Heimkehrer aus der Kriegsgefangenschaft 1948

Der Jazz trieb uns den Marschtritt aus dem Leib – Krieg und Nachkrieg im Werk von Dieter Wellershoff

Anlässlich des  Jahrestages des Zweiten Weltkriegsendes, der bedingungslosen Kapitulation der deutschen Wehrmacht und der Befreiung von der nationalsozialistischen Herrschaft werden wir wieder viele Beispiele einer salbungsvollen, abgehobenen Erinnerungsrhetorik erleben; gerade von denen, die heute geschichtsvergessen von einer neuen Verantwortung Deutschlands in der Welt fabulieren und dabei auch militärische Optionen nicht ausschließen. Es mutet seltsam an, mit welcher Selbstverständlichkeit in einigen Medien schon wieder Kriegsszenarien durchgespielt und damit die Errungenschaften der Entspannungspolitik mit dem Osten desavouiert werden.

In dieser Situation kann es hilfreich sein, die deutsche Nachkriegsliteratur noch einmal in Erinnerung zu rufen, spiegelt sie doch wie kein anderes Medium das nationale Debakel und die desaströse geistig-moralische Befindlichkeit der Bevölkerung in der „Stunde Null“ wider. Trümmer- und Kahlschlagsliteratur hat sie sich selbst genannt, womit sie zugleich auf die zerstörten deutschen Städte reflektierte wie auf das Erfordernis, mit literarischen Traditionen zu brechen und aus dem Nichts etwas Neues zu schaffen. Der Schriftsteller Dieter Wellershoff (Jahrgang 1925) hat als junger Mann diesen Krieg erlebt und überlebt, und es brauchte eine längere Zeit, bis er seine Erlebnisse verarbeiten konnte. Er war nicht der Erste, der darüber schrieb – dafür war er 1945 noch zu jung; aber kaum ein anderer unter den deutschen Literaten hat  so viel für die Aufarbeitung dieser Erfahrungen und für die Aufklärung über das nationalsozialistische Regime geleistet wie er.

Dieter Wellershoff zählt zu den bedeutendsten Schriftstellern Deutschlands nach dem Zweiten Weltkrieg; gleichwohl reiht er sich selbst nicht in die Nachkriegsliteratur ein, wofür er folgende Erklärung abgibt:

Als ich zu schreiben begann, war die Kriegsliteratur von älteren Autoren – Böll, Bender, Richter, Andersch und Plivier – bereits geschrieben, und es war nicht mehr möglich, noch ein eigenes Kriegsbuch nachzureichen, obwohl die Erfahrungen meiner Altersgenossen, also der Jahrgänge, die im Nazireich aufgewachsen waren und mit 17 bis 19 Jahren in dessen militärischen Zusammenbruch gerieten, ganz eigene Aspekte haben. Doch im Fahrplan der Nachkriegsliteraturgeschichte war der Zug abgefahren, als meine Generation auf den Bahnsteig kam. So blieb uns nichts anderes übrig, als die Erfahrungen in sich aufzuheben und vielleicht sogar zu vergessen. („Der Flug der Taube“)

