Es geschah ohne Vorwarnung. Am Freitag, dem 12. Juni 2026, um 17:21 Uhr Ostküstenzeit erreichte das Unternehmen Anthropic ein Brief der US-Regierung. Unterzeichnet von Handelsminister Howard Lutnick, gestützt auf Exportkontrollrecht und nationale Sicherheit, verlangte er, dass kein Ausländer mehr Zugang zu den beiden neuesten Modellen haben dürfe – weder außerhalb noch innerhalb der USA, nicht einmal die ausländischen Mitarbeiter von Anthropic selbst (NBC News). Da sich Nutzer nicht in Echtzeit sauber nach Staatsangehörigkeit trennen ließen, blieb dem Unternehmen nur ein Schalter: Es nahm beide Modelle für alle Kunden vom Netz (Anthropic).
So etwas hat es noch nie gegeben. Zum ersten Mal hat eine Regierung ein öffentlich verfügbares KI-Modell per Anordnung abgeschaltet (NBC News). Kein Chip, keine Fabrikanlage, keine Rakete – ein Stück Software, das Hunderte Millionen Menschen nutzten, war binnen Minuten verschwunden. Die mächtigste Technologie dieses Jahrzehnts hat keinen Aus-Schalter, den jemand legitim und verlässlich bedienen könnte. Sie hat viele Schalter, in wenigen Händen, und niemand hat sich darauf geeinigt, wann welcher gedrückt werden darf.
Was da abgeschaltet wurde
Die beiden Modelle heißen Claude Mythos 5 und Claude Fable 5. Sie teilen denselben Kern, doch sie sind ungleiche Zwillinge. Mythos ist die stärkere, schwächer gezügelte Variante, die nur einem kleinen Kreis geprüfter Partner offensteht; sie kann eigenständig Sicherheitslücken in komplexer Software finden und zu Angriffsketten verbinden – eine Fähigkeit, die Fachleute als hochgefährlich einstufen. Fable ist der öffentliche, abgesicherte Zwilling: Bei heiklen Themen wie Cybersicherheit oder Biologie soll er die Antwort verweigern und die Anfrage an ein schwächeres Modell weiterreichen (Anthropic). Erst am 9. Juni war Fable 5 erschienen, von Anthropic als das fähigste je öffentlich verfügbare Modell des Hauses angekündigt (CNBC). Drei Tage später war es weg.
Was war geschehen? Ein Tester – nach mehreren Berichten ein Partner aus dem Umfeld von Amazon und Regierung – soll einen Weg gefunden haben, die Schutzmauer zu umgehen, die den harmlosen Fable von den gefährlichen Mythos-Fähigkeiten trennt. Der Trick sei von ernüchternder Schlichtheit gewesen: Man habe das Modell nicht gebeten, eine Software anzugreifen – das hätte es verweigert –, sondern fehlerhaften Code zu reparieren. Eine solche Reparatur aber zeigt zugleich, wo die Software verwundbar ist, und lässt sich deshalb in eine Anleitung für einen Angriff umkehren. Der brave Programmierassistent hätte also bei etwas geholfen, wozu er eigentlich nie hätte beitragen dürfen (WIRED). Sollte es sich so zugetragen haben, dann hieße das: Die gefährliche Fähigkeit steckte von Anfang an im Modell, und die Mauer davor war dünn genug, um sie mit der harmlos klingenden Bitte „reparier das mal“ zu umgehen.
Ein Streit ohne Schiedsrichter
Über die Schwere dieses Befunds gibt es zwei Erzählungen, und sie sind unüberbrückbar. Die Regierung, vertreten durch ihren früheren KI-Beauftragten David Sacks, stellt es als ernsten Bruch dar: Eine Schutzwand zu den Fähigkeiten einer digitalen Cyberwaffe sei durchbrochen worden, man habe Anthropic gewarnt, und Vorstandschef Dario Amodei habe sich geweigert, die Lücke zu schließen oder das Modell zurückzuziehen; die Exportkontrolle sei „widerwillig“ verhängt worden, der Ball liege nun bei Anthropic (Tom’s Hardware).
