Heute einmal ein kleiner, wehmütiger Blick Jahrzehnte zurück. Ein Blick, der zeigt, wie sich die politische Landschaft der Republik verändert hat und wie groß die SPD einmal war. Und trotzdem zu klein um zu regieren.
Es war genau vor vierzig Jahren, als Ende Juli 1986 in der Zeit ein Gespräch mit Willy Brandt unter dem Titel „Mit fröhlicher Entschlossenheit“ erschien. Gunter Hofmann, eine intellektuelle journalistische Größe der Bonner Republik, hatte den SPD-Vorsitzenden während dessen Urlaub in Südfrankreich getroffen, um ihn nach den Chancen der SPD bei der anstehenden Bundestagswahl Anfang 1987 zu befragen.
Der Kandidat war NRW-Ministerpräsident Johannes Rau. Ein Star und Hoffnungsträger der Partei, nachdem er für die SPD 1980 und 1985 die absolute Mehrheit im größten Bundesland geholt hatte. Alle (fast alle, nur Altkanzler Helmut Schmidt riet ihm in einem Brief belehrend ab: zu wenig Erfahrung in der Außen- und Sicherheitspolitik, vor allem aber in weltökonomischen Fragen) drängten ihn zur Kanzlerkandidatur in der Hoffnung, der „Menschenfischer“ könne dieses Bravourstück für die Sozialdemokratie auch in der ganzen Republik erreichen.
Rau selbst war überzeugt: Nur mit einer absoluten Mehrheit sei das Kanzleramt für ihn zu erreichen. Das Bündnis zwischen Helmut Kohl (CDU) und Hans-Dietrich Genscher (FDP) ließ sich nicht knacken. Und die Grünen als möglicher Koalitionspartner im Bund waren für ihn wie für die meisten Sozialdemokraten damals des Teufels. Nur Gerhard Schröder hatte damit geliebäugelt und sich damit die Sympathie Raus auf Jahre, wenn nicht auf Dauer verspielt.
Vor diesem Hintergrund reflektierte der Urlauber Brandt „in einem Bauernhaus zwischen Nadelwäldern, Pinien und mannshohem Farn, von Weinlaub und Gewürzduft umgeben (Zeit)“ über Gott und die Welt, natürlich auch über die Chancen der SPD. Er lobte den Kandidaten über Gebühr, kam dann aber auf die aktuellen Umfragewerte zu sprechen und wurde von seinem Gesprächspartner Hofmann so verstanden, die aktuellen Zahlen des Sommers von 43 Prozent „wären bei der Ausgangslage (1983: 38.3 Prozent) ein schöner Erfolg“. Aber eben nicht die absolute Mehrheit. Ohne die Grünen zu nennen, empfahl er, einfach mal abzuwarten, welche „Seite am Ende die Nase vorn hat“.
Die Aufregung über diese südfranzösische Depesche war groß. Rau und seine Leute fühlten sich hintergangen. Bündnisse zerbrachen. Parteisprecher Wolfgang Clement kehrte Brandt den Rücken. Misstrauen beherrschte den aufkommenden Wahlkampf.
Das Ergebnis: 43 Prozent wären „ein schöner Erfolg“ gewesen. Doch als am Wahlabend am 25. Januar 1987 ausgezählt wurde, erreichte die SPD nur 37 Prozent. Die CDU war mit 44.3 Prozent davongezogen und konnte mit der FDP (9.1 Prozent) sicher weiter regieren. Eine Mehrheit „links von der Mitte“, wie Brandt einmal gehofft hatte, war bei gerade einmal acht Prozent für die Grünen nicht in Sicht.
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Und dennoch: Solche Zahlen der beiden Volksparteien wirken heute wie ein ferner Traum, wie „ein Märchen aus uralten Zeiten“. Die einen kämpfen darum, nicht unter die 20-Prozent-Marke zu fallen (CDU/CSU). Für die SPD scheint die Zweistelligkeit schon eine Bewährungsprobe.
Um die 40 Jahre alte Geschichte zu Ende zu erzählen: Johannes Rau wurde nicht Kanzler. Auch die Autorität des SPD-Vorsitzenden hatte gelitten. Als er Anfang 1987 die Griechin und Nicht-Sozialdemokratin Marita Mathiopoulos zur Parteisprecherin berief, kam es zum Aufstand – maßgeblich organisiert von jenen, die Brandt die Botschaft von den 43 Prozent als „schönen Erfolg“ übelgenommen hatten. Genervt von der Kritik, aber auch entsetzt, dass in der Ablehnung seiner vorgesehenen griechischen Sprecherin ausländerfeindliche Töne mitschwangen, trat er im Mai 1987 nach 23 Jahren im Amt als Parteivorsitzender zurück. Das politische Ende einer Ikone, deren Ansehen heute in der Partei nahezu Verehrungsstatus hat.
Bildquelle: Zeichnung vom Niehler Wochenmarkt: Wolfgang Schieffer (Waldmaler.de)












