Schild "Stop Terror"

Ein Jahr nach Hanau – „Wie kann es sein…?“

Eine Gedenkfeier wird es geben, Trauerbeflaggung ist angeordnet. Der erste Jahrestag des rassistischen Terrors in Hanau wird von Trauer und Betroffenheit, von Erinnern und Mahnen, von Fassungslosigkeit und Bestürzung geprägt sein. Angehörige der neun Mordopfer und Überlebende des rechtsextremistischen Anschlags haben jedoch Zweifel, ob es ein würdevolles Gedenken sein kann. Denn dafür fehlt es aus ihrer Sicht an Glaubwürdigkeit. Ein Jahr nach dem 19. Februar 2020 bleiben Antworten aus.

In einem gut einstündigen Video stellen sie eindringlich ihre Fragen. Viele beginnen mit „Wie kann es sein…?“ und enden in Wut oder Verzweiflung, Tränen oder Empörung. Das Misstrauen gegenüber den Behörden ist ebenso groß wie die Bitterkeit über den Umgang mit ihnen. Noch größer ist ihre Entschlossenheit, das furchtbare Geschehen nicht auf sich beruhen zu lassen. Ein Gerichtsverfahren, das Umstände und Hintergründe aufklären könnte, wird es nicht geben, da der Täter sich selbst getötet hat. Dem Ansinnen, dem Vater als Mitverantwortlichen den Prozess zu machen, folgen die Ermittler offenbar nicht.

Der Titel des YouTube-Videos lautet: „Wir klagen an.“ Mütter, Brüder, Söhne, Cousins kommen zu Wort. Sie haben sich zu einer Initiative zusammengefunden und wollen nicht nachlassen, unbequeme Fragen zu stellen. Allen voran die, ob Ferhat Unvar, Mercedes Kierpac, Sedat Gürbüz, Gökhan Gültekin, Hamza Kurtović, Kaloyan Velkov, Vili Viorel Păun, Said Nesar Hashemi und Fatih Saraçoğlu noch leben könnten, wenn da nicht „struktureller Rassismus“ und ein „System des Wegschauens“ wären.

„Politiker reden von einer Zäsur nach Hanau“, sagt Newroz Duman, „doch mit warmen Worten und leeren Versprechungen wird sich nichts verändern.“ Sie spricht von einem „unverzeihlichen Verhalten der Sicherheitskräfte“ und einem „Versagen der Behörden vor, während und nach der Tat“. Viele Vorwürfe gehen auf Recherchen des WDR-Magazins Monitor und Spiegel-Online zurück; andere auf das eigene Erleben.

Wie kann es sein? Der mehrfach psychisch auffällige Täter hat 2013 eine Waffenbesitzkarte erhalten, die 2019 nicht nur verlängert, sondern auch erweitert wurde. Er nahm unbehelligt an Schießübungen in der Slowakei teil. „Der Täter hat sehr viel trainiert, um am Ende unsere Kinder professionell zu töten“, sagt die Mutter eines Mordopfers. Aus Sicht der Behörden war der Täter jedoch unauffällig. Sie hatten ihn nicht auf dem Schirm.

Dabei hatte der 43-Jährige alles daran gesetzt, seine rassistische Ideologie und seinen Glauben an Verschwörungsmythen aktenkundig zu machen. Mehrfach hatte er vielseitige Anzeigen gestellt, doch die blieben folgenlos. Eine andere Mutter, die den 19. Februar 2020 eine „schwarze Nacht“ nennt, empfindet das als „Verhöhnung“. Bis heute habe niemand von sich aus einen Fehler eingeräumt oder sich bei den Angehörigen oder Überlebenden entschuldigt.

Sie schildern die Ereignisse der Nacht, das Alleingelassensein, Respektlosigkeiten, fehlenden Beistand, bedrohliche Situationen. Vili Viorel Păun, dem Konstantin Wecker eine aktuelle Version seines Liedes „Willy“ gewidmet hat, wurde gegen 22 Uhr erschossen. Er hatte den Täter verfolgt und versucht, ihn zu stoppen, er hatte den Notruf 110 dreimal vergebens gewählt. Seine Eltern erhielten die Nachricht von seinem Tod erst am nächsten Tag um 15 Uhr.

