Vergissmeinnicht

Gegen das Vergessen: Über Jean Paul

Jean Paul (1763 – 1825) gehört zu den Dichtern, die man schon immer einmal lesen wollte, bei denen es aber meist beim Vorsatz bleibt. So ging es auch uns, bis wir auf die Biographie von Günter de Bruyn über Jean Paul stießen.

Das Buch erschien 1975 und wurde 1977 in der Büchergilde Gutenberg neu aufgelegt. Wir haben  nach der Lektüre an Günter de Bruyn geschrieben, obwohl wir keine Adresse von ihm hatten,  nur den Namen des Dorfes in der Mark Brandenburg. Unser Brief, in dem wir ihm unsere Bewunderung für sein Werk mitteilten, erreichte ihn tatsächlich und er – damals schon 80jährig – schrieb zurück, dass er sich darüber wundere, dass sein Buch immer noch gelesen werde.

De Bruyn erhielt zahlreiche Auszeichnungen und Ehrungen. U.a. den Heinrich- Mann-Preis; den Lion-Feuchtwanger-Preis; den Heinrich-Böll-Preis der Stadt Köln u.a. Den Nationalpreis der DDR lehnte er ab – wegen der Intoleranz und Dialogunfähigkeit des Regimes.

Das Buch über Jean Paul ist mehr als eine Biographie. De Bruyn gelingt es, die Lebensgeschichte Jean Pauls in die gesellschaftlichen und geistesgeschichtlichen Entwicklungen seiner Zeit zu integrieren. Vor diesem Hintergrund interpretiert er das Werk. In einem Nachwort schreibt er:

Nicht Lehrmeinungen zu illustrieren oder literaturwissenschaftliche Thesen zu verfechten war meine Absicht. Ich wollte aus den vorhandenen Materialien ein Leben rekonstruieren, das mir Exemplarisches zu haben scheint. Nicht nur jede Zeit entdeckt ihre Dichter neu, sondern auch der einzelne. Vielleicht hätte ich diese Lebensbeschreibung ‚Mein Jean Paul’ nennen sollen.

Jean Paul ist von einem vielgelesenen Autor zu einem Spezialthema für Germanisten geworden. Die Folge davon ist, dass auch Literaturkenner nicht viel mehr als seinen Namen von ihm kennen, es aber eine Unzahl von Arbeiten über seine Werke gibt.

Dem wollte de Bruyn abhelfen, und ich könnte mir keine bessere Einführung in das Werk Jean Pauls vorstellen; ganz einfach, weil er uns den Menschen Jean Paul nahebringt und nur durch die Darstellung seiner Lebensumstände auch das Werk verständlicher wird.

Bedrückend: die elenden materiellen Verhältnisse, unter denen Jean Paul lebte und arbeitete. Nur mit eisernem Willen gelingt es ihm, sich zu behaupten; ja man kann sagen, zu überleben. Dass er kein Einzelfall ist, versteht sich von selbst: Fast alle bedeutenden Männer der Zeit – außer Goethe natürlich – teilten ein ähnliches Schicksal: Herder; Hamann; Winckelmann; Schleiermacher; Hölderlin; Basedow; Campe; Lenz; Karl Philipp Moritz u.v.m. Die Liste ließe sich weiter fortsetzen.

Jean Paul entwickelt bereits früh eine Distanz zu seiner Umgebung. Er ist von überragender Intelligenz und bezieht von daher sein Selbstbewusstsein. Nichts befürchtet er mehr, als sich anzupassen und so zu werden, wie die meisten in seinem Umkreis. Diese Befürchtung ist grundlos. Zur Anpassung ist er unfähig. Das wird umfunktioniert in Stolz. Von Kindheit an ist die Erfahrung da, dass er anders ist als andere, tiefer fühlt, schärfer denkt, mehr gelesen hat, intensiver an sich arbeitet. Und schon früh weiß er, was er will: er will Bücher schreiben; Schriftsteller werden.

Der Weg dahin ist mehr als steinig. Immer wieder gibt es Rückschläge. Das hat auch mit seinem Stil zu tun. Jemand, der so viel weiß wie er und der so ehrgeizig ist, neigt dazu, alles auf einmal sagen zu wollen. Als 59jähriger schreibt er über seine Anfangszeit:

In solch weit und noch weiter hergeholten Metaphern springt der junge Autor von einem Gedanken zum nächsten. Ein buntfarbiges Stufenkabinett von lauter Gleichnissen, freilich von mehr Glimmer als Schimmer. Nicht nur von einem Periodenpunkt zum anderen, auf ein Redeblumengebüsch von Gleichnis, und zwischen jedem Komma hat der Leser Geblümtes und Blühendes zu überwinden.

Es ist der Stil eines jungen Autodidakten, der zeigen will, was er kann; der stolz darauf ist, in jedem Satz Witz und Gelehrsamkeit beweisen zu können. Im Wesentlichen ist das sein Stil geblieben: ein Assoziationsgetümmel voller großartiger Bilder und Ausschmückungen.

