Rabe

Edgar Allan Poe: Das Grauen, der Scharfsinn und die Poesie

Es war eine kleine zweibändige Ausgabe des Könemann Verlags mit ausgewählten Werken, die mir einen ersten Zugang zu E. A. Poe verschaffte, bevor wir uns später die prächtige, sorgfältig edierte Gesamtausgabe, erschienen im Walter-Verlag (siehe unten), zulegten.

Im ersten Bändchen sind die ausgewählten Geschichten in drei Rubriken aufgeführt: Arabesken, Detektivgeschichten, Faszination des Grauens. Ich habe nach und nach alle gelesen. Als erstes war ich von der Sprache eingenommen: Eine die Leserin und den Leser direkt einbeziehende, sehr verbindliche An-Sprache, dabei durchaus intellektuell in der Diktion, v.a. wenn es typischerweise um die Erzählung von Begebenheiten geht, die mit höchster Gedankenschärfe rekonstruiert und deren mysteriöse Fallstruktur enträtselt und aufgeklärt werden müssen.

Allen voran die Detektivgeschichten. Sir Arthur C. Doyle, der Schöpfer des Sherlock Holmes, war wohl Zeitgenosse Poes und von daher der Nachahmung eher unverdächtig; aber der Spätgeborene Umberto Eco hat ganz sicher bei Poe maßgenommen, wenn er seine Methode der Abduktion entwickelt und im Namen der Rose angewendet hat. Poe ist ein Meister des logischen Schließens, des Aufspürens von Indizien und ihrer genauesten Analyse; hier sind alle Sinne gefragt, während der Intellekt die Arbeit des Zusammenfügens von Partikularem, des logischen Schließens und Kombinierens, des Dechiffrierens, des Verwerfens und erneuten (Ver-)Suchens leistet. So weist die typische Kriminalgeschichte neben dem Erzähler einen Mann von höchster Intelligenz auf, der zur Lösung oder Aufklärung eines mysteriösen (Mord-)Falles als letzte Hoffnung der Behörden heran oder hinzu gezogen wird; damit nicht noch mehr Zeit verstreiche, in der man im Dunkeln tappt. Eine solche Geschichte endet, wie in einem guten Krimi, mit der lückenlosen Beweiskette, vom Meister nicht ohne Stolz, gleichwohl in aller Bescheidenheit vorgeführt.

Ein anderer Erzähltypus sind die Gruselgeschichten. Auch hier kommt das Markenzeichen des methodischen Vorgehens unter Aufbietung messerscharfen Denkens – etwa bei der Planung eines Verbrechens – zum Tragen. Auch die Selbstanalyse in allen Stadien des Hergangs ist ein wiederkehrendes Mittel der Darstellung, wie z.B. in Der schwarze Kater oder Die Grube und das Pendel. Hier wird nun zusätzlich Psychologie im Sinne des Spiegels der eigenen Seelenverfassung zum Programm, Gefühlslagen wie das Aufkommen von Hass gegen eine wehrlose Kreatur wie den Kater, die Gewissensqualen infolge einer Untat oder die minutiöse Schilderung von Angst und Schrecken in einer mittelalterlichen Folterkammer aus der Perspektive des Opfers. So anschaulich und zwingend wird die Bedrängnis gespiegelt, dass man selbst beim Lesen in Nöte kommt.

Grausamkeiten, extreme Gefühlslagen, Schreckensbilder am Rande des Vorstellbaren – wie kommt Poe auf solche Themen? Und was haben sie zu bedeuten? Und warum ist Charles Baudelaire so besessen von ihm, macht ihn zu seinem ästhetischen Geistesverwandten? Warum auch Arno Schmidt als Verehrer, intimer Kenner und Übersetzer Poes? Der Abgrund, der sich in dessen Erzählungen jeweils auftut, die Wahl des Genres Grauen, Schrecken, Horror, Gewalt, Verbrechen, Qualen steht für mehr als für das Konkrete in den Geschichten. Die Affinitäten zwischen Poe, Baudelaire, Schmidt gründen womöglich auf der Gemeinsamkeit der Kritik an den strukturellen Gewaltformen der Moderne. Diese Kritik, so vermute ich, gilt den Auswüchsen der kapitalistischen Ökonomie, den Schocks (Baudelaire, Benjamin), die sie auslöst, will der Wahrnehmungsapparat des Individuums ihren rasanten technischen Entwicklungen auch nur folgen, den Häßlichkeiten, die sie als Abfall all des Glanzes ihrer Warenästhetik (W. F. Haug) hervorbringt, der Erniedrigung der Massen, der Opfer, die in ihrer Verzweiflung notfalls zur Gewalt greifen – beim Kampf ums Überleben und um das, was an Würde sich noch in ihnen regt. Das klingt bis heute ziemlich aktuell.