Anthropic widerspricht in allen Punkten. Der Befund sei eng und nicht universell, er laufe darauf hinaus, ein Modell um das Lesen und Reparieren von Code zu bitten, und genau das könnten andere öffentlich verfügbare Modelle ebenso – etwa OpenAIs GPT-5.5. Ein eng begrenzter Trick rechtfertige nicht den Rückruf eines Werkzeugs, das Hunderte Millionen Menschen nutzen (Anthropic). Fast 80 Fachleute aus der Cybersicherheit stellten sich in einem offenen Brief hinter diese Sicht: Anthropics Modelle seien gut darin, Schwachstellen zu finden, aber nicht einzigartig gut; den Verteidigern die besten Werkzeuge zu nehmen, während die Gegner aufholten, sei gefährlich (IAPP).
Welche Seite auch näher an der Wahrheit liegt, das eigentliche Problem ist ein anderes: Es gab keinen vereinbarten Maßstab dafür, wann ein solcher Befund schwer genug ist, um ein Modell zu stoppen. Schlimmer noch, die Widersprüche häufen sich. Nur zehn Tage vor der Abschaltung hatte Präsident Trump eine Verordnung unterzeichnet, die ausdrücklich festhielt, sie schaffe kein verpflichtendes Lizenz- oder Vorabgenehmigungssystem für KI-Modelle (The White House). Dann handelte dieselbe Regierung wie eine Notfall-Lizenzbehörde. Und sie verlangt nun, wie Regierungsvertreter dem Magazin WIRED sagten, Anthropic müsse vor einer Wiederfreigabe sicherstellen, dass die Schutzmechanismen gar nicht mehr umgangen werden können. Sicherheitsexperten halten das für technisch unmöglich (WIRED). Es ist, als verlange man von einem Schloss, dass es gegen jeden je denkbaren Dietrich hält.
Hinter den Kulissen, berichtet POLITICO, türmten sich „24 Stunden im Wirbelsturm“: angespannte Telefonate zwischen Amodei und Spitzen der Regierung, Beamte, die von Amodeis Argumenten „unbeeindruckt“ blieben, ein Regierungsvertreter, der sagte, die Exportkontrolle sei „ein letztes Mittel, nachdem wir sie stundenlang angefleht hatten“ (IAPP). So sieht es aus, wenn die mächtigste Technologie der Gegenwart aus dem Stegreif regiert wird: nicht nach Regeln, sondern nach Nächten am Telefon.
Warum uns das angeht: die digitale Straße von Hormus
Das alles klingt nach einem fernen Streit zwischen Washington und einem kalifornischen Konzern. Es ist das Gegenteil: eine Lektion über unsere eigene Verwundbarkeit. Denn was hier abgeschaltet wurde, gehört zu einer Schicht von Technik, auf der unsere Welt zunehmend läuft: Software, mit der Verwaltungen arbeiten, Banken rechnen, Krankenhäuser planen, Programmierer entwickeln und Sicherheitsbehörden sich verteidigen. Kommt diese Schicht überwiegend aus einem einzigen Land, dann kann eine Entscheidung in diesem Land – getroffen aus Gründen, die mit uns nichts zu tun haben – unsere Handlungsfähigkeit treffen.
Die treffende Analogie ist die Straße von Hormus, jene Meerenge zwischen Oman und Iran, durch die rund ein Fünftel des weltweit gehandelten Öls fließt und für die es im Ernstfall kaum Ausweichwege gibt (EIA). Nicht die böse Absicht macht einen solchen Engpass gefährlich, sondern die Abhängigkeit. Europa hat sich, ohne es recht zu merken, eine digitale Straße von Hormus gebaut. Und anders als beim Öl gibt es für Spitzen-KI keinen strategischen Vorrat: Verschwindet ein Modell dieser Klasse für europäische Nutzer, gibt es keinen europäischen Ersatz auf Knopfdruck.
