Muttertag

Die Sexismus-Debatte erfasst Muttertag und Vatertag

Muttertag und Vatertag liegen in diesem Jahr besonders dicht beieinander. Am zweiten Sonntag im Mai werden die Mütter, am Himmelfahrtstag traditionell die Väter geehrt. Ehre, wem Ehre gebührt. Allerdings hat das landläufige Geschehen an diesen Tagen wenig Ehrerbietendes. Blumen und Bollerwagen, Fassbier und Pralinen sind die gängigen Zutaten dieser inoffiziellen Feiertage, die als veraltet kritisiert und dennoch beharrlich gepflegt werden.

Als Festtag der Floristen, die ihre Umsätze vervielfachen, wird der Muttertag verspottet und als von den Nationalsozialisten missbrauchter Tag, der die deutsche Frau auf ihre Gebärfunktion reduzieren sollte. Der Vatertag ist wegen des hohen Alkoholpegels vielen ein Dorn im Auge und weil die Väter und solche, die es noch werden könnten, vor allem sich selbst feiern.

Romantische Verklärung veralteter Geschlechterrollen

Soziologen greifen die gesellschaftlich unerwünschten Folgen der symbolhaften Tage auf, die „vor allem ein Wirtschaftsfaktor“ seien. So sieht es etwa Dr. Désirée Waterstradt, Assoziiertes Mitglied des Instituts für Transdisziplinäre Sozialwissenschaft an der Pädagogischen Hochschule Karlsruhe. Sie spricht von einem „fragwürdigen Brauch, der veraltete Geschlechterrollen romantisch verklärt und wiederbelebt“, und erwartet, dass er „über kurz oder lang“ vom „Elterntag“ abgelöst werde.

Die Wissenschaftlerin hat ihrem Vortrag zum Thema den Titel „Muttertag, Vatertag – ein Fall von Alltagssexismus?“ gegeben und im Vorfeld gegenüber der Universitätspressestelle über ihre Thesen zu mütterlichen und väterlichen Eigenschaften in einer glücklich-harmonischen Geschlechterordnung gesprochen. Sie fragt, wo Geschlechterrollen zu sanftem Alltagssexismus werden und wo menschenfeindlicher Sexismus anfängt.

Leidvolle Beschränkung für beide

Waterstradt hält es für wichtig, „die Fürsorgeverantwortung von Eltern zu würdigen“, bezweifelt aber, dass Muttertag und Vatertag die richtigen Formen sind. „Wenn Paare heute ihr erstes Kind erwarten, haben sie meist sehr konkrete Gleichheitsideale“, sagt die Unternehmensberaterin. „Sie möchte ihren Beruf nicht aufgeben. Er wünscht sich eine fürsorgende, nahe Beziehung zum Kind. Beide möchten sich die Hausarbeit teilen.“

Dieses Selbstverständnis „passt nicht mehr so recht zu den Geschlechterrollen des 19. Jahrhunderts, die vor rund 100 Jahren zur Entstehung von Muttertag und Vatertag geführt haben“, findet Waterstradt, denn: „Diese Rollen waren als Gegensatz angelegt: der distanziert-autoritäre Vater und die selbstaufopfernd-liebende Mutter. Heute wird dies aber immer weniger als ideal empfunden, sondern als leidvolle Beschränkung für beide.“

Dennoch halten sich die beiden Tage als Anlässe im Jahreslauf und werden von vielen Menschen auf die hergebrachte Weise begangen. Strukturen und Einstellungen änderten sich nicht so schnell, erläutert die Rednerin. „Die geschlechterbezogenen Erwartungen sind noch allgegenwärtig und durchziehen unseren Alltag. Sie wirken als unsichtbare Kraft – oftmals sanft, wohlmeinend und idealisierend, aber nicht selten auch gedankenlos, rücksichtslos oder gar feindselig. Dieses gesamte Spektrum wird Alltagssexismus genannt.“

Bräuche vom Ballast der Klischees befreit

Die Beobachtung offen oder unterschwellig fortwirkender Rollenmuster ist sicher zutreffend. Fraglich ist jedoch, ob der Muttertag und der Vatertag mit ihren ursprünglichen Botschaften erhalten bleiben, oder nicht vielmehr von denen, die an den Bräuchen festhalten, inhaltlich entleert, vom Ballast der Klischees befreit und mit neuen Bedeutungen aufgeladen werden.

Für offizielle religiöse oder auch weltliche Feiertage ist das ja durchaus zu beobachten. Ein zusätzlicher arbeitsfreier Tag wie zu Ostern oder Pfingsten, zum Tag der Arbeit am 1. Mai oder zum Tag der deutschen Einheit am 3. Oktober ist willkommen; dafür, dass er im Sinne des jeweiligen Anlasses genutzt würde, gibt es keine Gewähr. Anders gesagt: das ist der individuellen Auslegung vorbehalten.

Wandel geht nicht aus dem stillen Kämmerlein hervor

Gesellschaftlich erwünschte Inhalte lassen sich nicht ohne weiteres durch Etiketten für bestimmte Tage transportieren. Die Geburtenrate etwa hängt ja nicht mit der Intensität zusammen, in der hierzulande der Muttertag begangen wird. Und gewiss wird niemand behaupten, der Vatertag gehöre zur so genannten Leitkultur.