Sein „Kriegsbuch“ wird Wellershoff erst  Jahrzehnte nach Kriegsende schreiben: „Der Ernstfall. Innenansichten des Krieges“ erscheint 1985. Doch bereits seit Ende der 1970er Jahre meldete er sich immer wieder zu Wort, wenn es um diesen Krieg ging und die bitteren Lehren, die er aus ihm gezogen hatte. In seinen „Autobiographischen Schriften“  ist der große, mehrteilige Essay mit dem Titel „Die Arbeit des Lebens“ enthalten, der zwei Abhandlungen über seine Kriegs- und Nachkriegserfahrungen aufbewahrt. Sie lesen sich wie ein politisches und zeitgeschichtliches Vermächtnis, das er den nachfolgenden Generationen hinterlässt; (bezeichnenderweise hat er diese Schrift seinen drei Kindern gewidmet). Wellershoff hat insofern eine Sonderstellung unter den deutschen Schriftstellern der Nachkriegsepoche inne, als er wie kaum ein anderer hat das Miterlebt-Haben des Krieges zum Ausgangspunkt der politisch-historischen Analyse und Reflexion gemacht.  Wellershoff hatte nichts zu verschweigen oder zu verdrängen: daraus, dass er sich freiwillig zur Division Hermann Göring (als von ihm so gesehene Alternative zur Waffen-SS) gemeldet hatte, hat er kein Hehl gemacht; es entsprach der allgemeinen Stimmung unter der jungen Generation, die sich durch die Teilnahme am Krieg bewähren wollte – fast alle seine Schulkameraden sind dieser „inneren Aufforderung“ gefolgt. (Dadurch unterscheidet sich Wellershoff u.a. von Günter Grass, der zur Waffen-SS ging und erst nach Jahrzehnten seine Mitgliedschaft eingeräumt hat).

Wellershoffs relativ spätes Schreiben über seine Kriegserfahrungen hatte mit seinem jungen Lebensalter in den ersten Nachkriegsjahren, also seiner Generationszugehörigkeit, wie auch damit zu tun, dass es in einem „zweiten Anlauf“ des Schreibens über den Krieg eines öffentlichen Interesses bedurfte, um wahrgenommen zu werden. Aus einem Gespräch mit Stephen Lebert und Norbert Thomma erfährt man noch einen anderen interessanten Aspekt über das späte Schreiben, der eher ästhetische Fragen berührt:

Sie haben Ihre Erinnerungen an den Krieg erst nach 50 Jahren aufgeschrieben. Wollten Sie nicht früher, konnten Sie nicht?

„Beides. Ich bin aber froh, daß ich gleich nach dem Krieg nicht in der Lage war, ein Buch über den Krieg zu schreiben.“

Warum?

„Weil damals ein starker Konformitätsdruck herrschte. Man mußte moralisierend schreiben. Mit gestellten, moralisierungsfähigen, exemplarischen Situationen. Als ich 50 Jahre nach dem Krieg mein Buch ‚Der Ernstfall‘ schrieb, konnte ich ein phänomenologisches Buch schreiben, ohne inszenierte Situationen, ohne Retuschen.“

Wellershoffs kritisches Verhältnis zur Nachkriegsliteratur lässt sich am Beispiel von Wolfgang Borcherts Stück „Draußen vor der Tür“ nachvollziehen. So berichtet er von einem „Erweckungserlebnis“, als er zusammen mit Kommilitonen des Bautrupps (die zerstörte Universität in Bonn musste erst wieder aufgebaut werden) am 13. Februar 1947 – für ihn das „Initiationsdatum der deutschen Nachkriegsliteratur“ – im Rundfunk dieses Stück hörte. Das Stück … sprach auf eine bisher ungehörte, leidenschaftliche Weise von den Verheerungen des Krieges, von der Verlorenheit der Überlebenden und von heimatloser Heimkehr. Es stellte den Alptraum eines Heimkehrers dar, der seinen Erinnerungen nicht entkommt und überall vor verschlossenen Türen steht, und der zum Schluß, als er erwacht, die ins Leere verhallende Frage schreit, wozu er denn leben soll?

Ich weiß noch, was ich empfunden habe: Es war eine Mischung aus erstauntem, befreitem Aufhorchen und leiser Beschämung. Dies war der erste Vertreter der Kriegsgeneration, der unüberhörbar von seiner Erfahrung sprach, und das machte mir auf einmal deutlich, daß, verglichen mit dieser Stimme, alle anderen, auch ich, sprachlos dahinlebten. Jahrelang hatten wir auf den Ausdruck unserer Erfahrung verzichtet. Aus dieser Gewohnheit war schon eine Lähmung geworden. Man konnte die Stummheit vielleicht als praktische Lebensbewältigung zu rechtfertigen versuchen, aber sie war auch blind und angepaßt. Borchert rüttelte mich daraus auf. Nicht so sehr durch das, was er sagte. Das glaubte ich nur oberflächlich. In Wahrheit entsprach die todessüchtige Verzweiflung der Heimkehrerfigur … nicht meinem eigenen Lebensgefühl. Doch der Impuls, mit dem Borchert sprach, elektrisierte mich. Ich wollte auch wieder schreiben.“