Die Zahlen sind unbarmherzig. Im Jahr 2024 brachten US-Institutionen vierzig nennenswerte KI-Modelle hervor, China fünfzehn – Europa drei (Stanford HAI). Die USA beherbergen 5.427 Rechenzentren, mehr als zehnmal so viele wie jedes andere Land. Und beinahe jeder führende KI-Chip der Welt wird von einem einzigen Hersteller auf einer einzigen Insel gefertigt, dem taiwanischen Konzern TSMC – ein Risiko, das beide Supermächte teilen (Stanford HAI).
Die Maschine, die sich selbst baut
Jetzt wird es ernst. Acht Tage vor dem Brief veröffentlichte ausgerechnet Anthropic, der Hersteller der abgeschalteten Modelle, eine fast unbemerkt gebliebene Analyse mit dem nüchternen Titel „Wenn KI sich selbst baut“. Darin steht ein Befund, der alles verändert: Mehr als 80 Prozent des Codes, der in die eigenen Systeme des Unternehmens einfließt, schreibe inzwischen nicht mehr der Mensch, sondern die KI selbst – vor anderthalb Jahren lag der Anteil im niedrigen einstelligen Bereich (Anthropic).
Fachleute nennen das, was sich hier abzeichnet, „rekursive Selbstverbesserung“: den Punkt, an dem KI-Systeme fähig genug werden, ihren eigenen, stärkeren Nachfolger zu entwerfen und zu bauen – ohne menschliches Zutun. Anthropic schreibt vorsichtig, man sei noch nicht dort und es sei nicht unausweichlich; aber es könne früher kommen, als die meisten Institutionen vorbereitet seien (Anthropic). Ein Mitgründer des Unternehmens beziffert die Wahrscheinlichkeit, dass bis Ende 2028 ein KI-System seinen Nachfolger vollständig selbst trainiert, auf über 60 Prozent (Axios).
Der Vorsprung der führenden Labore wuchs bisher wie im Lauf: stetig, aber einholbar. Baut die Maschine ihren Nachfolger selbst, wächst er nicht mehr in einer Geraden, sondern wie Zins auf Zins. Die Geschwindigkeit wird sichtbar: KI-Agenten, die noch 2025 in einem Fünftel der Fälle eine reale Aufgabe lösten, schaffen heute mehr als drei Viertel; das Lösen von Cybersicherheitsaufgaben sprang binnen eines Jahres von 15 auf 93 Prozent (Stanford HAI).
Und nun das Erstaunlichste: In derselben Analyse fordert Anthropic – der Hersteller, mitten im Rennen, einer der Schnellsten überhaupt – die Möglichkeit einer abgestimmten globalen Pause der Spitzenentwicklung, damit gesellschaftliche Strukturen und Sicherheitsforschung mit dem Tempo der Technik Schritt halten könnten (Scientific American). Wenn der Brandstifter selbst nach der Feuerwehr ruft, sollte man hinhören. Genau dies ist die Tragweite, die die Öffentlichkeit noch nicht erfasst hat: Es geht nicht um den nächsten, klügeren Chatbot, sondern um eine Technologie, die beginnt, schneller zu lernen, als Politik zu reagieren vermag.
Vorsicht bleibt geboten, und das gehört zur Wahrheit: Anthropics alarmierende Zahlen stammen aus dem eigenen Haus und sind nicht unabhängig geprüft (Tom’s Hardware). Ein Unternehmen, das vor der eigenen Technik warnt und zugleich Milliarden in sie investiert, hat ein doppeltes Interesse. Doch ob man die Zahlen halbiert oder verdoppelt: Die Richtung bleibt dieselbe. Und sie zeigt nicht nach unten.
Europas verlorenes Rennen – und die Billionen-Illusion
Daraus folgt eine unbequeme Wahrheit für Europa: Die entscheidenden Produktionsmittel der nächsten Epoche sind längst verteilt: Rechenzentren, Chips, Spitzenmodelle, Kapital. Europas einziger glaubwürdiger Anbieter mit eigenem Spitzenmodell ist das französische Mistral, mitgegründet von einem ehemaligen Forscher von Google DeepMind – jenem Londoner Labor, das 2014 an Google ging und so für Europa als strategische Option verloren war (TechCrunch).