Neben den beiden Tagen im Mai mit ihren von der Wirklichkeit überholten Ursprüngen, gibt es den Internationalen Frauentag und auch einen Weltmännertag. Hier sind Ansprüche an Politik und Gesellschaft besser aufgehoben, diese Tage schaffen Anlässe für Debatten über Rechte, Gleichstellung, Rollenbilder. 100 Jahre nach der Einführung des Frauenwahlrechts in Deutschland wurde in diesem Jahr am 8. März deutlich, dass Wandel nicht aus dem stillen Kämmerlein hervorgeht.

Würdigung der elterlichen Verantwortung

In diesem Licht ist auch der internationale Elterntag zu sehen, den die Vereinten Nationen 2012 ausgerufen haben und der am 1. Juni 2018 zum sechsten Mal weltweit gefeiert wird. Désirée Waterstradt begrüßt diesen Tag, an dem die Übernahme der persönlichen Fürsorgeverantwortung für ein Kind gewürdigt wird. „Und zwar durch das Kind und die Verwandtschaft, aber auch durch Kita, Schule, Politik, Medien und Gesellschaft.“

Die Anforderungen an Eltern wüchsen immer weiter – „ob bei Digitalisierung, Allergien oder Verkehrserziehung“. Das führe zu einer „Anspruchsinflation gegenüber Eltern und zu zunehmender Rücksichtslosigkeit gegenüber ihren Bedürfnissen“. Die Forscherin empfiehlt den Elterntag als Alternative, also die Abschaffung von Mutter- und Vatertag, und beobachtet, dass bereits „etliche Kindergärten und Grundschulen“ nicht mehr Muttertag und Vatertag, sondern Elterntag feiern.

Von einem „Familientag“ hingegen hält Waterstradt nichts. „Damit würde man allen einen Bärendienst erweisen“, wendet sie ein. Familien seien heute kindzentriert, da das Kindeswohl im Zentrum stehen soll. Das Elternwohl spielt dabei keine Rolle. „Eine solche Selbstaufopferung ist für Männer völlig neu. Sie verkehrt die frühere Rolle als Familienoberhaupt ins Gegenteil und wird nicht selten abgelehnt. Das zeigt nicht zuletzt der laufend steigende Anteil alleinerziehender Mütter.“

Wachsender Anteil Alleinerziehender

In Deutschland seien das heute rund 20 Prozent aller Familien. Für Frauen „sind Demut und Selbstaufopferung seit Jahrtausenden ein zentraler Teil ihrer Identität“, führt die Forscherin aus. „Im 20. Jahrhundert wurden ihnen die steigenden Fürsorgeerwartungen als persönliche Verantwortung zugeordnet und es entstand das Schreckensbild der verschlingenden, übermächtigen Mütter. Frauen balancieren seitdem auf einem immer schmaleren Grat zwischen zu wenig und zu viel Fürsorge, zwischen Raben- und Helikoptermutter.“

Weibliche Selbstaufopferung sei „ein ähnlich fatales Ideal wie Schlankheit oder Sexyness“. Es mache verletzlich und führe in weiblichen Lebensläufen zu zahllosen „Narben“ – von psychischen Erkrankungen bis zu Altersarmut. „Dies zu fördern oder gar zu feiern, wird immer mehr als problematisch empfunden.“

Abschaffung lässt sich nicht einfach verkünden

Dennoch werden sich solche Tage nicht einfach abschaffen lassen, es sind ja inoffizielle Feiertage, deren Aus sich nicht verkünden oder von oben herab verordnen lässt. Diese Erfahrung musste schon die „Erfinderin“ des Muttertags machen, die ihren Einsatz für diesen Tag am Ende des Lebens bitter bereute.

Zur Historie des Vatertags berichtet Désirée Waterstradt: Ende des 19. Jahrhunderts ist in Ostdeutschland die Herrenpartie entstanden. Unter dem Motto „Los von Muttern“ zogen Männer gemeinsam aus, um mit viel Alkohol ihre Männlichkeit zu feiern. Daraus wurde der Vatertag, an dem bis heute die Unfallzahlen unter Alkoholeinfluss drastisch steigen.

Der Muttertag geht auf die Amerikanerin Anne Jarvis zurück, die die Bewegung zur Begründung des Muttertags anführte. 1908 wurde der erste Muttertag in den USA gefeiert, 1914 in Deutschland. Da der Tag jedoch zunehmend instrumentalisiert und kommerzialisiert wurde, bereute sie dies und wollte ihn wieder abschaffen. Ohne Erfolg, wie wir wissen, und auch mehr als hundert Jahre danach bewirken die vielen Kritiker, die ihr folgten, nicht das Ende des Muttertags.

Bildquelle: Mothers Day by Nick Youngson CC BY-SA 3.0 Alpha Stock Images

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Petra Kappe
Über  

Die promovierte Medienwissenschaftlerin arbeitete mehr als 20 Jahre in der Politikredaktion der Westfälischen Rundschau. Recherchereisen führten sie u. a. nach Ghana, Benin, Bosnien-Herzegowina, Kroatien, China, Ukraine, Belarus, Israel und in das Westjordanland. Sie berichtete über Gipfeltreffen des Europäischen Rates, Parteitage, EKD-Synoden, Kirchentage und Kongresse. Parallel nahm sie Lehraufträge am Institut für Journalistik der TU Dortmund sowie am Erich-Brost-Institut für Internationalen Journalismus in Dortmund wahr. Derzeit arbeitet sie als freie Journalistin.


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