Borcherts Stück und die Lektüre seiner Kurzgeschichten motivierten den jungen Wellershoff zunächst zum Nacheifern. Doch nach eigenen Schreibversuchen hatte er erkannt, dass es das Falsche war. Mein Vorbild erschien mir auf einmal als sentimentale Erbauungsliteratur am Rand des Kitsches.  Und in einem späteren Interview spricht er von Pathetisierung im Hinblick auf Borchert und kritisiert das Moralisierende in der Nachkriegsliteratur, von der er sich kritisch absetzte. Nicht aber, ohne für die „durchgehende Schwäche“ der Nachkriegsliteratur eine objektivierende Erklärung zu haben; so heißt es im Essay „Erinnerungsarbeit“: Alle diese Romane, Erzählungen und Stücke wurden geschrieben innerhalb eines von der historischen Situation vorgegebenen Distanzierungsprogramms, das unter dem Eindruck der Kriegsverbrechen und der Verheerungen des Krieges entstanden war und als ein kollektiver Konsens die Themen und Perspektiven der nun entstehenden Nachkriegsliteratur bestimmte. Diesem Distanzierungsprozess war es Wellershoff zufolge geschuldet, dass übertriebenes Pathos und angestrengtes, didaktisch wirkendes Bemühen der Autoren, ihre Erfahrungen ins Exemplarische und Symbolhafte zu überhöhen.

Was Wellershoff in seinen frühen Bonner Studienjahren hingegen interessierte und anzog, war etwas völlig anderes, und das brachte ihn auch gleich in einen Gegensatz zu weiten Teilen der Nachkriegsliteraten: Es waren Heidegger und Sartre, die mit ihren philosophischen Kerngedanken die existentielle Lage vieler Kriegsheimkehrer beschrieben hatten, indem sie das eigene Sein-können vor dem Hintergrund des Nichts, der Zufälligkeit und des Todes thematisieren; und Freuds Psychoanalyse, die ihm eine neue Sicht des Lebens und des Menschen erschließt;  dann Sartres Roman „Der Ekel“, der den Blick auf krisenhafte Prozesse oder Momente chaotischer Orientierungsverluste als Gegenstand literarischer Verarbeitung lenkt; und Autoren wie Hamsun, Faulkner, Claude Simon oder der Nouveau Roman aus Frankreich, die Anregungen für eigene ästhetische Entwürfe enthalten.  Derartige Erfahrungserweiterungen und Innovationen waren für mich immer Ereignisse von Krisen, in denen die Denkgewohnheiten erschüttert oder zerstört wurden, und die Darstellung solcher Vorgänge waren in meinen Augen die Höhepunkte der Literatur.

Vorlieben wie diese bescherten Wellershoff immer wieder kontroverse Diskussionen mit Vertretern der literarischen und literaturwissenschaftlichen Profession (u.a. mit Max Bense), die ihn dazu veranlassten, seine Positionen auszuarbeiten und zu schärfen. Die daraus entstandenen Essays über Literatur und das Schreiben bezeichnet er als seinen persönlichen Anteil an einem allgemeinen Dilemma der deutschen Nachkriegsliteratur, die nicht mehr auf unbefragten Traditionen und Selbstverständlichkeiten ruhte, sondern ständig unter Legitimationszwängen litt.

