Fußball

DIE 6:0-PLEITE IN SEVILLA – Nationalelf im Tief –

Wenn in früheren Zeiten die deutsche Fußballnationalmannschaft zu einem Match auflief, bekamen die Spieler – wie es einst der legendäre Fritz Walter immer wieder erzählte – beim Abspielen der deutschen Hymne eine Gänsehaut. Für jeden Einzelnen war es eine große Ehre, in den Kader berufen worden zu sein. Die Spieler wussten, dass viele Millionen Deutsche vor den TV-Geräten saßen und das Geschehen auf dem Rasen mit großer Anteilnahme verfolgten. Was jedoch die deutsche Nationalelf in den letzten Jahren angeboten hat, war geradezu abschreckend und keineswegs begeisternd. Der absolute Tiefpunkt wurde jetzt in Sevilla erreicht, wo die deutsche Elf gegen das Team Spaniens spielte. Am Ende verloren die Deutschen sage und schreibe 6:0 und sie hatten noch Glück, dass die Niederlage nicht noch höher ausfiel.

Spieler so blass wie der Trainer

Es wäre völlig daneben, diese Pleite allein dem Trainer Löw in die Schuhe zu schieben. Doch was er am Spielfeldrand auf der Bank erlebte, muss eine sehr bittere Lektion für ihn gewesen sein. Sein spanischer Kollege hatte ebenfalls die Aufgabe, nach großen Triumphen der früheren spanischen Nationalmannschaft ein neues Team mit jüngeren Spielern aufzubauen. Was sein Team jetzt auf dem Rasen gegen die Deutschen bot, war wirklich grandios, Fußball allerfeinster Klasse. Nicht nur das sensationelle Ergebnis, sondern auch die Spielweise, die Laufbereitschaft und der kämpferische Einsatz der Spanier haben Löw und sein Team in eine tiefe Depression gestürzt. Es war ein KO-Schlag, wie er seit fast einem Jahrhundert nicht mehr stattgefunden hatte. Auch die Zuschauer an den heimischen TV-Geräten gingen danach tief enttäuscht und zum Teil wohl depressiv ins Bett. Mancher Fan hatte gewiss eine schlaflose Nacht: Denn hat er über Löws Elf nachgedacht, war er um den Schlaf gebracht.

Misslungener Neuaufbau

Dabei war bei fast allen Spielern der deutschen Mannschaft in der jüngsten Vergangenheit deutlich geworden, dass der Neuaufbau des Nationalteams nicht gelungen war. Bis auf zwei kümmerliche Siege gegen eine Corona-geschwächte Mannschaft der Ukraine reichte es bestenfalls zu einigen Remis-Spielen. Gewiss war es richtig, jüngeren talentierten Spielern die Chance zu geben, um sich für die Nationalelf zu profilieren. Wer jedoch kritisch die Leistungen einiger Spieler betrachtete, konnte bei vielen mehr Schatten als Licht erkennen. Es war zum Teil gerade ausreichend, zum Teil einfach ungenügend. Die Note gut erreichten von den Neuen nur ganz wenige, obwohl doch in der Deutschland-Elf immer die Besten spielen sollten.

Nur ein gefährlicher Torschuss

Der beste Mann war der Torhüter Neuer, der mit seinen Paraden, seinen Pässen und vor allem mit seiner Sicherheit stets positiv auffiel und zumeist das Schlimmste verhindern konnte. Gegen die torhungrigen Spanier war er allein auch machtlos und musste den Ball öfter als jemals in seiner Karriere aus dem Netz holen. Niemand mag verstehen, warum der Cheftrainer Löw bei dem Neuaufbau so schnell andere erfahrene Neuer-Kollegen abgeschrieben hatte. Ob Hummels, Boateng, Müller oder andere – diese Spieler zählen Woche für Woche in ihren Vereinen zu den Besten. Sie übernehmen regelmäßig Verantwortung auf dem Spielfeld und schaffen es, jüngere Kräfte ins Team einzubinden, zu führen und gezielt einzusetzen. Kroos und Gündogan schaffen das alleine nicht, aus dem Mittelfeld so begabte Stürmer wie Sané, Gnabry und Werner mit Pässen, genauen Flanken und Zuspielen so zu bedienen, dass sie ihre Torgefährlichkeit entfalten können. Gegen Spanien dauerte es gar mehr als siebzig Minuten, bis Gnabry den ersten gefährlichen Torschuss auf das gegnerische Gehäuse abgab – leider an die Latte.

Löws Liebe zu Reservisten

Was zudem bei Löw und seinen Trainergehilfen offensichtlich keine Rolle spielt, das ist die Tatsache, dass in den Kader einige Spieler berufen wurden, die in ihren Heimatvereinen kaum oder gar nicht mehr zum Einsatz kommen. Schulz von Borussia Dortmund oder Rudiger von Chelsea sind dafür geradezu beispielhaft. Ihre Leistungen reichten schon seit längerem nicht aus, dass sie einen Stammplatz in ihren Vereinen behaupten und mit ausreichender Spielpraxis die Nationalelf bereichern konnten. Dass Löw solchen Reservisten weiter sein Vertrauen schenkt, mag freundlich und menschlich verständlich wirken, doch hilft das alles auf dem Spielfeld einfach nicht weiter.

Kein Kampf der Millionäre

Ohnehin haben in den letzten Begegnungen, insbesondere bei der letzten gegen Spanien, fast alle Spieler, denen Löw sein Vertrauen geschenkt hat, dies nicht gerechtfertigt. Bis auf Neuer haben sich vielmehr alle blamiert, denn sie haben fast unterirdisch gespielt. Nahezu alle, die im Dress der Nationalmannschaft den Ball mehr traten denn spielten, wirkten lustlos, lauffaul und ideenlos. Wer bedenkt, dass aber alle schon große Einkommensmillionäre sind und ihren Marktwert als Nationalspieler steigern können, wird bei diesen Ballkünstlern für Abschreibungen und Wertberichtigungen plädieren. Bei einigen Vereinen könnte die Corona-Krise zu bitteren finanziellen Konsequenzen führen und damit zu möglichst deutlichen Kürzungen bei den hohen Gagen für manche Möchtegern Ballkünstler. Wo Laufen und Kämpfen die wichtigsten Tugenden sind, wo Tore über Erfolge entscheiden, wo Nationalspieler die Besten sein sollen, sollte die Finanzakrobatik ohnehin keine Rolle spielen.

Bildquelle: Pixabay, Bild von S. Hermann & F. Richter, Pixabay License

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Friedhelm Ost

leitete die ZDF Wirtschaftsredaktion, bevor er unter Helmut Kohl Regierungssprecher und schließlich CDU-Abgeordneter im Bundestag wurde. Heute ist Ost weiter als Journalist und in der Politik- und Wirtschaftsberatung tätig.


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