Am Donnerstag, dem 30. Juli, sprach König Mohammed VI. in seiner Rede zum Thronfest über Sicherheit und Stabilität seines Landes. Ceuta erwähnte er nicht. Zur selben Zeit zogen an der Küste bei Fnideq Tausende Menschen Richtung Grenze, wateten ins Wasser und schwammen um den Wellenbrecher von El Tarajal herum. Eine Erklärung der Regierung von Ministerpräsident Aziz Akhannouch gab es dazu bis zum Freitagabend nicht.
Bis Freitagmorgen hatten nach Angaben des spanischen Innenministeriums rund 50.000 Menschen die Grenze überwunden. Juan Jesús Vivas, Präsident der Autonomen Stadt Ceuta, nannte 60.000 und damit „etwa 70 Prozent“ der Bevölkerung; die Stadt zählt gut 83.500 Einwohner. Die Regierung bestätigte am Samstag mindestens 67 Tote, Ertrunkene und Menschen, die am Wellenbrecher zu Tode gedrückt wurden; die Behörden Ceutas nannten gegenüber Sky News 86. Die italienische Zeitung „La Repubblica“ zählte für das ganze Jahr 2025 sechs Menschen, denen der irreguläre Weg nach Ceuta gelang, und zwischen Januar und dem 15. Juli 2026 keinen einzigen.
Juan Carlos Sanz, Marokko-Korrespondent der Zeitung „El País“, beschrieb Grenzpolizisten und Gendarmen in Kampfausrüstung: „Sie hielten standhaft ihre Position, während Tausende Menschen schweigend am Strand entlangzogen und in der Flut schwammen.“ Ruth Ferrero-Turrión, Professorin für Politik und Europastudien an der Universidad Complutense in Madrid, sagte dem „Tagesspiegel“: „Ohne jeden Zweifel hätte all dies nicht ohne die Untätigkeit der Behörden geschehen können.“ Ein Befehl aus Rabat ist damit nicht belegt, und die Zeitung „Público“ hält das ausdrücklich fest.
Das Muster ist älter. Im Mai 2021 ließ Spanien Brahim Ghali behandeln, den Generalsekretär der Frente Polisario, die für die Westsahara einen eigenen Staat beansprucht. Kurz darauf zogen sich marokkanische Grenzkräfte von der Wassergrenze zurück, rund 8.000 bis 10.000 Menschen erreichten Ceuta binnen weniger Tage, und Madrid sprach von Erpressung. Rabat muss keine Grenze offiziell öffnen. Es genügt, für einige Stunden wegzusehen.
Am 20. Juli empfing Präsident Abdelmadjid Tebboune den spanischen Ministerpräsidenten Pedro Sánchez in Algier. Beide Seiten vereinbarten mehr Gaslieferungen; Algerien war 2026 zum wichtigsten Gaslieferanten Spaniens aufgestiegen. Über die Westsahara stehen Algier und Rabat sich feindlich gegenüber, und Sánchez’ Schwenk zugunsten des marokkanischen Autonomieplans hatte 2022 den Bruch mit Algier ausgelöst. Zehn Tage nach der Reise stand Fnideq voller Menschen. Warum versagte ausgerechnet in dieser Nacht jene Grenze, an der bis Mitte Juli kein einziger irregulärer Übertritt gelungen war, und warum funktionierte sie 48 Stunden später wieder?
In Madrid wird der Vorwurf offen ausgesprochen. Gabriel Rufián, Sprecher der katalanischen Esquerra Republicana im Abgeordnetenhaus, warf der „marokkanischen Diktatur“ vor, Spanien und Europa einen Sommer länger zu erpressen. Irene Montero, Europaabgeordnete von Podemos, benannte den Mechanismus: Wer eine Diktatur für die Drecksarbeit bezahle, werde erpressbar, sobald diese mehr wolle. Pedro Sánchez sprach von einem „Angriff“ auf die territoriale Integrität Spaniens.
Der Schutz dieser Grenze liegt seit Jahren auf der marokkanischen Seite, bezahlt und politisch abgesichert von der Europäischen Union. Wer den Grenzschutz auslagert, hat den Schlüssel abgegeben. Rabat kann jederzeit vorführen, was geschieht, wenn es die Zusammenarbeit für einige Stunden zurückfährt; die Bilder, die Toten und die Schuldzuweisungen bleiben in Madrid. Rechenschaft verlangten Europas Regierungen in dieser Woche denn auch in Madrid. In Rabat verlangte sie niemand.