Es gibt nur Wenige, die das Besondere, ja Geniale an Jean Paul erkannt haben. Einer von ihnen ist Karl Philipp Moritz – ein Bruder im Geiste, könnte man sagen. An diesen schickt er ein Romanfragment, und zwar anonym. Moritz hält das für Irreführung, vermutet eine Berühmtheit, die sein Urteilsvermögen durch fremde Handschrift auf die Probe stellen will. Und Moritz, ein Freund und Bewunderer Goethes, urteilt: Das begreife ich nicht, das ist noch über Goethe, das ist ganz was Neues. Er liest – obwohl schwer krank – das Manuskript in zwei Tagen durch und schreibt an Jean Paul: Und wenn Sie am Ende der Welt wären, und müsst ich hundert Stürme aushalten, um zu Ihnen zu kommen, so flieg‘ ich in Ihre Arme! Wo wohnen Sie? Wer sind Sie? – Ihr Werk ist ein Juwel; es haftet mir, bis sein Urheber sich mir näher offenbart!

Mir gefällt, wie lebendig de Bruyn Jean Paul darstellt, ihn zeitgeschichtlich einordnet und gleichzeitig als selbständigen Dichter und Denker einstuft, der sich keiner Doktrin – vor allem nicht der klassischen – unterwirft. Das sieht auch der Frankfurter Germanist Wuthenow ähnlich, der sich als großer Kenner Jean Pauls erweist. Über dessen stilistische Eigenarten schreibt er in seinem Aufsatz Das schreibende Ich:

Jean Paul verstellt den Zugang in die Gartenlandschaft seiner idyllischen oder abenteuerlichen Erzählungen durch ein Gewirr von Fassaden, Bollwerken, sich weiter verzweigenden Heckengängen und klug berechneten Seitenpfaden, die als reine Spielerei oder pedantische Willkür erscheinen und auf die auch der Urheber nicht vermeidet mit Befriedigung und leichtem Spott immer wieder hinzuweisen. An jedem Nebenweg zieht er den Leser, ironisch erklärend, beiseite ins Vertrauen, bis dieser schließlich begreift, dass die umständlichen Zugänge bereits der Garten selber sind, in dem er, sich ergehend, Vergnügen und Unterhaltung finden wollte. Nur ein paar größere Blumenbeete, Laubengänge und wundervolle Fernsichten bleiben ihm zurück.

Und etwas später heißt es: Kommentar und Abschweifung überwuchern die Erzählung selbst. Das ist eine Tatsache, und immer neu wird sie, tadelnd oder doch bedauernd, angeführt. Dass aber eben Kommentar und Arabeske die Erzählung selber sind, der erzählte Stoff hingegen nur ein Anlass dazu, gleichsam das Gerüst, das machen sich nur die wenigen Leser klar, die dieser wunderliche Dichter noch besitzt.

Von Jean Paul lese ich noch die Abhandlung Über die natürliche Magie der Einbildungskraft. Gleich zu Anfang unterscheidet er die Begriffe Gedächtnis, Erinnerung und Phantasie:

Gedächtnis ist nur eine eingeschränktere Phantasie. Erinnerung ist nicht die bloße Wahrnehmung der Identität zweier Bilder, sondern sie ist die Wahrnehmung der Verschiedenheit des räumlichen und zeitlichen Verhältnisses gleicher Bilder. Folglich breitet sich die Erinnerung über die Verhältnisse der Zeit und des Orts und also über Reih und Folge aus; aber bloßes Ein- und Vorbilden stellt einen Gegenstand nur abgerissen dar.

Die fünf Sinne heben mir außerhalb, die Phantasie innerhalb meines Kopfes einen Blumengarten vor die Seele; jene gestalten und malen, diese tut es auch; jene drücken die Natur mit fünf verschiedenen Platten ab, diese als sensorium commune liefert sie alle mit einer. Schließlich verblüfft eine Aussage von Arno Schmidt über Jean Paul: er habe nicht über diesen schreiben können, da er ihm zu ähnlich gewesen sei. Dasselbe sagt Dieter Wellershoff über Arno Schmidt. Als wir ihn eines Tages fragten, wie er zu diesem steht, sagt er: Ich war ihm zu nah. Man kann das nicht kommentieren, sondern nur verwundert zur Kenntnis nehmen.

Bildquelle: Pixabay, Bild von Hans Braxmeier, Pixabay License

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Joke Frerichs

Joke Frerichs, Dr. rer. pol.; Studium der Politikwissenschaft; Soziologie; Philosophie; Germanistik, lebt als freier Autor in Köln. Er schreibt Romane, Gedichte, Essays und Rezensionen.


'Gegen das Vergessen: Über Jean Paul' hat 2 Kommentare

  1. Avatar

    12. Oktober 2020 @ 08:51 Jan Peter Schäfermeyer

    Sehr geehrter Herr Frerichs,
    schön wäre es gewesen, wenn Sie nicht nur die Jean Paul-Biografie von Günter de Bruyn empfohlen hätten, sondern auch einen Roman von Jean Paul selbst, der als Einstieg für neue Leser geeignet wäre. Ich habe einmal den „Titan“ angefangen, ihn aber nach 50 Seiten entnervt wieder ins Regal gestellt.

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  2. Avatar

    4. November 2020 @ 15:06 Giebel-Sewing, Elise

    Hätte mich sehr interessiert, Herr Frerichs, einen Beitrag von Ihnen über den Gesamtroman von Walker Percy: Der Idiot des Südens zu lesen .
    Gerade in der gegenwärtigen politischen desaströsen Situation der USA ein hoch aktuelles Buch.
    Auch auf Jean Paul neugierig geworden !!!
    Herzlichen Gruss
    Elise Giebel-Sewing

    Antworten


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