„Köln E Jeföhl“ – der Titel des Buchs von Navid Kermani lässt jene Kölner zusammenzucken, die nicht viel damit anfangen können, wenn ihre Mitbürger schwärmen, die Stadt sei nicht einfach eine Stadt, sondern ein „Gefühl“. Da lauern dann immer auch Karnevals-Schunkelei, Kamelle und eine selbstverliebte Besoffenheit über die schönste Stadt der Welt um die Ecke.
Natürlich hat Kermani mit dieser Art von Kölsch-Seligkeit nichts am Hut, obwohl die Stadt seit seiner frühesten Kindheit ein Sehnsuchtsort war. Es begann mit vier Jahren, als der in Siegen geborene Navid seine bis heute bekennende Liebe zum 1. FC Köln entdeckte. Nach einer Klassenfahrt, bei der er erstmals die Spitzen des Doms sah, war für den Siegerländer-Jungen klar, da will ich leben.
Den Wunsch hat er sich erfüllt. Kermani lebt dort, wo Köln auch weh tun kann, wo das viel beschworene Gefühl schmerzhaft ist: am Eigelstein, einem Viertel nahe des Hauptbahnhofs, das seit Jahren an Problemen – Armutsprostitution, Drogenkriminalität, Aggressionen jugendlicher Migranten – zu ersticken droht.
Kermanis Köln ist nicht das der touristischen Hochglanzwerbung. Dennoch die Zuneigung zu der Stadt ist geblieben. Das belegen die Texte, die in dem schmalen Buch versammelt sind. Die meisten sind schon vor Jahren an anderer Stelle erschienen. Eine Mischung aus Miniaturen über die Schönheit der romanischen Kirchen, Erstaunen und Bewunderung für das Domfenster des weltberühmten Gerhard Richter.
Dazu eine Rede 2018 zum siebzigsten Geburtstag des 1. FC Köln („ E Jeföhl, dat verbingk“), eine Hommage an den Kölner Konrad Adenauer mit dem Eingeständnis: Viel zu lange sei er allzu kritisch mit dem ersten Kanzler der Republik umgegangen. Und auch eine Liebeserklärung an seinen türkischen Veedels-Buchhändler, der sich in seinem Angebot literarischen Moden verschloss und nur guten Gewissens anbot, was er für lesenswert hielt.
In einem Interview mit Joachim Frank, dem Chefkorrespondenten des Kölner Stadtanzeiger, das in dem Band abgedruckt ist, beklagt sich Kermani über die Lieblosigkeit, mit der Verwaltung und Bürger ihre Stadt verkommen lassen. Als sei es ein Naturgesetz, dem man sich nicht widersetzen könne. Später hat er in der gleichen Zeitung seine pessimistische Sicht ein wenig korrigiert und das Positive in der kölschen Mentalität hervorgehoben: „Lieber unter Gutmenschen leben als unter Zynikern.“
Der Autor versammelt in seinen Texten die ganze Widersprüchlichkeit der Stadt, die sich am liebsten als „schönste der Welt“ versteht. Dass sie dabei von einem Chaos in das nächste stürzt (Desaster um die mehr als ein Jahrzehnt verspätete Fertigstellung der Opern-Renovierung , Einsturz des Stadtarchivs 2008 bei U-Bahn-Arbeiten), hat für den Autor System, das in der Mentalität der Kölner begründet ist.
Kermani, der Wunsch-Kölner, steht mit seinem zwischen Zuneigung und Entsetzen wechselnden Blick auf das „hillige Köln“ in einer großen Tradition: In der des geborenen Kölners und Literaturnobelpreisträgers Heinrich Böll und dessen gespaltener Zuneigung zu seiner Heimatstadt. Nur: „E Jeföhl“ war Köln für Böll nie. Die Stadt, in der er 1917 geboren wurde, war für ihn nie wirklich greifbar. „Köln“, hat er einmal gesagt, „gibt es schon. Aber es ist ein Traum.“ Nicht nur ein schöner.
Navid Kermani, KÖLN – E JEFÖHL, C.H.Beck-Verlag, 174 Seiten, 23 Euro













