Zugegeben, als Leser muss man sich an die „Pendelchronologie“(FAZ-Rezensent Haniman) zwischen Zwischenkriegszeit und Okkupationszeit in Paris erst gewöhnen, aber mit der Zeit fesselt einen Uwe Neumahr mit seinem Buch „Die Buchhandlung der Exilanten“ so sehr, dass man das neue Werk des Romanisten nur ungern zur Seite legt. Im Mittelpunkt seiner Schilderungen stehen vor allem zwei Frauen und ihre beiden Buchhandlungen, die mit Beginn der Besetzung der französischen Metropole 1940 durch die Nazis zum Zufluchtsort vieler Schriftsteller im Exil werden, damit sie nicht in die Hände der gefürchteten Gestapo fallen.
Es ist die wirklich lesenswerte Geschichte zweier Buchhändlerinnen, die zugleich Verlegerinnen sind, die eine ist die Französin Adrienne Monnier und die andere die Amerikanerin aus Baltimore, Sylvia Beach. Beide Buchläden liegen gegenüber an der Rue de L´Odeon, das“ La Maison des Amis des Livres“, das Haus der Buchfreunde, vor allem für Freunde der französischen Literatur, und das andere „Shakespeare and Company“ , das sich in erster Linie auf die Verbreitung und Übersetzung englischsprachlicher Werke spezialisiert hat. Die beiden Frauen sind nicht reich, sie müssen oft genug schauen, dass sie über die Runden kommen und dennoch helfen sie den Literaten in ihrer Not und gefährden sich selbst.
Der Autor hat sich Originalbriefe angeschaut, Aufzeichnungen von Tagebüchern gelesen, Archivstudien betrieben, er beschreibt die Entwicklung der kulturellen Salons und Treffpunkte der literarischen Avantgarde in den 20er Jahren. Namen wie James Joyce, Ernest Hemingway, Pablo Picasso, Jean-Paul Sartre, Simone de Beauvoir schmücken die Szene in Paris, es ist friedlich in der Zeit zwischen den Kriegen, etwas wild, manchmal verrückt, die Lust zum Leben erreicht einen Höhepunkt. Und dann wird aus den Salons der Zufluchtsort für Schriftsteller. Man darf daran erinnern, dass sie schon 1933 Deutschland verlassen haben Richtung Paris, im Hitler-Deutschland konnten sie sich nicht mehr sicher sein. Aber ab Juni 1940 wird die Lage für alle brenzlig, als die Nazis Paris besetzten, der Krieg gegen Frankreich war beendet(vorerst) und es konnten nicht mehr alle Bücher veröffentlicht werden, der Markt für Lesenswertes wurde enger, manches verboten, aus dem Verkehr gezogen.
Buchhandlungen als Orte des geistigen Widerstands, aber so angelegt, dass sie nicht sofort den Nazis auffielen, kein einfaches Leben. Die beiden Buchhändlerinnen unterstützten vom Nazi-Regime verfolgte Autoren finanziell, obwohl sie selber nicht viel hatten, boten Unterschlupf und organisierten die Flucht für einen wie Walter Benjamin, Gisele Freund und Siegfried Kracauer. Sylvia Beach landete in Gestapo-Haft. Literatur im Exil, im Widerstand gegen ein brutales Regime, das verfolgt, foltert, töten lässt.
Sylvia Beach, die Buchhändlerin des „Shakespeare and Company“, traut sich Joyces Buch „Ulysses“ in den 20er Jahren zu verlegen, wozu andere nicht den Mut haben, das Werk gilt als verpönt. Und der selbst- wie trunksüchtige Joyce dankte ihr für ihren Mut nicht. Vielmehr trotzte er der Frau, die ihm in der Not geholfen und zu seinem Ruhm beigetragen hatte, die Rechte am Roman ab, beschimpfte und beleidigte sie, als sie zögerte. Sylvia Beach verehrte ihn trotz allem und verzieh ihm. Ihre Worte: „Der Ulysses gehörte ja schließlich Joyce. Ein Baby gehört seiner Mutter und nicht seiner Hebamme, nicht wahr?“
Hemingway, das ist bekannt, war dabei, als Paris im August 1944 befreit wurde. Unter den Alliierten hatte man General de Gaulle den Vortritt gelassen, als die Deutschen schließlich die Flucht antraten. Ernest Hemingway eilte in die Rue de l`Odeon im 6. Arrondissement in Paris, sein Ziel: die Buchhandlung „Shakespeare and Company“. Und Hemingway, der Mann zwischen Schriftsteller und Soldat, der spätere Nobelpreisträger, hatte auch den Keller im Ritz befreit, gemeint den Weinkeller.
Ich habe vor wenigen Jahren Neumahrs tolles Buch „Das Schloss der Schriftsteller. Nürnberg 1946“ gelesen. Das Buch über die Buchhandlung der Exilanten ist mindestens ebenso außergewöhnlich, sehr lesenswert, und ja, es ist anspruchsvoll, es verlangt, wie es ein Kollege kommentierte, ein „hohes Maß an Konzentration“. Billige Unterhaltung darf man von Uwe Neumahr nicht erwarten. Zum Glück.













