Roland Günter wird am 21. April neunzig. Zu diesem Anlass sollten wir einmal über die Themen nachdenken, die ihn und seine, im vergangenen Jahr verstorbene Ehefrau Janne, beschäftigt haben. Diese Themen sind heute noch aktuell – besonders im Ruhrgebiet.
Abriss, Stadtzerstörung, Gleichgültigkeit, Ohnmacht gegenüber den großen Konzernen – genau diese Strukturen haben Janne und Roland Günter bekämpft. Für Anerkennung und Wertschätzung der Arbeitersprache und Wohnkultur, für eine sanfte Sanierung historischer Viertel, für die Industriekultur überhaupt, für eine Diskussionskultur und für ungewöhnliche Kreativität und Vielfalt haben sie sich lebenslänglich eingesetzt – und zahlreiche Erfolge gefeiert.
Am bekanntesten sind Janne und Roland Günter für ihre Rolle bei der Rettung der ältesten Arbeitersiedlung im Ruhrgebiet, Eisenheim. Der Kampf um die Erhaltung der heute denkmalgeschützten Siedlung dauerte acht lange Jahre – und dies war nicht die einzige solche Initiative: die Günters und ihre Mitstreiter haben in den 1970er Jahren nicht weniger also 47 vernetzte Bürgerinitiativen beraten und betreut.
Weniger in Erinnerung sind die Günters Verbindungen und Aktionen in Bonn in den 1960er Jahren. Dank ihrer Eigeninitiative wurde zum Beispiel verhindert, dass eine Autobahn durch die Altstadt gebaut wurde. Die damals jungen Eltern von zwei kleinen Töchtern beteiligten sich an allen wichtigen kulturellen und wissenschaftlichen Ereignissen, die es eben gab.
Obwohl Janne und Roland beide aus dem Kreis Lippe stammten, hatten sie sich erst in Italien kennengelernt. Dort war Roland in seinen jungen 20er Jahren Reiseführer. In Italien verliebten sie sich ineinander und es folgte eine Verlobung und eine ein-Jahr-lange Hochzeitsreise nach Istanbul, wo Roland ein Stipendium hatte. Später in Bonn unterhielt Janne die junge Familie von ihrer Arbeit als Apothekerin – Roland promovierte bald in Kunstgeschichte unter Prof. Dr. Werner Groß.
Roland Günter arbeitet zunächst in der Denkmalbehörde in Bonn und war nach eigenen Angaben ein erstaunlich effektiver Inventarisator. In Mülheim a.d. Ruhr und Oberhausen hat er frühe Inventarisationen fertiggestellt, wohl nicht wissend, dass diese bald das Zentrum seines lebenslange Wirkens werden würde. An diesen Orten ist die Wertschätzung der Industriekultur praktisch und denkerisch von ihm entwickelt worden.
Roland Günters Entscheidung, mit der Familie in eine vom Abriß bedrohte Arbeitersiedlung einzuziehen, war für die damalige Zeit eine Sensation – ähnlich wie Martin Luther King Jr., der nur wenige Jahre zuvor mit seiner Familie in eine Chicago Slum-Viertel eingezogen war.

Roland Günter stand für eine Erweiterung der Denkmalpflege – von den traditionellen ‚Kirche, Burg und Schloss‘ hinaus bis auf Industrieanlagen wie den Gasometer und den Landschaftspark Nord in Duisburg. In all diesen Entwicklungen stand er mittendrin.
Noch weiter, wie in Jannes Buch „Leben in Eisenheim“ geschildert wird, würdigten die beiden auch die sozialen Verbindungen in Wohnvierteln. All dies sollte gründlich beschrieben und erhalten bleiben.
Auch in Amsterdam war Roland Günter war mit genauso vielem Geist und Engagement tätig und konnte mit einer Gruppe Mitstreitern unter anderem verhindern, dass die historischen Grachten der Innenstadt gefüllt und zu Parkplätzen gemacht wurden. Hier konnte er, dank seines fließenden Niederländischs und dank einer sehr günstig erworbenen Wohnung später auch habilitieren.
An vielen anderen Kämpfen hat sich Roland Günter meist erfolgreich beteiligt – zum Beispiel hat sich er in Lemgo gegen eine massive Stadtzerstörung quergestellt. Er argumentierte heftigst mit dem Stadtplaner und konnte so den mittelalterlichen Charakter der Innenstadt erfolgreich erhalten. Man gab ihn nicht ohne Grund den Spitznamen, „Orlando Furioso.”
