Alert Speer mit Adolf Hitler 1942

Evas Apfel und Hitlers Architekt

Fast vierzig Jahre nach dem Tod Albert Speers ist sein Name in den Köpfen derjenigen, die überhaupt noch etwas mit ihm anfangen können, immer noch und zuallererst mit dem Begriff „Hitlers Architekt“ verbunden. Dabei hat ihn der Internationale Militärgerichtshof in Nürnberg im Oktober 1946 zu zwanzig Jahren Haft verurteilt wegen seiner Mitwirkung an Kriegsverbrechen und Verbrechen gegen die Menschlichkeit. Er gehörte zu den Hauptkriegsverbrechern des Dritten Reichs und wurde nur deshalb nicht zum Tode verurteilt, weil seine Mitwirkung an der Vertreibung und Ermordung der Juden oder die Organisation der Zwangsarbeit in der kriegswichtigen Industrie damals nicht so offensichtlich und bekannt waren wie heute, wo die historische Forschung dies zweifelsfrei belegen kann. Und er entging auch deshalb dem Galgen, weil ihm seine Verteidigungsstrategie abgenommen wurde, nämlich sich als reumütiger und unpolitischer Technokrat darzustellen. Dies tat er wohlüberlegt und genau kalkuliert, nicht nur oder erst in Nürnberg, sondern bereits lange davor, schon seit seinen ersten Verhören durch amerikanische und britische Befrager. Der „gute Nazi“, zu dem er sich stilisierte, traf in der deutschen Öffentlichkeit auf bereitwillige Akzeptanz, weshalb seine angeblichen „Erinnerungen“ und seine weiteren Bücher über die NS-Zeit nach seiner Entlassung aus dem Kriegsverbrechergefängnis im Jahr 1966 sein Bild lange und nachhaltig prägen konnten. Gerade hierzulande wollte man ihm glauben; kritische Nachforschungen und eine Demontage seines Mythos begannen erst nach seinem Tod im Jahr 1981, wobei die Charakterisierung als „Hitlers Architekt“ nach wie vor in Stein gemeißelt zu sein scheint.

In der Wissenschaft ist sein Bild heute aber eindeutig: Seine Verbrechen sind bekannt, seine Überlebens- und Kommunikationsstrategie ist durchschaut. In der angelsächsischen Wahrnehmung hat dies schon lange seine Einordnung und Bewertung bestimmt, weshalb der Einstieg in den Wikipedia-Eintrag in der englischen Version auch lautet: Berthold Konrad Hermann Albert Speer (March 19, 1905 – September 1, 1981) served as the Minister of Armaments and War Production in Nazi Germany during most of World War II. A close ally of Adolf Hitler, he was convicted at the Nuremberg trials and sentenced to 20 years in prison. (https://en.wikipedia.org/wiki/Albert_Speer). In der deutschen Version liest sich das aber so: Berthold Konrad Hermann Albert Speer (* 19. März 1905 in Mannheim; † 1. September 1981 in London) war ein deutscher Architekt und maßgebend für die Architektur im Nationalsozialismus. Außerdem war er Rüstungsorganisator in der Zeit des Nationalsozialismus und ab 1942 Reichsminister für Bewaffnung und Munition. Er wurde im Nürnberger Prozess als Kriegsverbrecher zu 20 Jahren Gefängnis verurteilt. (https://de.wikipedia.org/wiki/Albert_Speer). Also: Albert Speer, der Rüstungs- und Kriegsproduktionsminister und enge Vertraute von Adolf Hitler, und Albert Speer, der Architekt, der auch Rüstungsorganisator und Reichsminister für Bewaffnung und Munition war. Deutlicher kann man nicht veranschaulichen, wie nachhaltig es Speer gelungen ist, sein Bild für die Nachwelt weich zu zeichnen. Die Frage, warum es bis heute nicht zu einer deutlichen Korrektur dieses Bildes gekommen ist, drängt sich auf, aber eine Antwort auch: Das Narrativ vom „guten Nazi“ hat zu lange Glauben gefunden, als dass es leicht zu verändern wäre. Apropos Glauben: Genauso, wie die Frage nach der Rolle Evas im Paradies von den meisten Menschen spontan zuallererst mit „Apfel“ und dann erst mit „Sündenfall“ beantwortet wird, lautet die spontane Antwort zur Rolle Speers in der NS-Zeit wohl meistens „Hitlers Architekt“ und erst danach, vielleicht, „Rüstungsminister“. Das Wort „Kriegsverbrecher“, das immerhin im hier zitierten deutschen Wikipedia-Eintrag vorkommt, wird den Wenigsten einfallen. Wollen wir wetten, dass sich im Herbst 2021, also 75 Jahre nach seiner Verurteilung in Nürnberg und 40 Jahre nach seinem Tod, diese Gewichtung kaum geändert haben wird?

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Jürgen Brautmeier

Der Historiker war bis 2016 Direktor der nordrhein-westfälischen Landesmedienanstalt und von 2013 bis 2015 Vorsitzender der Arbeitsgemeinschaft aller deutschen Landesmedienanstalten. Heute lehrt er als Honorarprofessor an der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf Geschichte sowie Kommunikations-und Medienwissenschaft.


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