Am Donnerstagabend, als die Agenturen gut 1.500 Grenzübertritte und neun Ertrunkene meldeten, war Rom mit der Analyse fertig. Außenminister Antonio Tajani erklärte auf der Plattform X, er sei dafür, „den Schengen-Raum für Spanien zu schließen“. Giorgia Meloni nannte die Bilder „schockierend“ und stellte „außergewöhnliche Maßnahmen“ in Aussicht. Am Freitag verhängte das Innenministerium unter Matteo Piantedosi Kontrollen im Flug- und Schiffsverkehr mit Spanien, zunächst für einen Monat.
Italien hat keine Landgrenze zu Spanien, und zwischen Ceuta und italienischen Häfen verkehrt kein Schiff. Für Ceuta gilt die Freizügigkeit des Schengen-Raums ohnehin nicht: Wer dort ankommt, muss für die Reise auf das Festland eine Polizeikontrolle passieren. Magnus Brunner, EU-Migrationskommissar, versicherte, keine einzige Person habe die Grenze zum Festland der Union überschritten. Welche Gefahr also hat Rom abgewehrt? Tajani begründete seine Forderung damit, Madrid habe mehr als 500.000 irregulären Einwanderern die europäische Staatsbürgerschaft verliehen. Das spanische Verfahren verleiht keine Staatsbürgerschaft; es regularisiert Aufenthalte und verlangt einen Wohnsitz vor dem 1. Januar 2026. Niemand aus Ceuta erfüllt das. Außenminister José Manuel Albares bestellte den italienischen Botschafter ein und nannte Tajanis Botschaft unangemessen für einen Partner, von dem man Solidarität erwarte und „keine parteiische Demagogie“. Nach Zahlen der EU-Grenzschutzagentur Frontex zählte die zentrale Mittelmeerroute nach Italien im ersten Halbjahr 2026 14.340 irreguläre Einreisen, die westliche Mittelmeerroute nach Spanien 7.860, also etwa halb so viele. Aus Berlin kam kein Widerspruch.
Was solche Auftritte anrichten, beschreibt Alberto del Rey, Soziologe an der Universidad de Salamanca: „Viele Menschen sind ob der Bilder aus Ceuta verunsichert, sie glauben die rechtsextreme Erzählung einer ‚Invasion‘.“ Dann der Satz, der die europäische Empörungskonjunktur erklärt: „Kommendes Jahr wird in Spanien gewählt.“
Friedrich Merz verhängte keine Grenzkontrollen. Er brauchte keine. Am Freitag erklärte der Bundeskanzler, Spanien wolle und müsse die Lage „schnellstmöglich wieder in den Griff bekommen“, und begrüßte die spanische Absicht, die Migranten nicht auf den europäischen Kontinent gelangen zu lassen. Ein Land, das in diesem Moment eine Außengrenze der Union hielt und 67 Leichen barg, erhielt aus Berlin eine Ermahnung über seine Pflichten. Der Kanzler forderte, was Madrid längst tat. Ein Angebot deutscher Unterstützung, Personal oder Gerät, stand in der Erklärung nicht.
Am Samstag unterschrieb Merz einen offenen Brief, den Meloni und die dänische Ministerpräsidentin Mette Frederiksen angestoßen hatten und den 22 Staats- und Regierungschefs nach Brüssel und Dublin richteten. Der Brief nennt als Anreiz für Migration ausdrücklich die „Legalisierung einer sehr großen Zahl irregulärer Migranten“, also das spanische Verfahren. Frankreich, Luxemburg und Portugal unterschrieben nicht; der deutsche Kanzler schon. Das Schreiben ging an dem Tag hinaus, an dem Madrid meldete, 48.300 von rund 50.000 Menschen seien zurück in Marokko. Ein Partner, der eine EU-Außengrenze in weniger als 48 Stunden zurückgewonnen hatte, bekam aus 22 Hauptstädten keine Zusage über Hilfe, sondern eine Belehrung über seine Innenpolitik.
Sánchez beschwerte sich schriftlich: Eine solche Haltung sei „motiviert durch Vorurteile, Falschinformationen, Unwissenheit oder politische Interessen“, die Union könne sich eine „egoistische, spaltende und rechtswidrige“ Reaktion nicht leisten. Dänemark, Schweden, Finnland, Tschechien und Österreich hatten den italienischen Vorstoß unterstützt. Sollte der Verdacht gegen Rabat zutreffen, hätte Europa die Methode prämiert: Sanktioniert wurde das angegriffene Land, unbehelligt blieb der mutmaßliche Urheber. Am Samstagmorgen verlegte die Guardia Civil am Wellenbrecher von El Tarajal eine 500 Meter lange aufblasbare Sperre. Für die mindestens 67 Toten kommt sie zu spät.