Poe – Baudelaire – Arno Schmidt

Es gibt glückliche Fügungen, die sich sogar mehrmals in der (Literatur-)Geschichte ereignen können. Charles Baudelaire übersetzt Poe Mitte des 19. Jahrhunderts ins Französische und schreibt mehrere Abhandlungen über dessen Leben und Werk, vornehmlich über seine Erzählungen, dann über Poe als Kritiker und schließlich über ihn als Lyriker. Hundert Jahre später macht sich Arno Schmidt an das Großprojekt einer neuen Poe-Übersetzung ins Deutsche, zusammen mit Hans Wollschläger und anderen Kennern des Poeschen Werks. Ausgangspunkt war eine katastrophal schlechte Übersetzung von W. Carl Neumann bei Reclam. Und auch Schmidt schreibt – wie Baudelaire – über Poes Sprach-, Erzähl- und Dichtkunst. Wiederum sechzig Jahre später komme ich, meine Wenigkeit angesichts solcher Größen, in den Genuss von all dem. Mein größtes Glück: In einem kleinen Antiquariat auf dem Eigelstein im Kölner Norden finden wir die 10bändige „Schmidt-Ausgabe“ von Poe. Nun sind mir alle Schätze verfügbar und die Abhandlungen von Baudelaire und Schmidt eine wertvolle Richtschnur bei der Lektüre von Edgar Allan Poe.

Arno Schmidt wirbt für eine Neuübersetzung beim Verleger, indem er diesem die ganze Größe Poes vordekliniert. Die macht er u.a. daran fest, dass Poe auch ein begnadeter Langfinger gewesen sei, aber vom Vorwurf des Plagiats – wie Brecht – meilenweit wegzurücken. Die Ascher-Geschichte beispielsweise, eine kleine banale Story mit Tatsachenhintergrund, stamme ursprünglich von H. Clauren, die Poe auch gelesen habe. Was dieser in seiner Erzählung dann daraus mache, sei große Literatur und nur einem Genius vergönnt, argumentiert Schmidt. Ähnlich liegt bekanntlich der Fall Bertolt Brechts mit der Dreigroschenoper.

Höchst amüsant dann Schmidts Abrechnung mit Herrn Neumann, dem er in einem fiktiven Brief sein zerstörerisches Werk an der Sprache Poes vorhält. In bekannt genialer Manier zerpflückt er die schlechte Vorlage an Beispielen und stellt diesen die eigene Übersetzung mitsamt den hehren Prinzipien, auf denen sie beruht, entgegen. So macht Arno Schmidt Edgar Poe hier bekannt, von dem er im Übrigen meint, dass er viel eher nach Europa statt nach Amerika gepasst hätte.

Gleiches hatte Baudelaire für Frankreich getan. Ich war angerührt, als ich diese tiefe Sym- wie Empathie vernahm, mit der Baudelaire über Poe spricht. Mit höchster Verehrung und tiefstem Verständnis setzt er alles daran, diesen noch weithin Verkannten in Frankreich bekannt zu machen. Das traurige Leben Poes, überwiegend in Armut und mit Alkoholsucht verbracht, der enorme Schaffenseifer, die extrem hohen Ansprüche an sich selbst und an andere Dichter, die Härte seiner Kritik, sein ästhetisches Credo, seine Poetik, all das Neue, Geheimnisvolle, perfekt Durchdachte und Konzipierte, sind Gegenstand der Analyse Baudelaires. Er tut dies aus der Warte des Geistes- oder Wahlverwandten, des Bruders in Sachen Einbildungskraft, Zartgefühl, Erhebung ins Überweltliche im Ton der Unsterblichkeit, der tiefsten Melancholie, wie etwa beim Gedicht The Raven. Dies las ich sogleich zweisprachig in unserer neuen Ausgabe, laut vor mich hin (im englischen Original) und war reichlich berührt von dieser Poesie.

Bildquelle: Pixabay, Alexas_Fotos, Pixabay License

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Petra Frerichs

Dr. Petra Frerichs, Studium der Literatur- und Sozialwissenschaften, schreibt über Literatur (und Kunst), am liebsten gegen das Vergessen von guten alten Sachen.


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