Gleichzeitig übte Roland seine Profession als Hochschullehrer für Kunstgeschichte in Bielefeld aus. Und jeden Sommer für 50 Jahren lebten die Günters, zahlreiche Studenten und andere Gäste in ihrem Haus in einer mittel-alterlichen Burgstadt in der Toskana, Anghiari. Dort ist Roland mit seinem fließenden Italienisch heute noch Ehrenbürger. Hier ergaben sich eine Fülle an geistvolle Initiativen und Projekten – kultureller Austausch von beiden Seiten.
Die für Familie Günter wohl prägendste Verbindung in Italien war eine jahrzehntelange Freundschaft mit dem berühmten Dichter und Drehbuchautor, Tonino Guerra. Zusammen schufen sie Poetische Orte – in Italien in den Apenninen und in Deutschland in Troisdorf und Eisenheim.
Überhaupt waren Roland und Janne Günter mit bewegenden Persönlichkeiten ihrer Zeit eng verbunden: Marianne Weber, Friedrich Heer, Richard Neutra, Robert Jungk, Richard Hess Erasmus Schöfer, Hilmar Pabel, Werner Panthon, Knut und Dorothea Schlegtendahl, Peter und Karin Dellemann, Hans und Ursula Daniels, Niklaus Fritschi, Christoph Zöpel, Horst Wolfframm, Axel Seyler und viele andere.
Durchgehend haben Janne und Roland Günter geschrieben und publiziert. Reiseführer haben sie geschrieben für Köln, Oberhausen, mehrere Regionen in Italien – sogar ein Buch über Sachsen-Anhalt. Bücher über Kunsttheorie und Stadtplanung haben sie zustande gebracht, vieles in Zusammenarbeit mit anderen. Ein zwei-bändiges Verzeichnis der im Ruhrgebiet gedrehten Filme bildete eine Basis für die jüngste Ausstellung in Essen Zollverein,
„Glückauf, Film ab!“. Rolands Buch, „Fotografie als Waffe“ war eine frühe Lektüre über die politische Macht der Fotografie.
Sein erfolgreichstes Buch, „Im Tal der Könige“ war das essenzielle Buch für die IBA-Emscher Park – ein Projekt, so soll Karl Ganser gesagt haben, das ohne Rolands Erfolg in Eisenheim nicht möglich gewesen wäre.
Diese Tätigkeiten ließen mit der Pensionierung nicht nach. Roland wirkte 13 Jahre lang als Vorsitzender des deutschen Werkbunds, gab über 30 Publikationen heraus und plante die Feier des 100-jährigen Bestehens. Zeitgleich setzte er sich für die Erhaltung des Bauhaus Gebäudes in Dessau aktiv ein. Der Erhalt der Scharoun-Schule in Marl, auch mit Weiternutzung als Schule, soll auch im wesentlichen Roland Günter zu verdanken sein.
In den letzten Jahren seines langen Lebens hat sich Roland seinem Vermächtnis gewidmet – ein Wahrzeichen mit musealem Charakter in seiner geliebten Siedlung Eisenheim, „Das Blaue Haus der vielen Bücher“ (Architekt, Bernhardt Küppers). Hier sinnt, schreibt, diktiert und philosophiert er bis heute.
Roland Günter kenne ich persönlich seit sieben Jahren. Er ist ein Mensch, der sich nicht beschränken läßt. Er setzt sich höchstpersönlich für Themen ein, die er für wichtig hält, ohne Angst vor den Folgen. Er schätzt Lebensqualitäten und Szenarien. Zu seiner Person gehören unzertrennlich die Musik, Philosophie und Dichtung.
Roland Günter wurde 2012 mit dem italienischen „Premio Rotondi“ für den Erhalt historischer Schätze geehrt. In 2025 erhielt Roland Günter vom Ministerpräsidenten Hendrick Wüst den Landesorden NRW, den Roland sofort seiner Frau gewidmet hat.
Zum Autor: Cambell Thibo, freischaffender Künstler und Musiker stammt aus Seattle und New York, USA entwickelt und belebt seit 2019 lyrische Orte in und um der Siedlung Eisenheim.
Bildquellen:
Titelbild: Rainer Halama – Eigenes Werk, CC BY-SA 3.0, vi Wikimedia Commons
Bild von Roland Günter: Rainer Halama, CC BY-SA 3.0, via Wikimedia Commons












