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Wo bleibt der Aufschrei der Demokraten? Die Vorgänge in Bayreuth um Michel Friedmann sind zum Fremdschämen

Alfons Pieper Von Alfons Pieper
18. Juni 2026
Festspielhaus Bayreuth

Am Ende des wirklich hervorragenden Interviews der „Süddeutschen Zeitung“ mit Michel Friedmann stellt der Interviewte die Frage an die Autoren der SZ. „Sie, was machen Sie, wenn die AfD zur nächsten Bundesregierung gehört? Bleiben Sie im Land mit Ihren Kindern?“ Ich muss gestehen, dass mich die Frage geschockt hat. Auswandern wegen einer Partei, die Friedmann, der frühere Vize-Vorsitzende des Zentralrats der Juden in Deutschland und Ex-Vorstandsmitglied der CDU, “ Antidemokraten“ nennt, die die Verfassung und diese Republik zerstören wollen, die der NRW-Ministerpräsident Hendrik Wüst(CDU) als „Nazi-Partei“ bezeichnet? Die NRW-Innenminister Herbert Reul  „bekämpfen will, sonst gar nichts“. Diese Partei wolle die „Demokratie zerstören und steht klar gegen die gesellschaftliche Freiheit und ein liberales Deutschland.“ Warum dann keinen Verbotsantrag, wie ihn die SPD fordert, Friedmann, die Grünen, die Linke? Aus Angst vor einer Niederlage in Karlsruhe?

Wer hätte sich das vor zehn Jahren vorgestellt? Auch dies stellte Friedmann in den Raum. Ich habe darüber nie ernsthaft nachgedacht, muss aber einräumen, dass die Entwicklung in Deutschland, der Aufstieg der AfD zur stärksten Partei zumindest in Umfragen einen nachdenklich macht. Der Schoß ist fruchtbar noch, aus dem das kroch, fragte einst Bert Brecht in seinem Stück „Arturo Ui“ und warnte vor faschistischen Nachfolgern. Ist aus dem Nie-Wieder ein Schon-Wieder geworden? Was ist aus den bundesweiten Protesten gegen die AfD geworden? Warum ist die SPD so still? Der Kampf gegen die „Nazi-Partei“(Wüst ) ist doch Teil ihrer DNA. Die SPD hat 1933 als einzige ´Partei gegen das Ermächtigungsgesetz gestimmt, das Hitler alle Macht zusprach und das Ende der Weimarer Republik bedeutete. Warum ist Merz so zurückhaltend, fast möchte ich sagen feige?

„Der Boden in Bayreuth ist kontaminiert“, betont Michel Friedmann in der SZ und weist auf die Nazi-Geschichte hin, die Nähe Hitlers zu den Wagners. Friedmann sollte auf Einladung von Katharina Wagner zum Beginn der Bayreuther Festspiele über Wagner, dessen Antisemitismus, Judenhass, die Aufarbeitung dieses Themas sprechen, nun wurde der Termin  abgesagt. „Wegen Sicherheitsbedenken“, hieß es offiziell. Und Friedmann stellt den Absage-Grund selbst in Frage: „Wer soll diese Begründung glauben?“ Wovor hat man Angst in Bayreuth, wo man sich doch auskennt mit der Prominenz, die Jahr für Jahr auf den Grünen Hügel pilgert, die frühere Kanzlerin Angela Merkel war(ist) mit ihrem Mann quasi Stammgast im Festspielhaus wie auch der bayerische Ministerpräsident Markus Söder mit Ehefrau, sowie  EU-Kommissions-Präsidentin Ursula von der Leyen. Sie alle sind sicherheitspolitisch gewiss eine Nummer größer als Friedmann. An den Finanzen kann es nicht liegen. Die Festspiele in Bayreuth sind doch von der öffentlichen Hand gefördert, einerseits durch den Freistaat Bayern und andererseits über den Etat des Beauftragten der Bundesregierung für Kultur und Medien, Wolfram Weimer, der den Kampf gegen den Antisemitismus zu seinen Hauptanliegen zählt

