Nigel Farage wollte sich in Clacton-on-Sea vom Volk rehabilitieren lassen – und gewann tatsächlich deutlich. Doch der eigentliche Star der Nachwahl war ein Mann in Ritterrüstung mit einem Mülleimer auf dem Kopf. Count Binface machte aus Farages großer Machtdemonstration ein politisches Kabarett und zeigte, wie dünn die Grenze zwischen Populismus und Parodie geworden ist.
Es gibt Wahlabende, an denen Geschichte geschrieben wird. Und es gibt Wahlabende, an denen ein Mann mit einem Blecheimer auf dem Kopf fast zehntausend Stimmen bekommt.
Nigel Farage hat die Nachwahl im englischen Küstenort Clacton-on-Sea klar gewonnen. 22.239 Stimmen entfielen auf den Vorsitzenden der rechtspopulistischen Partei Reform UK. Sein bekanntester Herausforderer, Count Binface, erhielt 9.455 Stimmen – mehr als jemals zuvor in seiner langen Karriere als professioneller Spaßkandidat. Denn er ist alles andere als ein ernst zu nehmender Gegenkandidat.
Count Binface – auf Deutsch etwa „Graf Abfalleimergesicht“ – ist die Kunstfigur des Satireautors Jonathan Harvey. Ritterrüstung, Umhang, ein überdimensionierter Mülleimer als Helm. Seine Biografie führt auf den fiktiven Planeten Sigma IX, seine Wahlversprechen reichen von billigerem Softeis bis zur Verfüllung von Schlaglöchern mit Parteiprogrammen. Seit Jahren tritt Harvey gegen politische Schwergewichte an – gegen Boris Johnson, Rishi Sunak und nun gegen Nigel Farage. Sein Motto: „Make Your Vote Count“ – ein Wortspiel, das zugleich „Sorge dafür, dass deine Stimme zählt“ und „Stimme für den Grafen“ bedeutet.
Dass ausgerechnet Count Binface in Clacton zur Symbolfigur wurde, hat viel mit dem Ort zu tun. Der Badeort an der Küste von Essex war einst ein florierendes Seebad. Heute prägen Spielhallen, billige Souvenirläden und das Gefühl wirtschaftlichen Niedergangs das Bild. Viele Bewohner empfinden ihre Region als vergessen – von London, von Westminster und vom wirtschaftlichen Aufschwung. Es war genau dieses Gefühl, das Farage 2024 nach sieben gescheiterten Anläufen schließlich den Einzug ins britische Parlament bescherte.
Clacton wurde zu seiner Hochburg. Reform UK schien auf dem Weg, das britische Parteiensystem zu erschüttern. Zeitweise sah es so aus, als könnten die Rechtspopulisten die Konservativen dauerhaft überholen und die Tories in jene historische Bedeutungslosigkeit schicken, in die einst die Liberalen mit dem Aufstieg der Labour-Partei geraten waren.
Dann kam die Spendenaffäre.
Farage soll unter anderem fünf Millionen Pfund an Zuwendungen von einem Krypto-Milliardär nicht ordnungsgemäß gemeldet haben; weitere Zahlungen an Reform UK werden untersucht. Anstatt die parlamentarische Untersuchung abzuwarten, wählte er die Flucht nach vorn: Er legte sein Mandat nieder und provozierte eine Nachwahl. „Die Menschen von Clacton sollen die Richter meines Verhaltens sein“, erklärte er. Aus einer Untersuchung machte er einen angeblichen Volksentscheid über seine Integrität – ein klassischer Farage-Moment: Angriff statt Verteidigung, Volk gegen Establishment, Inszenierung statt Verfahren.
Nur spielte das Establishment diesmal nicht mit.
Labour, Konservative, Liberaldemokraten und Grüne verzichteten in ungewohnter Einigkeit demonstrativ auf eigene Kandidaten. Sie verweigerten Farage die Bühne, auf der er sich als Opfer der Eliten hätte inszenieren können. Plötzlich kämpfte der Mann, der sich seit Jahrzehnten als Bezwinger des politischen Systems präsentiert, vor allem gegen einen Mülleimer.