Obduktionen der Opfer wurden ohne Einverständnis der engsten Angehörigen vorgenommen. In den Obduktionsberichten heiße es, die Angehörigen seien nicht erreichbar gewesen bzw. angehört worden. „Das war nicht der Fall“, heißt es in dem Video, das von einem „zweiten Trauma für die Angehörigen“ spricht. „Man hat uns das Recht genommen, uns würdig zu verabschieden“, sagt der Cousin eines Opfers und: „Man hat uns damit noch einmal umgebracht.“ Traumatisch war schließlich auch die Erfahrung, die Nicolescu Păun machen musste, als er die Sterbeurkunde seines Sohnes erhielt. Sie lautete auf seinen eigenen Namen und nicht auf den seines Sohnes.

Weitere Fragen stellt zum Beispiel der Überlebende Piter Minnemann. Es geht um den verschlossenen Notausgang und das ungeklärte fünfstündige Geschehen im Täterhaus, einem Reihenhaus, in dem der Täter den Ermittlern zufolge seine Mutter und sich selbst tötete. Die Rolle des Vaters ist undurchsichtig. Er teilt offensichtlich die rechtsextremistische Einstellung seines Sohnes, verlangt die Rückgabe von dessen Waffe und Munition und bezeichnet die Gedenkorte für die Opfer als Volksverhetzung.

„Es ist grausam zu sehen, wie Rassistinnen und Rassisten wieder, besser gesagt: immer noch morden und zerstören.“ Das sind die Worte Esther Bejarano, Shoa Überlebende und Vorsitzende des Auschwitz-Komitees. In einem Grußwort zu dem Video der Initiative 19. Februar sagt sie, „Behörden und Medien relativieren oder spielen die Gefahr rassistischer Netzwerke herunter“. Und sie fügt hinzu: „Würdiges Gedenken heißt kämpfen.“ Das sieht die Hanauer Initiative genauso. Sie hat von Anfang an vier Ziele formuliert, neben dem Erinnern auch Gerechtigkeit, Aufklärung und Konsequenzen.

Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) hat in ihrem wöchentlichen Podcast an die Opfer von Hanau erinnert und dem Rassismus den Kampf angesagt. „Es war ein Verbrechen aus Hass, aus rassistischem Hass“, sagte Merkel, „Rassismus ist ein Gift. Der Hass ist ein Gift.“ Merkel versprach: „Wir stellen uns denen, die versuchen, Deutschland zu spalten, mit aller Kraft und Entschlossenheit entgegen.“

So oder ähnlich hat es schon oft geklungen. Doch Worte allein genügen nicht. Die Initiative 19. Februar mahnte direkt bei ihrem Start: „Die Schüsse kamen nicht aus dem Nichts, sondern sind Folge der allgegenwärtigen rechten Hetze und des alltäglichen Rassismus. Doch nicht nur das: Sie sind auch das Ergebnis einer jahrzehntelangen politischen Verharmlosung von Rassismus und rechtem Terror, von fehlender Aufklärung und Vertuschung.“

Bildquelle: Pixabay, Bild von M. H. auf Pixabay License

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Petra Kappe
Über  

Die promovierte Medienwissenschaftlerin arbeitete mehr als 20 Jahre in der Politikredaktion der Westfälischen Rundschau. Recherchereisen führten sie u. a. nach Ghana, Benin, Bosnien-Herzegowina, Kroatien, China, Ukraine, Belarus, Israel und in das Westjordanland. Sie berichtete über Gipfeltreffen des Europäischen Rates, Parteitage, EKD-Synoden, Kirchentage und Kongresse. Parallel nahm sie Lehraufträge am Institut für Journalistik der TU Dortmund sowie am Erich-Brost-Institut für Internationalen Journalismus in Dortmund wahr. Derzeit arbeitet sie als freie Journalistin.


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