Direktor der Jüdischen Gemeinde warnt: AfD wird 2025 Teil der Bundesregierung sein – Dann werden die Juden das Land verlassen

„In Deutschland wird die Gefahr von rechts nicht ernstgenommen.“ Das sagt der Verwaltungsdirektor der Jüdischen Gemeinde Düsseldorf, Michael Szentei-Heise im Gespräch mit dem Blog der Republik. Er befürchtet ein weiteres Erstarken des Rechtsextremismus und warnt: „2025 wird die AfD in der Bundesregierung vertreten sein.“

Zwanzig bis 25 Prozent der Gesellschaft seien anfällig für das „braune Gedankengut“, schätzt der langjährige Leiter der gut 7000 Mitglieder zählenden Gemeinde, und er prophezeit, dass CDU und FDP „weich werden“ und nach den übernächsten Bundestagswahlen den Widerstand gegen eine Koalition mit der AfD aufgeben werden. „Dann“, so sagt er mit Blick auf das jüdische Leben in Deutschland, „dann dürfen wir den Zeitpunkt nicht verpassen.“

Die Diskussion darüber, Deutschland zu verlassen, habe begonnen und werde unter den insgesamt 130.000 Juden im Land inzwischen „intensiver geführt“, berichtet Szentei-Heise. Thüringen habe ihn entsetzt, sagt er über die Ministerpräsidentenwahl mit den Stimmen der AfD. „Das darf nicht wahr sein, das muss rückgängig gemacht werden“, habe er sofort gedacht, als er die Nachricht hörte.

Szentei-Heise, der selbst große Teile seiner aus Ungarn stammenden Familie in den Konzentrationslagern verloren hat, ist alarmiert durch die jüngsten Entwicklungen. Noch vor fünf Jahren habe es in Deutschland keinen virulenten Antisemitismus gegeben, „aber den gibt es jetzt“. Die Gefahr sei seit dem Ende der nationalsozialistischen Diktatur „nie weg gewesen, die Rechten haben gekuscht, aber jetzt kriechen sie aus ihren Löchern“.

Über Jahrzehnte seien Rechtsextremismus und Antisemitismus „von der Gesellschaft als inakzeptabel gebrandmarkt“ worden. Mit der AfD in den Parlamenten falle dieses Tabu zunehmend. Szentei-Heise sieht als weitere Ursache für ein Erstarken des Antisemitismus auch den Einfluss der türkischen Regierung auf die hier lebende türkischstämmige Gemeinde. Außerdem weist er auf die Versäumnisse der Bonner Republik hin, in der „eine Kontinuität der alten Nazi-Seilschaften“ geduldet wurde. Aktuell macht Szentei-Heise die größten Defizite in den Schulen, in der Justiz und in den Ermittlungsbehörden aus. Bildung sei von zentraler Bedeutung im Kampf gegen den teils über Generationen in den Familien tradierten Antisemitismus. Zugleich sei eine entschlossene Verfolgung von Straftaten nötig. „Wir brauchen keine schärferen Gesetze“, sagt er zum Beispiel mit Blick auf die Forderung, Antisemitismus solle bei Straftaten strafverschärfend wirken. „Aber wir müssen sie konsequent anwenden.“

Das Redaktionsgespräch mit Michael N. Szentei-Heise und André von Schúeck führten Petra Kappe, Alfons Pieper und Dr. Uwe Pöhls

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Petra Kappe
Über  

Die promovierte Medienwissenschaftlerin arbeitete mehr als 20 Jahre in der Politikredaktion der Westfälischen Rundschau. Recherchereisen führten sie u. a. nach Ghana, Benin, Bosnien-Herzegowina, Kroatien, China, Ukraine, Belarus, Israel und in das Westjordanland. Sie berichtete über Gipfeltreffen des Europäischen Rates, Parteitage, EKD-Synoden, Kirchentage und Kongresse. Parallel nahm sie Lehraufträge am Institut für Journalistik der TU Dortmund sowie am Erich-Brost-Institut für Internationalen Journalismus in Dortmund wahr. Derzeit arbeitet sie als freie Journalistin.


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