Die Bilder hätten absurder kaum sein können. Während Farage mit ernster Miene über Demokratie, Mandate und den Willen des Volkes sprach, versprach Count Binface, häufiger in Clacton zu sein als in Washington, D.C. – eine kaum verhüllte Anspielung auf Farages enge Kontakte ins Umfeld von Donald Trump und seine seltene Präsenz im eigenen Wahlkreis. Ein Pilot zeichnete sogar mit seinem Kleinflugzeug die Silhouette eines Mülleimers in den Himmel über der Küste von Essex. Die britische Politik wirkte plötzlich wie eine Mischung aus Theater, Satire und Reality-TV. Ihren vorläufigen Höhepunkt fand sie in Farages Behauptung, Count Binface sei der Kandidat des Establishments.
Am Ende gewann Farage deutlich. Er erhielt sogar mehr Stimmen als bei seinem Einzug ins Parlament 2024. Auf den ersten Blick ist das genau jene Bestätigung, die er gesucht hatte. Doch der Triumph ist ein Pyrrhussieg. Trotz des Erfolgs könnte für Farage nun alles im Eimer sein.
Denn die Nachwahl war nie nur eine Wahl. Sie war ein politisches Spektakel, das Farage selbst inszeniert hatte – und in dem Count Binface die Rolle des Hofnarren übernahm. Fast zehntausend Menschen gaben ihre Stimme nicht Nigel Farage, sondern einem Blecheimer. Das ist kein Betriebsunfall der britischen Demokratie. Es ist ein Stimmungsbild.
Hinzu kommt: Mit Farages Rückkehr ins Unterhaus dürfte auch die zuvor ausgesetzte parlamentarische Untersuchung wieder aufgenommen werden. Die Nachwahl hat die Affäre nicht beendet, sondern lediglich vertagt. Sollte das Parlament später zu dem Schluss kommen, dass Farage gegen Transparenzregeln verstoßen hat, könnte Clacton erneut vor einer Nachwahl stehen – diesmal mit ernsthaften politischen Gegnern.
Count Binface wurde bei dieser Nachwahl zur perfekten Gegenfigur des Populisten: absurd, selbstironisch und erstaunlich ehrlich in all seiner Lächerlichkeit. Während Farage versuchte, sich als verfolgter Volksheld zu inszenieren, machte Binface sichtbar, wie sehr Politik heute von Performance lebt. Der Satiriker versprach keine nationale Erlösung, keine kulturelle Wiedergeburt und keinen historischen Kampf gegen das Establishment. Er versprach unter anderem günstigeres Softeis. Das klang in diesem Wahlkampf mitunter realistischer als manches Pathos seines Gegners.
Auch für die konservativen Tories stellt sich nach Clacton eine unbequeme Frage. Sie sind Farage in den vergangenen Jahren rhetorisch immer weiter nach rechts gefolgt. Doch wenn selbst in seiner Hochburg fast zehntausend Wähler ihre Stimme lieber einem Blecheimer geben, könnte das den Druck erhöhen, wieder stärker um die politische Mitte zu kämpfen.
Gleichzeitig profitiert die regierende Labour-Partei unter Premierminister Andy Burnham, der sich demonstrativ bodenständig gibt und Reform UK zuletzt deutlich unter Druck gesetzt hat. Nach den Turbulenzen um Keir Starmer konnte Labour spürbar an Unterstützung gewinnen und erzählt derzeit eher eine Geschichte der Hoffnung als der Wut. Ob daraus ein dauerhaftes Gegenmodell zum europäischen Rechtspopulismus entsteht, muss sich erst noch zeigen.
Aber eines hat die Nachwahl in Clacton bereits bewiesen: Populisten leben von der Inszenierung. Und manchmal reicht ein Mann mit einem Mülleimer auf dem Kopf, um die Inszenierung auffliegen zu lassen.
Michael Tobias, Jahrgang 1975, ist Journalist und Kommunikationsexperte. Er arbeitete unter anderem für die Süddeutsche Zeitung, das Handelsblatt und das Wall Street Journal Europe. Heute leitet er eine deutsch-britische Kommunikationsagentur, ist Ausbilder und Prüfer für Mediengestalter Digital und Print, Fotograf sowie Dozent für politische Bildung mit den Schwerpunkten Großbritannien und USA.