Handelsvertreter der Demokratie

Am 26. Juli jährt es sich zum 150. Mal, dass Richard Wagners Musik in jenem Festspielhaus aufgeführt wurde, das der Komponist zu seinen Lebzeiten hatte bauen lassen. 1876. In diesem Jahr sollte unter Leitung des Maestro Christian Thielemann ein Gedenkkonzert den Auftakt bilden, Michel Friedmann sollte die Rede halten. Der Mann, der sich selber als „Handelsvertreter der Demokratie“ versteht und als solcher durch die Republik reist, um für diese Demokratie zu werben, das Grundgesetz, das ich als einmalig einstufe, dieser Mann  hätte was zu sagen gehabt. Denn Bayreuth, Wagner, Hitler, das alles hätte gerade einer wie Friedmann thematisieren können. Wagner war sicher ein Musik-Genie, wie auch Friedmann einräumt, aber er war auch ein Antisemit, Juden waren während der Nazi-Zeit vom Grünen Hügel teils ausgegrenzt, andere wurden von den Nazis ermordet.  Das Gedenkkonzert sollte den Titel haben: „Verstummte Stimmen“. Der Erlös der Veranstaltung sollte israelischen Musikerinnen und Musikern ein Stipendium finanzieren.

Friedmann hätte, wie er in der SZ beschreibt, in dieser Rede über die Erben Hitlers gesprochen, darüber, dass sich der braune Diktator in Bayreuth wohlfühlte, dass er in der Familie Wagner „Wolf“ genannt wurde, dass der Führer und Menschenschlächter Hitler hier in Franken Erbauung suchte und fand, dass die Erben Wagners „gewalttätigen Judenhass an diesem Ort transportierten, organisierten und salonfähig“ machten. Dass das Komponiergenie selbst „in seinem Innersten ein Judenhasser war, der gewalttätige Fantasien zur Lösung des Problems entwickelt hat.“ Friedmann hätte sich dieser ganzen und schweren Problematik gestellt, zu der auch die Schwiegertochter Winifried Wagner und Festspielleiterin während der NS-Jahre zählt. Sie bekannte noch 1975, 30 Jahre nach der Befreiung Deutschlands vom Joch der Nazis durch die Alliierten: „Wenn Hitler heute hier zur Tür reinkäme, ich wäre genauso fröhlich und so glücklich, ihn hier zu sehen und zu haben, als wie immer.“ Was hätte wohl ein Holocaust-Überlebender, der der Hölle von Auschwitz entkam, dazu gesagt?

Der Boden in Bayreuth ist kontaminiert, hat Friedmann gesagt. „Wagner streute das Gift, in den 30er Jahren brachte man es noch tiefer in den Boden ein und mit der Gründung der Bundesrepublik Deutschland ist hier nichts aufgeräumt worden. Ich habe mir lange überlegt: Kannst du da die richtigen Worte finden“. Friedmann hätte darin eine Herausforderung gesehen, über Wagners Musik zu reden und zugleich darüber im Kopf zu haben, dass Wagner „mit seinen Schriften geistige Brandstiftung betrieben und das Verhältnis zum Judentum vergiftet hat.“ Und er muss heute die Ernsthaftigkeit der ursprünglichen Einladung, sich nämlich mit dem Antisemitismus Wagners auseinanderzusetzen, in Frage stellen. Sie sei durch die Absage „ad absurdum geführt.“ Zumal die Organisatoren zwar einen Ersatztermin angeblich ins Auge fassen, eine Veranstaltung im August „mit wem auch immer.“ Friedmann kritisiert das, er sei nicht „wer auch immer“, wer ihn einlade, „bekommt, was er bestellt“.