Die deutsche und europäische Antwort auf diese Lage ist das Sinnbild des Missverständnisses. Zwei SPD-Bundestagsabgeordnete fordern, eine Billion Euro privates Kapital für KI zu mobilisieren; Europas Antwort dürfe keine „Gigantomanie mit Steuergeld“ sein, Rechenleistung sei zur Sicherheitsfrage geworden (Handelsblatt). Der Befund stimmt. Doch dahinter steckt ein vertrauter Reflex: Man verwechselt eine große Zahl mit einer Strategie. Kapital allein baut keine Spitzen-KI; es braucht Chips, Energie, Talente, Produkte und Kunden, die tatsächlich kaufen. Wer das übersieht, finanziert am Ende nicht Weltklasse, sondern vergoldet Mittelmaß.
Wohin der deutsche Weg führt, zeigt Aleph Alpha, einst als deutsche Antwort auf OpenAI gefeiert. Im April 2026 ging das Heidelberger Unternehmen mehrheitlich an den kanadischen Anbieter Cohere – der deutsche Hoffnungsträger unter kanadischer Führung, verkauft als „souveräne“ Alternative (TechCrunch). Gescheitert ist Aleph Alpha nicht an der vielgescholtenen EU-Regulierung, sondern an fehlender Substanz: zu wenig Rechenleistung, zu wenig Kapitaltiefe, zu wenig Produktgeschwindigkeit. Der beliebte deutsche Reflex, Brüssel die Schuld zu geben, verwechselt Regulierungsfriktion mit industrieller Schwäche.
Das eigentlich Beunruhigende ist die Verkettung mehrerer Irrtümer. Europa verfolgt nicht nur falsche Ziele, indem es verspätet einer Frontier-Führung nachjagt, die es nicht mehr erreichen kann; es verkennt zugleich, was bereits unumkehrbar geschehen ist: Die entscheidende Schicht der Technik liegt in wenigen, überwiegend amerikanischen Händen – und sie beschleunigt sich. Selbst Mistrals Chef warnt, Europa habe nur noch etwa zwei Jahre, ehe es zum digitalen „Vasallenstaat“ werde; sei die Versorgung erst von amerikanischen Anbietern monopolisiert, lasse sich kein Strom mehr in Rechenleistung verwandeln (Business Insider). So berechtigt der Ruf nach KI-Souveränität daher ist – er kommt zu spät und weist keinen Ausweg mehr. Europas Aufgabe ist nicht länger, das Rennen zu gewinnen, sondern dafür zu sorgen, dass es nicht unkontrolliert zu Ende läuft.
Was jetzt zu tun ist: Gemeinsame Sicherheit für Maschinen
Das ist eine härtere Aufgabe als jeder Aufholversuch. Die richtige Denkfigur dafür stammt nicht aus dem Silicon Valley, sondern aus der europäischen Entspannungspolitik: die gemeinsame Sicherheit. Der Palme-Bericht formulierte sie 1982 unter dem Eindruck nuklearer Vernichtungsfähigkeit – Sicherheit sei im Atomzeitalter nicht mehr gegeneinander zu haben, sondern nur miteinander. Willy Brandt und Egon Bahr dachten ihre Ostpolitik nach derselben Logik. Gemeinsame Sicherheit war nie die Hoffnung, der Gegner werde über Nacht ein guter Mensch, sondern die nüchterne Einsicht, dass es Technologien gibt, bei denen die Vernichtungskraft größer ist als der Nutzen einseitiger Überlegenheit. Die Atomwaffe war die erste. Die Spitzen-KI könnte die zweite sein.
Was daraus folgt, lässt sich in drei Forderungen fassen.