Warum ein deutscher Kanzler dabei mitmacht, lässt sich in Berlin besichtigen. Tino Chrupalla, Co-Vorsitzender der AfD, erklärte, das Ziel dieser Migranten sei wahrscheinlich Deutschland, und verlangte sofortige Zurückweisungen. Merz trat dem nicht entgegen. Seine Erklärung ließ die Erzählung stehen, obwohl seit Freitagmittag bekannt war, dass niemand aus Ceuta den Kontinent erreicht hatte. In bundesweiten Umfragen liegt die AfD bei 25 bis 27 Prozent, in Sachsen-Anhalt, wo am 6. September gewählt wird, und in Mecklenburg-Vorpommern bei rund 40. Michael Kretschmer, sächsischer Ministerpräsident der CDU, hat den passenden Satz beigesteuert: Wer noch über Brandmauern rede, habe die Zeichen der Zeit nicht erkannt. Merz hält dagegen, die Abgrenzung stehe, es gebe klare Parteitagsbeschlüsse.
Beschlüsse sind Papier, das Vokabular ist die Praxis. Wer die Bilder einer nordafrikanischen Exklave zur Bedrohung Deutschlands erklärt, obwohl kein Einziger den Kontinent erreicht hat, rückt die Position der AfD in die Mitte. Merz hat einen sozialdemokratisch geführten Partner öffentlich beschuldigt und dessen Migrationspolitik zum Grund einer Katastrophe erklärt, deren Ursachen an einer marokkanischen Grenze liegen. Bleibt die Frage, die er selbst aufwirft: Sind die Ausfälle gegen Madrid nicht bereits das Anzeichen dafür, dass die politische Annäherung an die AfD, deren Ausschluss er beteuert, längst im Gange ist?
Quellenverzeichnis
- Sato Díaz: „El Gobierno evita señalar a Marruecos pese a su pasividad ante la entrada masiva de migrantes en Ceuta“, Público, 31. Juli 2026. Link
- Laura Dahmer: „Lage in Ceuta eskaliert: Hat Marokko die Krise provoziert?“, Der Tagesspiegel, 31. Juli 2026. Link
- „Ceuta-Krise laut Spanien beendet: Merz und 21 weitere EU-Regierungschefs prangern Madrids Migrationspolitik an“, Der Tagesspiegel, 1. August 2026. Link
- Juan Carlos Sanz: „Miles de personas penetran durante la noche en Ceuta en medio de la pasividad de la policía marroquí“, El País, 31. Juli 2026. Link
- „España y Argelia acuerdan impulsar una nueva etapa en su relación bilateral“, La Moncloa, 20. Juli 2026. Link
- „Migranten in Ceuta: Meloni will Spanien aus Schengen ausschließen“ (AFP), 20 Minuten, 30. Juli 2026. Link
- „Wegen Ceuta-Migrationskrise: Italien setzt Schengen-Abkommen mit Spanien aus“, Euronews, 31. Juli 2026. Link
- „Kanzler Merz über Ceuta: Marokko muss die Rückkehrverordnung unverzüglich umsetzen“, Euronews, 31. Juli 2026. Link
- „Albares convoca al embajador italiano por las declaraciones de su ministro de Exteriores“, Infobae/EFE, 30. Juli 2026. Link
- „Italia cumple su amenaza y suspende el acuerdo Schengen con España“, Infobae, 31. Juli 2026. Link
- „Última hora: entrada de migrantes en Ceuta“ (Liveblog, u. a. Rufián), eldiario.es, 31. Juli 2026. Link
- „Spain installs floating barrier in Ceuta after migration influx“, France 24/Reuters, 1. August 2026. Link
- „Spain to put containment fence on Ceuta’s sea border with Morocco“, NBC News/AP, 1. August 2026. Link
- „Streit innerhalb der Europäischen Union wegen Migrantenkrise in Ceuta“, Euronews, 1. August 2026. Link
- „Irregular border crossings into the EU down 37% in the first half of 2026“, Frontex, Juli 2026. Link
- „CDU entfacht weitere Debatte über Umgang mit der AfD“ (dpa), MiGAZIN, 22. Juli 2026. Link
- „Merz vows CDU won’t be ‚destroyed‘ by far-right ahead of 2026 votes“ (dpa), 2026. Link
Zum Autor: Axel Fersen ist Politikwissenschaftler und Experte für digitale Transformation und künstliche Intelligenz. Nach dem Studium an der Johannes-Gutenberg-Universität Mainz führte ihn sein Weg in die Technologiebranche. Heute lebt und arbeitet er in Barcelona. Politisch ist er seit 1984 in der SPD engagiert und Mitglied der katalanischen Schwesterpartei PSC. Er koordiniert den Erhard-Eppler-Kreis, gehört dessen Leitungskreis an, ist Vorstandsmitglied des Europa-Instituts für Sozial- und Gesundheitsforschung an der Alice Salomon Hochschule Berlin und wirkt in der Studiengruppe Technikfolgenabschätzung der Digitalisierung der Vereinigung Deutscher Wissenschaftler (VDW) mit.