Wiederholt bezeichnet Wellershoff die Bonner Jahre als seine „Stunde Null“, sehr wohl wissend, dass es sie historisch nicht gegeben hatte. Doch hinsichtlich der Bildungsvoraussetzungen, mit denen ich im Frühjahr 1947 zu studieren begann, muß ich diesen Begriff für mich in Anspruch nehmen. Während gemeinhin die „Stunde Null“ als Synonym für den Neubeginn steht, aber untrennbar auch für den Schlußstrich, das Vergessenwollen, das Verdrängen und die Leugnung von Mitschuld, also eine Formel für tabula rasa, so keinesfalls bei Wellershoff. Wenn er von der „Stunde Null“ spricht, dann bezeichnet er eine motivierende, befreiende Ausgangssituation, in der man nichts Wesentliches mehr zu verlieren, aber alles zu gewinnen hatte. Erlebt und aus der Distanz reflektiert hat er die frühen Jahre als Befreiung von Ohnmacht und Fremdbestimmung, und er sieht es als bleibendes existentielles Privileg an, den totalen Zusammenbruch eines Machtstaates und eines kollektiven Wahns hautnah … erlebt zu haben. Eine Befreiung, die die Erinnerung an eine einzigartige Menschenvernichtungsindustrie mit ihrer vielfältig verästelten Volksgemeinschaft aufbewahrt, abgestuft in die Planer und Befehlsgeber, die ausführenden Täter und Mittäter, die Nutznießer, die schweigenden Mitwisser und die unzähligen Verdränger, die das eine oder andere gehört und gesehen hatten und sich gehütet haben, Fragen zu stellen.

Die massenpsychologische Situation dieser Zeit beschreibt er als eine diffuse, in der sich Ressentiment und Unbelehrbarkeit mischten mit dem Gefühl von Lähmung; dumpfer Fatalismus gesellte sich zum Wunsch, alles hinter sich zu lassen und sich schnell zu arrangieren. Der Wiederaufbau ging einher mit Verdrängung, und die traditionellen Pathosbegriffe wie Heimat, Gemeinschaft oder Vaterland wurden tabuisiert. Das sogenannte Wirtschaftswunder wurde erlebt als Belohnung für Fleiß und demokratisches Wohlverhalten, wie ein erworbenes Recht auf Wohlstand – sinnfällig im neuen Massenritual der jährlichen Auslandsreise.

Wenn Wellershoff über die Stunde Null als seine zweite Geburt im studentisch-intellektuellen Milieu seiner Bonner Jahre reflektiert, bringt er immer wieder die Existenzphilosophie als das passende Gedankengebäude für diese historische Situation ins Spiel. Denn sie nimmt das Nichts zum Ausgangspunkt, und dieses Nichts war erfahrbar in den ersten Nachkriegsjahren. Auch ihr Freiheitsbegriff entsprach dieser Situation, wenn es emphatisch hieß, daß der Mensch dank seiner Freiheit sich seine eigene Notwendigkeit erschaffen müsse. Nach der Fremdbestimmung durch den totalitären Staat und das Militär wurden kritisches Denken und ein selbstbestimmtes Leben die für mich maßgebenden Werte.

Man war nicht geborgen in einer vernünftigen, wohlgeordneten Welt, nicht bei den allgemeinen Ideen, nicht im behaglichen bürgerlichen Besitz, sondern in der Freiheit, die aus der Berührung mit dem Tod entsprang. Das war die passende Philosophie für die Stunde Null, wie das Kriegsende von vielen genannt wurde. Obwohl es eine Stunde Null in der Geschichte niemals geben kann. Aber das wußte man nicht. Man wollte einen Anfang haben, ganz blank und noch unbeschrieben von neuen Täuschungen. Der Existentialismus war eine heroisierende, individualistische Variante eines Nullpunkt-Denkens und ein intellektuelles Nachgruseln nach dem kollektiven Totentanz.