Erstens: eine Pause, ehe die Maschine schneller ist als die Politik
Es braucht eine Pause bei Training und Freigabe neuer Spitzensysteme oberhalb klar definierter Fähigkeitsschwellen – so lange, bis internationale Prüfverfahren, Sicherheitsstandards und Notfallprotokolle stehen. Schon 2023 hatte ein offener Brief eine mindestens sechsmonatige Pause für besonders leistungsfähige Systeme gefordert (Future of Life Institute); 2025 verlangten über 700 Unterzeichner, darunter Nobelpreisträger, ein Verbot der Entwicklung von Superintelligenz, bis deren Sicherheit wissenschaftlich geklärt ist und die Öffentlichkeit zustimmt (TIME). Diese Forderung ist nicht technikfeindlich. Sie ist der Not-Aus-Knopf am Prüfstand – und, wie wir gesehen haben, hat ihn der führende Hersteller selbst verlangt.
Zweitens: ein globaler Tisch, nicht nur unter Freunden
KI-Sicherheit darf nicht nur transatlantisch oder konzernintern gedacht werden. Wenn KI Cyberangriffe, Waffensysteme, Überwachung und strategische Stabilität verändert, dann haben auch China, Indien, Russland und viele kleinere Staaten berechtigte Sicherheitsinteressen. Es braucht einen weltweiten Tisch – eine KSZE für Künstliche Intelligenz. Nicht, weil alle Regierungen vertrauenswürdig wären, sondern weil unsichere Gegner im KI-Zeitalter gefährlicher sind als unbequeme Verhandlungen. Das war die Lektion der nuklearen Rüstungskontrolle, und sie gilt erneut.
Drittens: harte rote Linien, gezogen von der Politik, nicht von Firmen
Drei Grenzen müssen völkerrechtlicher Mindeststandard werden: keine KI zur massenhaften Überwachung der Bevölkerung; keine vollautonomen tödlichen Waffen ohne bedeutsame menschliche Kontrolle; und Künstliche Intelligenz hat aus der nuklearen Befehls- und Kontrollkette herauszubleiben. Dass es nicht genügt, solche Linien den Unternehmen zu überlassen, zeigt dieselbe Firma, um die es hier geht: Anthropic hatte sich geweigert, seine Technik für autonome Waffen und die Überwachung von Bürgern bereitzustellen – woraufhin die Regierung einen 200-Millionen-Dollar-Vertrag kündigte und das Unternehmen zum Sicherheitsrisiko erklärte (National Catholic Reporter). Eine private rote Linie ist nur so stabil wie der nächste Quartalsbericht.
Den moralischen Kern hat zuletzt eine Stimme von außerordentlichem Gewicht benannt. In seiner ersten Enzyklika „Magnifica Humanitas“ erklärte Papst Leo XIV. im Mai 2026 unmissverständlich: „Künstliche Intelligenz muss entwaffnet werden“ – entwaffnen heiße nicht, die Technik abzulehnen, sondern zu verhindern, dass sie den Menschen beherrsche (USCCB). Schon das vatikanische Grundsatzdokument „Antiqua et nova“ hatte autonome tödliche Waffensysteme als Grund schwerer ethischer Sorge bezeichnet (Heiliger Stuhl), und bereits beim G7-Gipfel 2024 hatte der damalige Papst ein Verbot solcher Waffen verlangt: Keine Maschine dürfe je entscheiden, einem Menschen das Leben zu nehmen (Al Jazeera).
Was die Öffentlichkeit noch nicht verstanden hat
Die entscheidende Technologie dieses Jahrhunderts liegt in den Händen weniger privater Unternehmen. Sie wird aus dem Stegreif regiert, ohne vereinbarte Maßstäbe, mit Forderungen, die selbst Fachleute für unmöglich halten. Sie beschleunigt sich – und beginnt, sich selbst zu bauen. Und Europa steht dabei nicht in der ersten Reihe, sondern am Spielfeldrand, abhängig von Modellen, Rechenzentren und Chips, die anderswo entstehen.
