen aus Kultur, Literatur und Wissenschaft Antworten. Aber sind das wirklich die entscheidenden Fragen? Müssen wir nicht viel genauer auf die Bürger:innen achten, die einer rechtsnationalistischen, verfassungsfeindlichen Partei wie der AfD bei Wahlen ihre Stimme geben? Was veranlasst sie dazu, bei Bundestags- und Landtagswahlen für eine Partei zu votieren, deren Kandidat:innen bei fast allen Persönlichkeitswahlen im kommunalen Bereich teilweise haushoch unterlegen sind – auch in Ostdeutschland! und deren Bundestags- und Landtagsabgeordnete im öffentlichen Leben ihrer Wahlkreise kaum eine Rolle spielen? Was veranlasst Bürger:innen in Sachsen-Anhalt, sich auf das Abenteuer einer AfD geführten Landesregierung einzulassen, deren Regierungsprogramm sehr bewusst anknüpft an die Ideologie der Nationalsozialisten vor 100 Jahren? Warum meinen laut Meinungsumfragen zwischen 25 und 30 Prozent der Wähler:innen, ihre Interessen seien bei einer Partei gut aufgehoben, deren sozial- und wirtschaftspolitische Vorhaben sich sehr schnell als Luftnummern herausstellen, soziale Gräben vertiefen und die Vermögenden begünstigen – und das alles überwölbt von deutschtümelnder Fremdenfeindlichkeit, kultureller Homogenität und völkischer Rhetorik?

Ein wesentlicher Grund ist: Viele Menschen sehen sich in ihren Wünschen und Bedürfnissen nicht ausreichend beachtet – mit der Folge, dass sie ihr Gefühl von Minderwertigkeit und mangelnder Anerkennung und die damit verbundene Verbitterung und Aggressivität auf Bevölkerungsgruppen projizieren, die sie bevorzugt sehen. Dieses Gefühl ist besonders in Ostdeutschland verbreitet: sich fremd im eigenen Zuhause und zu wenig an der Entwicklung beteiligt vorkommen. Diese Gefühlslage wird bestärkt (nicht erzeugt) durch

  • eine mögliche schwierige soziale Lage,
  • eine ausgedünnte Infrastruktur im ländlichen Raum,
  • den Einsamkeitssog, der durch den Wegfall vieler sozialer Kontakte und verstärkt durch die sog. sozialen Netzwerke, erzeugt wird,
  • das zunehmende Unvermögen, durch ein inneres Krisenmanagement die persönlichen, beruflichen und gesellschaftlichen Herausforderungen, Probleme und Verwerfungen einordnen und bewältigen zu können.

Wer die AfD politisch kleinhalten will, muss sich also mit dieser Gefühlslage auseinandersetzen und darauf reagieren. Das ist alles andere als einfach. Denn die beschriebene geistig-moralische Großwetterlage ist genauso real wie die Bereitschaft von zu vielen Bürger:innen, für ein (vergiftetes) AfD-Linsengericht die Errungenschaften der freiheitlichen, rechtsstaatlichen Demokratie aufs Spiel zu setzen. Diese haben uns in Deutschland und Europa seit über 80 Jahren Verhältnisse beschert, unter Friedensbedingungen und unter Wahrung eines sozialen Ausgleichs das Zusammenleben einigermaßen gerecht zu gestalten und zu erneuern – mit dem Höhepunkt der Friedlichen Revolution. Darum ist es höchste Zeit, dass die demokratischen Parteien sowie die zivilgesellschaftlichen Institutionen ihre Ziele als erstrebenswerte, sinnvolle, den Menschen zugewandte Vorhaben kommunizieren. Auf Dauer reicht es nicht, Politik unter der Überschrift zu betreiben: Die AfD will etwas ganz Schlimmes; wir verhindern das! Es wird auch nicht reichen, dauernd Katastrophenszenarien zu beschreiben – und dann darauf zu vertrauen, dass die Bürger:innen die Parteien wählen, die sie für die Katastrophen verantwortlich machen. Demokratische Parteien und zivilgesellschaftliche Institutionen müssen zuerst und vor allem ihr Wirken als Gewinn für das Leben derer vermitteln können, die davon abgehalten werden sollen, AfD zu wählen. Solange aber jeden Tag Deutschland im politischen Diskurs und medial als ein Land dargestellt wird, das sich im unaufhaltsamen Niedergang befindet und dessen politische Akteure unfähig sind, diesen aufzuhalten, wird nur eine Gemütslage bedient, die Menschen verdrießlich stimmt und veranlasst, AfD zu wählen. Dann ist eigentlich nichts mehr aufzuhalten – schon gar nicht eine Partei, die allein aus panisch-wütender Wirklichkeitsverzerrung  und Menschenverfeindung ihren Nektar zieht.

Was wir jetzt brauchen: eine neue politische Liturgie – wörtlich: ein neues Verständnis von politischer Dienstleistung. Dabei lohnt es, sich an der Liturgie eines sonntäglichen Gottesdienstes zu orientieren. Die besteht aus: kritischer Bestandsaufnahme (Kyrie und Sündenbekenntnis), Erinnerung an und Vergewisserung durch die eigene Programmatik (Bibeltexte und Glaubensbekenntnis), Übertragung auf den Alltag mit Zuspruch und Anspruch (Predigt), Einbettung in das persönliche, gesellschaftliche und Weltgeschehen (Fürbitte), Stärkung und Zusammenhalt (Abendmahl), den Menschen zugewandt bleiben und sich mit positiven, auf Frieden ausgerichteten Aussichten den Problemen stellen (Segen).

Wenn wir das auf Politik übertragen, dann wird sehr schnell deutlich:

  • Politik in der Demokratie ist etwas anderes als Amazon: Ich bestelle und ihr habt zu liefern. Politik in der Demokratie kann nur funktionieren, wenn jede Bürgerin, jeder Bürger ihre, seine Verantwortung wahrnimmt, also mitmacht, einen eigenen Beitrag leistet und sich dabei als Gesegnete:r, Berufene:r, Verantwortliche:r versteht – für sich selbst und für den:die Nächste:n.
  • Demokratie ist angewiesen auf das Bewusstsein: Nichts ist selbstverständlich, nichts ist vollkommen. Alles hängt davon ab, was ich selbst einzubringen bereit bin. Es hängt aber auch davon ab, dass ich mir meiner eigenen Unzulänglichkeit bewusst bin.
  • „Wir sind nur Gast auf Erden …“ (Psalm 1119,19 und Paul Gerhardt) Ja, das gilt für alle Menschen, für die Einheimischen und für die Fremden (von denen wir immer schnell erwarten, dass sie sich als Gäste verhalten sollen). Darum: Den anderen, der mich stört, auszuschließen und zu verdrängen, ist keine Option in der Demokratie. Sich als Gast zu verstehen, lässt jede:n zunächst das mit Achtung, Respekt, Dankbarkeit an- und wahrnehmen, was ist.

Wenn wir, die demokratischen Parteien und zivilgesellschaftlichen Institutionen, in einer solchen Tonlage die politische Liturgie neu zum Klingen bringen, neu intonieren, werden wir eher Menschen gewinnen können, sich aktiv in die Gestaltung der Demokratie einzubringen. Vor allem aber besteht die Chance, dass die von Grund auf a-musische, a-kulturelle, a-demokratische AfD ins politische Abseits geraten wird.

Dieser Beitrag wurde am 2.6.2026 auf dem Blog unseres Autor Christian Wolff erstveröffentlicht 

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