Kardinal Meisner

Der Kardinal und die Brüder im Nebel

Die Inszenierung war perfekt, fast eine Spur zu perfekt. Die Namen von Vertuschern wurden geliefert, eine Absolution erteilt und auf offener Bühne Verantwortliche vom Dienst suspendiert.

Die Vorstellung des Gutachtens über sexuelle Gewalt von Priestern gegen Schutzbefohlene in der Erzdiözese Köln war ein Paukenschlag. Jedenfalls für die, die sich von medialen Auftritten einnehmen lassen.

Auf der Bühne standen ein Jurist und eine Juristin, die über 314 Opfer und 202 des sexuellen Missbrauchs Beschuldigte seit 1975 berichteten. 75 Pflichtverletzungen höchster und hoher Würdenträger hatten sie ermittelt. Ein Ausmaß, das die Befürchtungen und die bislang vom Bistum genannten Zahlen weit übertraf.

Auf der Bühne stand ein Kardinal, der sichtlich angegriffen war von der eklatanten Schuld seiner Vorgänger Joachim Meisner und Josef Höffner. Und erleichtert, dass ihm kein juristisch- kirchenrechtliches Vergehen im Umgang mit einem ihm befreundeten Täter, einem Priester, der sich in den 70er Jahren an einem Kindergartenkind vergangen hatte, vorgeworfen werden kann. Dessen Taten hatte er bei Bekanntwerden 2015 nicht nach Rom gemeldet. Der damals hochbetagte, inzwischen verstorbene Priester sei nicht verhandlungsfähig gewesen, beschieden die Juristen und erteilten Absolution.

„Höchste Verantwortungsträger“, so musste Kardinal Rainer Maria Woelki eingestehen,  „auch meine Vorgänger haben sich vielfach klar schuldig gemacht. Nichts geahnt, das ist heute nicht mehr möglich und nicht mehr denkbar …“

Damit verabschiedete er sich von jenem Lügengebäude, das der 2017 gestorbene Meisner über das Ausmaß der Missbrauchs-Delikte aufgebaut hatte. „Nichts geahnt, nichts geahnt“, wies der noch 2015 jegliche Schuld für die, wie es im Gutachten heißt, „systembedingte Vertuschung“ von sich. Und das, obwohl er eine Geheimakte mit dem blumig  verharmlosenden Namen „Brüder im Nebel“ über Vergehen seiner Priester führte.

Meisner der „Ahnungslose“?

„Nichts geahnt, nichts geahnt“, das könnte allerdings zum Bumerang werden für alle, auch für den amtierenden Kardinal, die erst die Augen öffnen wollten, als ihnen die Vertuschung unter dem „System Meisner“ schwarz auf weiß von Juristen präsentiert wurde.

Andere erstaunte das offensichtlich nicht. Den vermeintlichen Paukenschlag werden sie eher als viel zu spätes, müdes Trommelwirbelchen wahr genommen haben. Schon im Januar wunderte sich der Kölner Stadtdechant Robert Klein über das gespannte Abwarten des Gutachtens. „Die Namen sind allen bekannt“, ließ er keinen Zweifel, dass Generalvikare, Personalchefs und Justitiare im System Meisner mitgespielt haben mussten. Und wie selbstverständlich reagierte der in Köln äußerst populäre Sozialpfarrer Franz Meurer auf die Offenlegung der Schuld Meisners: „Der Fisch stinkt immer vom Kopf her.“ Aber der Corpus, das heißt, die Figuren im System Meisner, stanken mit. Und viele wurden von ihm entlohnt, indem er seine Epigonen mit Unterstützung des Vatikans als hohe Würdenträger der deutschen Kirche – zum Ärger vieler seiner Mitbrüder der Bischofskonferenz –  etablierte. Auch das war das System Meisner: Bei sexueller Gewalt von Priestern zulasten der Opfer verdrängen und beim Ausbau seiner Machtstruktur in der Kirche rücksichtslos herrschen. Nach dem Prinzip: „Teilen und Herrschen“. Davon haben viele in seinem Umfeld profitiert.

Einer davon ist Woelki. Seine Aufgabe als ehemaliger Privatsekretär Meisners und Weihbischof in Köln hat ihm – um es vorsichtig zu sagen – für weitere Karriereschritte nicht geschadet. Umso bitterer muss diese Lüge vom „nichts geahnt“ für ihn gewesen sein. Doch andersherum: Kann ihm in der vertrauensvollen Aufgabe als Privatsekretär, das Denken und das Verdrängen Meisners in Sachen Missbrauch nach menschlichem Ermessen gänzlich fremd gewesen sein?

Ein Paukenschlag? Was die Mitverdränger auf der Entscheidungsebene  im Kölner Bistum angeht, wohl kaum. Was die Folgen für die katholische Kirche in Deutschland angeht vielleicht. Wegducken kann sich jetzt niemand mehr. In Köln wird es mit der Beurlaubung von Weihbischof Dominik Schwaderlapp und des leitenden Justitiars Günter Assenmacher durch Kardinal Woelki nicht vorbei sein. Amt Tag darauf bat der im Missbrauchs-Zusammenhang bislang nicht genannte Weihbischof Ansgar Puff um seine Beurlaubung sowie schon am Donnerstag der Hamburger Erzbischof Stefan Heße, der unter Meisner Personalchef in Köln war. Ein Befreiungsschlag? Den wird es erst geben, wenn endlich die Opfer im Mittelpunkt stehen und ihnen echte Hilfe angeboten wird. Mit der Beteuerung, beschämt zu sein, ist es nicht mehr getan. Von den Interessenvertretern der Opfer wurde der vermeintliche Paukenschlag eher als „Showveranstaltung“ empfunden.   

Bildquelle: Wikipedia,© Raimond Spekking / CC BY-SA 4.0

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Norbert Bicher

Als Parlamentskorrespondent der „Westfälischen Rundschau“ arbeitete Bicher als Journalist, bevor er 1998 Pressesprecher der SPD-Bundestagsfraktion wurde. Er war Sprecher des SPD-Fraktionsvorsitzenden wie auch des Bundesverteidigungsministers Dr. Peter Struck.


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