Der Ausschalter in Washington war keine Beruhigung. Er war eine Warnung. Er hat nicht gezeigt, dass jemand diese Technologie verlässlich beherrscht, sondern dass es keinen gemeinsamen, legitimen, verlässlichen Schalter gibt – nur einseitige Griffe, je nach Lage, Laune und nationalem Interesse. Niemand sollte sich wünschen, dass die Sicherheit der Welt davon abhängt, wer an einem Freitagabend welchen Brief schreibt.
Wer das ernst nimmt, darf nicht warten – nicht bis zum ersten KI-ausgelösten Blackout, nicht bis ein autonomes System irrtümlich Menschen tötet. Es braucht jetzt den Mut zu Diplomatie, zu verbindlichen Regeln, zu einer neuen Entspannungspolitik für Maschinen. Denn wenn die Maschine erst schneller lernt, als Politik reagieren kann, lautet die Frage nicht mehr, ob wir sie regeln wollen. Dann lautet sie, ob wir es noch können.
Quellenverzeichnis
Die Abschaltung und das Regierungshandeln
- Anthropic, „Statement on the US government directive to suspend access to Fable 5 and Mythos 5“, 12. Juni 2026. Wortlaut der Anordnung (17:21 Uhr ET), die Sperre für ausländische Staatsangehörige, die weltweite Abschaltung und Anthropics Bewertung des Jailbreaks. com
- NBC News, „Anthropic suspends new AI models after government directive“, Juni 2026. Belegt den Brief von Handelsminister Lutnick und dass erstmals ein öffentlich verfügbares KI-Modell auf staatliche Anordnung abgeschaltet wurde. com
- Anthropic, „Claude Fable 5 and Claude Mythos 5“, 9. Juni 2026; CNBC, „Anthropic releases Mythos-like AI model to the public“, 9. Juni 2026. Belegen Launch, Unterschied Fable/Mythos und die Schutzmechanismen mit Weiterleitung an ein schwächeres Modell. com / cnbc.com
- The White House, Fact Sheet zur Executive Order „Promoting Advanced Artificial Intelligence Innovation and Security“, 2. Juni 2026. Belegt den freiwilligen Rahmen und die ausdrückliche Aussage, dass kein verpflichtendes Lizenz- oder Vorabgenehmigungssystem geschaffen werde. gov
- Tom’s Hardware, Bericht über David Sacks, 13./14. Juni 2026. Belegt die Regierungssicht: durchbrochene Schutzwand, Vorwurf der Weigerung gegen Amodei, „widerwillig“ verhängte Exportkontrolle, China/SK-Telecom-Verdacht. com
- WIRED, „The White House Wants Anthropic to Block All Jailbreaks. That May Not Be Possible“, Juni 2026. Belegt die Forderung nach lückenloser Jailbreak-Sicherheit, deren technische Unmöglichkeit und den „Code-reparieren“-Trick. com
- IAPP (unter Berufung auf POLITICO), „The global implications of the White House’s export controls on Anthropic“, Juni 2026. Belegt die „24 Stunden im Wirbelsturm“, das Zitat vom „letzten Mittel“ und den offenen Brief von rund 80 Cyber-Fachleuten. org
Die strategische Lage
- Stanford HAI, „The 2026 AI Index Report“. Belegt die Konzentration auf USA und China (Europa 2024 nur drei nennenswerte Modelle), 5.427 US-Rechenzentren, die TSMC-Abhängigkeit sowie die Sprünge der Agenten- und Cyberfähigkeiten. stanford.edu
- S. Energy Information Administration, „The Strait of Hormuz remains a critical oil chokepoint“. Belegt, dass rund ein Fünftel des Weltöls durch Hormus fließt und es kaum Ausweichwege gibt – Grundlage der Engpass-Analogie. eia.gov
Die Maschine, die sich selbst baut
- Anthropic, „When AI builds itself“ (The Anthropic Institute), 4. Juni 2026. Belegt, dass über 80 Prozent des eigenen Codes von der KI stammen, das Konzept der rekursiven Selbstverbesserung und den Ruf nach der Möglichkeit einer globalen Pause. com