Und er fährt mit der Beschreibung des neuen Lebensgefühls fort, das aus der Fülle des kulturellen Angebots zu schöpfen begann:

Keineswegs war die Stimmung depressiv, sondern trotz Hunger und Armut getragen von aufgestauter, nun endlich befreiter Lebenslust. Man konnte schlafen gehen ohne Angst und konnte sagen, was man dachte, und so konnte man auch zu denken beginnen. Es war eine Zeit täglicher Entdeckungen. Wir hatten in einem geistigen Vacuum, einer kulturellen Sperrzone gelebt, deren streng bewachte Grenzen endlich gefallen waren. Nun kam auf einmal alles auf uns zu: die moderne Literatur, die Kunst, die Philosophie, der internationale Film, das Theater und vor allem, als eine vitale Stimulierung, die uns eine neue Art äußerer und innerer Bewegung lehrte, der Jazz. Es war eine neue Zivilisation mit neuen Umgangsformen und Lebensreizen. Die Bedeutung des Jazz, der begeistert aufgenommen wurde, weil er am besten unsere Freude ausdrückte, daß der Krieg vorbei war und wir lebten, hatte auch eine motorische wie mentale Dimension: diese Musik trieb uns den Marschtritt aus dem Leib.

Wellershoff zählt sich zur skeptischen Generation, deren geistige Ausrichtung er wie folgt beschreibt:

‚Ohne mich‘ lautete die Formel der Überlebenden, die damals in Deutschland die Uniform auszogen, um nie wieder eine anzuziehen, auch keine innere Uniform mehr, keine kollektiv verordnete Weltanschauung, keine Ideologie. Man hat sie später die ‚skeptische Generation‘ genannt. Dennoch haben viele dieser Skeptiker noch einen letzten nationalen Traum gehegt: die Hoffnung auf ein neutralisiertes Deutschland, das – offen für die Welt – sich auf seine besten kulturellen Traditionen besinnen würde; auf seine Musik, seine Philosophie, seine Dichtung, auf all das, was für sie das wahre Deutschland bedeutete, das in den Jahren der Barbarei sein Gesicht verloren hatte und nun im Windschatten der Geschichte durch freiwilligen Machtverzicht wiedererstehen sollte als ein Land der Humanität, des Friedens, der sublimen Innerlichkeit, in dem das alte bürgerliche Kulturideal der ‚Schönen Seele‘ nun endlich kollektiv erblühen konnte.

Stattdessen brach der Kalte Krieg zwischen den Siegermächten aus. Restdeutschland wurde geteilt und je nach Einflußbereich politisch, militärisch, wirtschaftlich und ideologisch in die gegnerischen Machtblöcke integriert, und zwar hier wie dort mit besonderen Beweis- und Gehorsamspflichten, sozusagen als künftige Musterprovinzen der feindlichen Großreiche.  („Die Arbeit des Lebens“)

Aber auch aus dieser Ernüchterung heraus bewahrt Wellershoff die Erinnerung an das politische Bewusstsein der kritischen Intellektuellen aus jenen Jahren auf, nämlich Lehren aus der Vergangenheit zu ziehen, von denen eine auf ein neutrales Deutschland abzielte. Wie gezeigt, hatte sich dieser Gedanke durch die Blockbildung faktisch zerschlagen. Welche Erfahrungen allerdings für immer prägend sein werden, hat der Autor bei verschiedenen Gelegenheiten hervorgehoben: Die Erfahrung des Krieges ist ein determinierender Hintergrund seines Lebens geblieben; sein Überleben begreift er als Zufall und Geschenk; die Auseinandersetzung mit Informationen, Dokumenten, mit der Wahrheit des Grauens der NS-Herrschaft sieht er als persönliche Verpflichtung an; den Krieg der Alliierten als hoch gerechtfertigt; die Verbrechen in den Vernichtungslagern als historisch singulär; die Niederlage selbst hat Erkenntnischancen geboten, auch die für die falsche Sache gekämpft, die eigene Täuschbarkeit erfahren zu haben und einem Irrtum erlegen zu sein, was ihn immunisiert hat gegen jegliche Ideologie und alles Kollektive; die Ablehnung von Anpassung zugunsten des ausgehaltenen Widerspruchs und der entwickelten Differenz als Wertorientierung im Rahmen einer demokratisch und rechtsstaatlich verfassten Gesellschaft, zu der auch der Mut zur Wahrheit, zu abweichender Meinung, Kritik, Entschlossenheit, Entscheidungsfähigkeit, Selbstbestimmung gehören; und schließlich darf Wellershoff zufolge die kritische Auseinandersetzung mit der eigenen Vergangenheit nicht zur Erinnerungsrhetorik verkommen.

