„Hat das niemand kommen sehen?“ fragte, royal aufsässig, Queen Elizabeth im November 2008 die Wirtschaftsgelehrten der London School of Economics. Sie meinte den Zusammenbruch des Finanzsystems, dessen Trümmer gerade weltweit zu besichtigen waren, eine globale Wirtschaftskrise sollte noch auf dem Fuße folgen. Die ehrliche Antwort lautete: Doch, ein paar Leute schon, Insider der Finanzgeschäfte hier, Außenseiter der ökonomischen Gelehrsamkeit dort, aber politische Aufmerksamkeit fanden sie nicht.
Den kundigen Insidern, den skeptischen Außenseitern der Jahre 2025-2026 geht es nicht anders, obwohl ihre Zahl diesmal größer ist. Auch vor ihren Augen versammeln sich die Elemente einer veritablen Finanzkrise, ohne dass politisch die Alarmlichter blinkten. Der Grund ist der gleiche wie 2007-2008 oder auch 1999-2000 vor dem Platzen der Dotcom-Blase: Nie wird an den Börsen, den Kathedralen des Kapitals klotziger verdient als im Boom. Wo also ist das Problem?
Wer im Sommer 2025 aufmerksam die Financial Times (FT) las und angesichts unverhohlener Warnungen vor einer Blasenbildung seine High Tech-Investitionen zurückfuhr, hat im Sommer 2026 keinen Grund zur Freude. Denn wer damals dem Riecher der „Magnificent 7, U.S.A.“ misstraute, dem sind zwei- bis dreistellige Zuwachsraten entgangen, also kein Kleingeld. Verpasste Gelegenheiten machen missmutig, und darum haben in weiser Vorausschau des üblichen Herdenverhaltens gerade professionelle Anleger weiter „den Tiger geritten“, viele bis heute.
Zu der trügerischen Sicherheit, in der sich Investoren wähnen, trägt ein Umstand vor allem bei: Im aktuellen IT-Boom riskieren nicht ökonomische Analphabeten oder eine bekannt dumme Industrie ihr Geld, sondern die reichsten Männer, die profitabelsten Unternehmen, die solidesten Banken der Welt, allesamt in den USA beheimatet. Was soll da schiefgehen?
Der Krisenaufbau vor aller Augen ist in der Tat einzigartig. Von der Corona-Epidemie erholt und von den Folgen des Kriegs in der Ukraine begünstigt, hat sich unter Superreichen in den USA eine Unsumme Geldes angesammelt, das zusätzlich Kapital werden will. Bei extremer Unwucht in der Vermögensverteilung, einem Oligarchen als Präsidenten und stockendem Zufluss von billigen Arbeitskräften ist das normalerweise ein No-Go. Nicht umsonst haben nahezu alle Wirtschaftsweisen der Trump-Präsidentschaft ein ökonomisches Fiasko vorausgesagt. Es kam anders.
Aber wie und wieso?
GOLDRAUSCH 3.0.
Kein Ruf ist so mächtig wie der des Goldes. Und kein Aufbruchssignal kommt in der Welt des zeitgenössischen Kapitals dem kollektiven Marschbefehl der Magnificent 7, U.S.A. gleich: Wenn Alphabet, Amazon, Apple, Meta, Microsoft, Nvidia und SpaceX zu neuen Claims aufbrechen, scheint es kein Halten mehr zu geben.
Dabei glänzt der Klondike-Goldrausch unserer Tage kaum und macht als Name frösteln: „künstliche Intelligenz“. Auch eigentlich nichts Neues, denn seit den 60er Jahren des 20. Jahrhunderts ist die maschinelle Intelligenz immer wieder für eine Aufregung gut gewesen: als „Automation“ zuerst, später als „CAD/CAM-Modernisierung“, dann schlicht als „Software!“ oder „Digitalisierung!“ und zwischendrin immer auch mal als „KI“. Neu sind die stupende Sprachfertigkeit und analytische Bandbreite der aktuellen Programme, das Tam-Tam der Siebener Bande und das All-In der nachgelagerten Investoren, die dem Goldruf folgen. Diese fühlen sich beflügelt, denn bis neulich wussten sie so wenig wie die sieben Kommandoführer, wohin mit der vielen Kohle, die sie mit den Steuerbehörden und damit der Allgemeinheit nun wirklich nicht teilen wollen.
Durch ihre sektoralen Monopolprofite werden die Großen Sieben seit Jahren so vollgepumpt und so flüssiggehalten, dass sie selbst dann den Untergang nicht fürchten müssen, wenn sie ein paar hundert Milliarden US-Dollar für KI versaubeuteln. Dieses Risiko ist ihnen wurscht. Sie fürchten nicht unterzugehen, sie scheuen bloß, von den Compagnons abgehängt zu werden. Überzeugt, dass am Ende zwei oder drei durchkommen, wollen sie zu den Siegern gehören. Die Beobachter, die grundvernünftig fragen, wo bei den riesenhaften Aufwendungen der adäquate Return herkommen soll, verstellen den Blick auf dieses Great Game der Magnificent Seven, U.S.A.
Tatsächlich hat die Bereitstellung künstlicher Intelligenz auf der Basis großer Sprachmodelle ein neues Niveau erreicht. Härtung und Verfeinerung werden zahlreiche Arbeitsprozesse in Forschung, Industrie und Dienstleistung erleichtern, neue Prozesse ermöglichen und den gegenwärtigen Innovationszyklus beschleunigen. Die Sache hat noch Macken, aber beachtliches Potential. Ein gradliniges Hauruck-Programm zur Steigerung der Profitabilität oder gar des gesellschaftlichen Fortschritts ist sie aber nicht und wird daraus auch nicht werden.
Die 1000 neuen Rechenzentren auf der Basis von Quantentechnologie mit angeschlossenen kleinen Atomkraftwerken zur Stromversorgung sind Spinnerei. Und der in Aussicht gestellte ultimative Fortschritt zur sog. Künstlichen Allgemeinen Intelligenz, der den aktuellen Billionen-Aufwand letzten Endes rechtfertigen soll, wird zu Elon Musks Lebzeiten so wenig kommen wie die Besiedlung des Mars. Vermutlich wird er nie kommen. Autonome Maschinen müssten dazu eigene Lebenserfahrungen machen und Bewusstsein entwickeln, also lebendig werden. Na, viel Erfolg bei der Herstellung…
Auf Grund solcher und einiger anderer Erwägungen stellt sich die Frage nach dem Return sehr wohl für alle diejenigen, die den scheinbar „unkaputtbaren“ Großen Sieben als Investoren, Aktionäre, Kreditgeber, Zulieferer, Subunternehmer etc. folgen und ihrerseits beachtlich ins Obligo gehen. Man hört und liest, dass dies oft auf Pump geschieht. Darin liegt der Keim der Panik, ohne die es keinen Crash gibt.