Auf vergiftetem Boden

Warum also die Absage? Hat man befürchtet, dass der streitbare Friedmann so geredet hätte, wie er das im SZ-Interview getan hat? Dass Wagner kein Vorbild sein kann, dass man keine Straßen nach ihm benennen kann. Dass Friedmann die in Bayreuth anwesende Creme de la Creme der deutschen Politik und Gesellschaft gefragt hätte: „Sie wissen, dass Sie auf einem vergifteten Boden die Opern eines menschenverachtenden Komponisten anhören. Dass Sie diese Opern genießen, was nicht schwer ist, denn dass Wagner ein musikalisches Genie war, wer würde das am Ende ernsthaft bezweifeln? Aber: Sie nehmen auch an einem exhibistionistischen Defilee teil, um genau hier abgelichtet  und gesehen zu werden. Warum?“

Friedmann beklagt die mangelnde Erinnerungskultur, die eine Nebelkerze sei, die uns entlasten solle, was aber nicht gehe, weil die Nazi-Generation kaum etwas erzählt habe, die Kinder kaum etwas gehört hätten und den Enkeln auch nicht erzählt werde. Die Erinnerungskultur sei ein „schwarzes Loch.“ Es gebe Empathie mit gestrandeten Walen, nicht aber mit Menschen, die gerade im Mittelmeer sterben, was damit zu tun habe, „dass das Kellergewölbe der Familiengeschichten nie gebaut wurde. Man hat das Gefühl: Dieses deutsche Haus steht auf schwankendem Boden“.

Die Bundesrepublik habe demokratische Strukturen aufgebaut und damit die Voraussetzung geschaffen, „warum ich hier als Jude leben kann. Ich frage mich aber, wie tief diese im kollektiven Bewusstsein verankert sind. Wer ist denn derzeit bereit, dafür zu kämpfen?“ Michel Friedmann bekennt im SZ-Interview, dass er alles tue, „damit die AfD- die die Republik und die Demokratie zerstören will- nicht an die Macht kommt.“ Die Antidemokraten der AfD „vernichten die  Verfassung und diese Republik“. Das letzte Wort dazu werde 2029 gesprochen, dem Jahr der nächsten Bundestagswahl. „Bis dahin sage ich: Freut Euch nicht darauf, dass ich mit meinem Vertreterköfferchen unterwegs bin und für eines der menschlichsten Bücher werbe, die geschrieben worden sind- das deutsche Grundgesetz.“

Für AfD-Verbotsverfahren 

Niemand könne sagen, er habe es nicht gewusst, was die AfD vorhabe. Die Partei sei „ehrlich. Sie schreibt bereits jetzt alles auf, was sie zu tun gedenkt, sie schreit es durch alle Kanäle, sie bedroht die Leute, die ihr nicht passen, ins Gesicht. Alles liegt offen vor uns.“

An anderer Stelle hatte Michel Friedmann nachdrücklich ein Verbotsverfahren gegen die AfD befürwortet, weil die Partei wie oben geschildert demokratische Grundwerte zerstören wolle. Man dürfe nicht abwarten, bis die AfD diese Pläne in die Tat umsetze. Die SPD hat einen entsprechenden Parteitagsbeschluss gefasst, der immer noch gilt. Die Grünen sind wie die Linke für ein solches Verbotsverfahren, nur die CDU und die CSU halten sich bedeckt. CDU-Chef und Bundeskanzler Merz betonte mehrfach, ein Parteiverbot erinnere zu sehr an die Beseitigung politischer Konkurrenten und dränge die AfD in eine Märtyrerrolle. Eine inhaltliche oder personelle Zusammenarbeit oder die Unterstützung von AfD-Kandidaten schließt der Kanzler für die Union aus. Die Brandmauer stehe. Aber was passiert, wenn die AfD bei den Landtagswahlen in Sachsen-Anhalt stärkste Partei wird? In Umfragen liegt sie mit über 40 Prozent der Stimmen weit vor der CDU, die in Magdeburg mit Sven Schulze den Ministerpräsidenten stellt.

Wo bleibt der Aufschrei der Demokraten? Aufstehen gegen Rechts, für die Demokratie, im Sinne von Michel Friedmann, der für viele spricht. Und dessen Ausladung in Bayreuth einen beschämen muss. Der Boden dort ist kontaminiert, ich würde ihn meiden.

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