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Biologische Kriegführung mit Grashüpfern und Blattläusen? Wissenschaftler warnen vor Forschungsprojekt der US-Regierung

In den USA wird eifrig geforscht, besonders, wenn es lukrative Fördergelder gibt. Ein mit 27 Millionen US-Dollar prall gefüllter Topf steht derzeit für Wissenschaftler bereit, die sich mit Grashüpfern, Weißen Fliegen und Blattläusen auskennen. Ausgelobtes Ziel ist die Veränderung des Erbguts von Nutzpflanzen im Freiland. Das Werkzeug dafür sind genetisch veränderte Viren, und die Insekten sollen als Transportmittel dienen.

Schön und gut, mag man sagen. Doch der Auftraggeber für dieses ehrgeizige Programm ist das US-Verteidigungsministerium, und das macht doch immerhin stutzig. Auf den ersten Blick will ja nicht recht einleuchten, welches Interesse das Pentagon an den Nutzpflanzen auf unseren Äckern hat.

Wissenschaftler aus Deutschland und Frankreich mögen sich eben diese Frage gestellt haben, als sie das aufwendige Forschungsprojekt genauer unter die Lupe nahmen. Das Ergebnis ihrer Analyse ist alarmierend. Sie warnen vor der Gefahr des Missbrauchs der Forschung zur biologischen Kriegführung, sprich: dem Einsatz von Insekten als Kriegswaffen.

Der Projekttitel ist bezeichnend. Er lautet „Insect Allies“, was soviel heißt wie alliierte oder verbündete Insekten. Die sollen Pflanzenviren auf landwirtschaftliche Nutzpflanzen übertragen, deren Erbgut die Viren wiederum mittels der sogenannten Genomeditierung verändern. „Auf diese Weise ließen sich bereits auf den Feldern wachsende Pflanzen wie Mais oder Tomaten schnell und in großem Stil genetisch verändern“, erläutern die Wissenschaftler des Max-Planck-Instituts für Evolutionsbiologie in Plön sowie der Universitäten Freiburg und Montpellier.

Im Fachmagazin Science weisen Biologen und Völkerrechtler gemeinsam auf die Risiken hin. Ein solches System könne relativ leicht manipuliert und als biologische Waffe eingesetzt werden. „So könnten Gene beispielsweise funktionsuntüchtig gemacht werden – was in der Regel leichter ist als ihre Optimierung. Das Verfahren muss also nicht einmal weiterentwickelt werden, es reicht aus, es zu vereinfachen, um es als Waffe einsetzen können“, so Guy Reeves vom Max-Planck-Institut in Plön.

Reeves äußert den Verdacht, dass das Insect-Allies-Projekt nicht friedliche Zwecke, wie von der B-Waffenkonvention gefordert, zum Ziel hat. Die Rechtswissenschaftlerin Silja Vöneky aus Freiburg kommt in der völkerrechtlichen Bewertung zu eben diesem Schluss. Entscheidend sei, ob ein biologisches Forschungsprogramm nur friedlichen Zwecken dient. Das Übereinkommen über das Verbot biologischer Waffen verbiete den über 180 Vertragsstaaten unter allen Umständen die Entwicklung, Produktion oder den Erwerb von Stoffen (Agenzien und Toxinen) von Arten und in Mengen, „die nicht durch Vorbeugungs-, Schutz- oder sonstige friedliche Zwecke gerechtfertigt sind“. Darüber hinaus verbiete das Übereinkommen die Entwicklung oder Herstellung von „Waffen, Ausrüstungen oder Einsatzmitteln, die für die Verwendung solcher Agenzien oder Toxine für feindselige Zwecke oder in einem bewaffneten Konflikt bestimmt sind“. Die Autoren argumentieren, dass es sich bei den zum Übertragen der Viren verwendeten Insekten um verbotene Einsatzmittel im Sinne des Übereinkommens handelt. Ihrer Meinung nach gibt es keine plausiblen Gründe, Insekten zur Verbreitung von Genmaterial einzusetzen.

Zum fachlichen Hintergrund erläutern sie die Möglichkeiten der Genomeditierung, das Erbgut von Nutzpflanzen zu verändern: Pflanzen können auf diese Weise ertragreicher oder unempfindlicher gegen Schädlinge und Trockenheit werden. Solche Eingriffe ins Erbgut können bislang jedoch nur im Labor vorgenommen werden – wachsen die Pflanzen erst einmal auf dem Feld, ist es dafür zu spät. Bei unerwarteter Dürre oder Schädlingsbefall müssen Landwirte also auf neues Saatgut für die nächste Erntesaison warten.

Die bisher von der Forschungsbehörde des US-Verteidigungsministeriums (DARPA/ Defense Advanced Research Projects Agency) ausgewählten Institutionen haben in Pressemitteilungen angekündigt, dass die Technik bis zum Ende des vierjährigen Programms in großem Stil in Gewächshäusern einsetzbar sein soll.

In öffentlichen Stellungnahmen weist die DARPA darauf hin, dass die Erkenntnisse aus dem Insect-Allies-Programm vor allem in der Landwirtschaft eingesetzt werden soll, zum Beispiel um Nutzpflanzen vor Dürre, Frost, Überschwemmung, Pestiziden oder Krankheiten zu schützen. Allerdings müssten die Zulassungsverfahren für genetisch veränderte Organismen in vielen Ländern für den Einsatz einer solchen Technologie umfassend geändert werden. Von der Verwendung solcher Verfahren wären zudem auch Landwirte, Saatguthersteller und nicht zuletzt die Öffentlichkeit massiv betroffen. „Über den Sinn und die möglichen Konsequenzen dieser Technik“, bemängelt Guy Reeves, „gibt es bislang so gut wie keine öffentliche Diskussion“. Die jedoch, „eine breite gesellschaftliche, wissenschaftliche und rechtliche Debatte“, halten die Wissenschaftler für „dringend angebracht“.

Da bereits eine Vereinfachung des Programms genutzt werden könne, um Pflanzen zum Absterben zu bringen, könnte das Insect-Allies-Programm als Verstoß gegen die B-Waffenkonvention angesehen werden, „wenn die friedlichen Zwecke nicht plausibel sind – denn es handelt sich dabei um eine Technologie, die leicht zur biologischen Kriegsführung genutzt werden kann“, erklärt Vöneky. Die Autorinnen und Autoren befürchten zudem, dass das Programm andere Staaten dazu animieren könnte, eigene Forschungsaktivitäten auf diesem Gebiet zu verstärken.

Bildquelle: Robert Webster / xpda.com / CC-BY-SA-4.0, via Wikipedia

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Petra Kappe
Über  

Die promovierte Medienwissenschaftlerin arbeitete mehr als 20 Jahre in der Politikredaktion der Westfälischen Rundschau. Recherchereisen führten sie u. a. nach Ghana, Benin, Bosnien-Herzegowina, Kroatien, China, Ukraine, Belarus, Israel und in das Westjordanland. Sie berichtete über Gipfeltreffen des Europäischen Rates, Parteitage, EKD-Synoden, Kirchentage und Kongresse. Parallel nahm sie Lehraufträge am Institut für Journalistik der TU Dortmund sowie am Erich-Brost-Institut für Internationalen Journalismus in Dortmund wahr. Derzeit arbeitet sie als freie Journalistin.


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