- Axios, „Anthropic warns AI could soon help build its own successors“, 4. Juni 2026. Belegt die Einordnung und die Prognose von über 60 Prozent Wahrscheinlichkeit für ein selbsttrainierendes System bis Ende 2028. com
- Scientific American, „Anthropic warns AI may soon begin recursive self-improvement“, Juni 2026. Belegt den ausdrücklichen Wunsch des Herstellers nach der Option einer abgestimmten Verlangsamung. com
- Tom’s Hardware, „Anthropic’s warning over AI self-improvement“, Juni 2026. Belegt, dass die internen Zahlen nicht unabhängig geprüft sind – Grundlage der gebotenen Vorsicht. com
Europas verlorenes Rennen
- Handelsblatt, „Eine Billion Euro für KI – SPD will Privatkapital mobilisieren“, 19. Mai 2026. Belegt das Strategiepapier von Johannes Schätzl und Matthias Mieves, das Ziel einer Billion Euro Privatkapital und die Formel „Rechenleistung wird zur Sicherheitsfrage“. com
- TechCrunch, „Why Cohere is merging with Aleph Alpha“, 25. April 2026. Belegt die mehrheitliche Übernahme des Heidelberger Unternehmens durch den kanadischen Anbieter Cohere unter der Marke „souveräne KI“. com
- Business Insider (über Yahoo Finance), zu Arthur Menschs Anhörung in der französischen Nationalversammlung, Mai 2026. Belegt die Warnung, Europa habe nur noch etwa zwei Jahre, ehe es zum „Vasallenstaat“ werde. yahoo.com
- TechCrunch, „Google buys DeepMind“, 26. Januar 2014. Belegt den Verkauf des Londoner KI-Labors DeepMind an Google. com
Pause, rote Linien und gemeinsame Sicherheit
- Future of Life Institute, „Pause Giant AI Experiments: An Open Letter“, März 2023. Belegt die Forderung nach einer mindestens sechsmonatigen Trainingspause für besonders leistungsfähige Systeme. org
- TIME, „New Open Letter Calls for Ban on Superintelligent AI Development“, Oktober 2025. Belegt die Forderung nach einem Verbot der Superintelligenz-Entwicklung bis zu Sicherheitsnachweis und öffentlicher Zustimmung. com
- USCCB / Vatican News, zur Enzyklika „Magnifica Humanitas“ von Papst Leo XIV., 25. Mai 2026. Belegt den Schlüsselsatz „Künstliche Intelligenz muss entwaffnet werden“. org
- Heiliger Stuhl, zur Note „Antiqua et nova“, Januar 2025. Belegt die Einstufung autonomer tödlicher Waffensysteme als Grund schwerer ethischer Sorge. org
- Al Jazeera, „Pope calls for a ban on lethal autonomous weapons at G7“, Juni 2024. Belegt die Forderung nach einem Verbot autonomer tödlicher Waffen. com
- National Catholic Reporter, „Why is AI company Anthropic helping launch Pope Leo XIV’s encyclical?“, 2026. Belegt, dass Anthropic Technik für autonome Waffen und Massenüberwachung verweigerte und daraufhin einen 200-Millionen-Dollar-Vertrag verlor und zum Sicherheitsrisiko erklärt wurde. org
Zum Autor: Axel Fersen ist Politikwissenschaftler und Experte für digitale Transformation und künstliche Intelligenz. Nach dem Studium an der Johannes-Gutenberg-Universität Mainz führte ihn sein Weg in die Technologiebranche. Heute lebt und arbeitet er in Barcelona. Politisch ist er seit 1984 in der SPD engagiert und Mitglied der katalanischen Schwesterpartei PSC. Er koordiniert den Erhard-Eppler-Kreis, gehört dessen Leitungskreis an, ist Vorstandsmitglied des Europa-Instituts für Sozial- und Gesundheitsforschung an der Alice Salomon Hochschule Berlin und wirkt in der Studiengruppe Technikfolgenabschätzung der Digitalisierung der Vereinigung Deutscher Wissenschaftler (VDW) mit.