Wie man dieser entgeht, zeigt abschließend ein längeres Zitat, in welchem Wellershoff auf eindrückliche wie eindeutige Weise zur Frage der Schuld Stellung nimmt:

Zum Massentrauma der völligen Niederlage kam bald danach das Entsetzen und die Beschämung über die Leichengruben der Vernichtungslager. Nun gab es keinen Einspruch mehr gegen die Annullierung der Nation, kein Recht mehr, auf das man sich noch berufen konnte. Alle, fast alle Deutschen hatten auf Seite der Mörder gekämpft, und so hatte sich die ganze Nation mit unerträglicher Schuld beladen. Nur wenn sie sich auflöste in 70 Millionen Individuen, konnten die meisten wohl nachweisen, daß sie nicht unmittelbar an den Verbrechen beteiligt waren. Alle Deutschen waren schuldig. Aber was hieß das schon, Deutscher zu sein? Man war Herr Müller oder Schulze, ein kleiner Mitläufer vielleicht, ein einfacher Soldat, möglicherweise verwundet, Invalide, vertrieben oder ausgebombt, also auch ein Opfer.

Das war ein billiger Ausweg aus der Verstrickung in die Gesamtschuld. … Konnte man … die Verantwortung all dieser vielen ohnmächtigen Einzelnen hinaufaddieren bis zum großen schuldigen Kollektivsubjekt Nation? Die Nation war eine unanschauliche, unerlebbare Abstraktion geworden. Man sah sie nicht mehr, sie trat nicht mehr in Erscheinung, weder durch Symbole noch durch Repräsentanten, weder bei festlichen Gelegenheiten noch bei der Sinngebungsarbeit von Artikelschreibern und Rednern. Die starren Gestalten auf der Anklagebank des Nürnberger Prozesses, die als graues Gruppenbild durch die Zeitungen gingen, waren schon ferngerückt, entmachtete, puppenhaft abgelebte Akteure eines Films, der glücklicherweise nicht mehr gespielt wurde und an den man sich mit Schrecken erinnerte, um sich sogleich entschieden der Gegenwart zuzuwenden. Die Gegenwart, die für alle Deutschen mit der Not begann, irgendwo ein paar Kartoffeln und ein paar Briketts zu erwischen und das undichte Dach zu flicken, doch eben auch mit dem Glück dieses begrenzten, bloß praktischen Lebens, an dem man zukünftig, unverführbar durch Ideen und Parolen, festzuhalten gedachte. Mit diesem Rückzug ins Private begann die gegenwärtige Geschichte. („Deutschland – ein Schwebezustand“)

Neben der inhaltlichen Klarheit und Gedankenschärfe des kritischen Intellektuellen, stellt dieser Text auch eine rhetorisch-stilistische Meisterleistung dar. Von Dieter Wellershoff kann man auch lange nach Ende des 2. Weltkriegs und der Befreiung von der nationalsozialistischen Herrschaft lernen, dass und wie man sich an diese Tragödie deutscher Geschichte erinnern sollte.

Bildquelle: Wikipedia, Bundesarchiv, Bild 183-1983-0422-305 / Donath, Otto / CC-BY-SA 3.0, CC BY-SA 3.0 de,

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