Schwarz-Schilling

Geht auch mit 88 ab wie Post: Schwarz-Schilling

Der  Mann geht auch mit 88 Jahren noch ab wie die Post. Die Rede ist von Christian Schwarz-Schilling, dem langjährigen Post- und Telekommunikationsminister unter dem Kanzler Helmut Kohl. Gerade hat er sich wieder zu Wort gemeldet in einem Leserbrief für die „Süddeutsche Zeitung“. Er kritisiert die SPD dafür, dass sie den Militäreinsatz gegen Syriens Diktator Assad rundherum  ablehne, und erwähnt in diesem Zusammenhang seinen mit aller Leidenschaft geführten Streit Anfang der 90er Jahre. Damals lehnte die Bundesregierung unter Führung von Kanzler Kohl und Hans-Dietrich Genscher(FDP) einen Einsatz im Krieg auf dem Balkan ab, was den Minister Schwarz-Schilling dazu bewog, zurückzutreten. Begründung: Man könne doch nicht tatenlos zusehen, wie die Serben Tausende von Menschen umbringen,  Kinder, Frauen, Alte, wie sie sie in Kirchen getrieben, diese abgesperrt und dann angezündet hätten.

Es ist umstritten, ob eine Militär-Aktion unter Mitwirkung der Bundeswehr durch das Grundgesetz möglich war. Schwarz-Schilling meint heute noch, ja, die oppositionelle SPD und die FDP, die mit der Union in der Regierung war, meinten Nein.  Erst die rot-grüne Regierung von Kanzler Schröder und Außenminister Fischer zog erstmals nach 1945 wieder in einen Krieg, den Kosovo-Krieg, Es war ein Nato-Einsatz, völkerrechtlich mehr als umstritten.

Pass der jüdischen Mutter gefälscht

Zurück zu Schwarz-Schilling. Er war gerade Gesprächspartner von Friedhelm Ost in der Reihe „Forum Adenauer-Bonner Köpfe“ im Haus des Kuratoriums Konrad-Adenauer in Rhöndorf am Rhein, dort wo der „Alte“, der erste Bundeskanzler nach dem Krieg zu Hause war. Etwas gebeugt betrat er den Saal, gefüllt mit vielen alten Freunden der CDU, Bekannten und Mitstreitern aus jener Zeit, als der CDU-Mann Post-Minister war.

Schon der Anfang des Gesprächs überraschte. Denn der CDU-Politiker Schwarz-Schilling bekannte, dass er nach dem Krieg, von seinem Vater vor die Wahl gestellt, ob er in Berlin eher dem CDU-Mann Schreiber oder dem SPD-Mann Ernst Reuter zustimme, dem Regierenden Bürgermeister näher stand. Ernst Reuter, weltbekannt geworden bei der Berliner Luftbrücke, als er in einer öffentlichen und sehr bewegenden Rede vor 300000 Berlinern auf dem Platz der Republik vor dem Reichstag die Welt um Hilfe bat:  „Ihr „Völker der Welt,  ihr Völker in Amerika, in England, In Frankreich, in Italien! Schaut auf diese Stadt und erkennt, dass ihr diese Stadt und dieses Volk nicht preisgeben dürft.“ Übrigens war der junge Willy Brandt einer der engsten Mitarbeiter Reuters zu dieser Zeit.

Schwarz-Schilling stammt aus einem eher großbürgerlichen Elternhaus, sein Vater war ein Anhänger Adenauers. In Innsbruck 1930 geboren, verschlug es die Familie zunächst nach Berlin. Sein Vater war ein Komponist und Dirigent, seine Mutter eine polnische Jüdin, die in der Nazi-zeit das Glück hatte, dass man ihren Pass bewusst fälschte, sodass nur der polnische Name übrigblieb, das Jüdische hatte man wohlweislich gelöscht. Dabei hat man sie auch um neun Jahre älter gemacht. Wer weiß, was mit der Mutter sonst geschehen wäre, die meisten Juden wurden in Konzentrationslager verschleppt und dort ermordet. Der Sohn wusste von all diesen Dingen nichts, er hat es erst nach dem Tod der Eltern durch das Studium von Akten erfahren. NS-Jahre und Kriegszeit waren auch schwer für die Kinder der Schwarz-Schillings, weil die Eltern mehrfach ungebetenen Besuch der Gestapo erhielten und in deren Gebäuden vernommen wurden. Niemand wusste, ob man aus solchen Verhören wieder lebend herauskam, also gaben die Eltern die Lebensmittelkarten an Nachbarn weiter, damit die im Notfall die Kinder ernähren konnten.

Humanitäre Hilfe für Kinder in Not

Den Jungen hat diese Zeit, die er ja bewusst erlebt hat, geprägt. Vielleicht oder sicher rührt sein späteres Engagement gegen den Krieg in Bosnien daher, die Hilfe für Kinder, die im Krieg erkrankten und ihre Eltern verloren. Sein Einsetzen für die Menschenrechte und viele humanitären Hilfen, heute noch für bedrängte Menschen auf dem Balkan und in Tibet. Das ist die eine Seite des Schwarz-Schilling.

Die andere zeigt einen sehr erfolgreichen Menschen, der in Berlin Sinologie studiert, 1960 der CDU beitritt, er wohnt inzwischen in Hessen, schafft den Sprung in den Landtag, wird Generalsekretär der hessischen CDU. Es ist die Zeit der Kämpfe zwischen SPD und CDU, Hessen ist rot damals, dagegen rennt einer wie Alfred Dregger unterstützt von Schwarz-Schilling an. Die 68er Jahre werden präsent an diesem Abend im Adenauer-Haus, als Schwarz-Schilling von der Kulturrevolution in Hessen spricht, unter Leitung eines gewissen Kultusministers Ludwig von Friedeburg, dem Erfinder der umstrittenen „Rahmenrichtlinien“. Man merkt, wie Schwarz-Schilling sich noch heute erregt über dessen Pläne, die in CDU-Augen eine „ideologische Verbrämung“ darstellten. Gesamtschulen statt dreigliedriges Schulsystem.  Pikant, dass Friedeburg selber seine Kinder auf klassische Schulen schickte. So hat es ja auch NRW-Kultursminister Jürgen Girgensohn damals mit seinen Kindern gehalten.

Von 1982 bis 1992 war Schwarz-Schilling in den verschiedenen Kabinetten des Helmut Kohl, stets als Postminister, der später den Umbau der Post, die Privatisierung anpacken und umsetzen musste. Es  entstanden  die Dax-Konzerne Post, Postbank und Telekom. Die Stadt Bonn, meint Friedhelm Ost,  müsste dem ehemaligne Minister dafür eigentlich ein Denkmal setzen. Weiß Gott, Tausende von Arbeitsplätzen entstanden entlang der Bundesstraße 9 in der ehemaligen Bundeshauptstadt, die heute nur noch Bundesstadt ist. Dass Bonn den Wegzug des Politikbetriebs nach Berlin so gut, ja reibungslos überstanden hat, verdankt sie auch dieser tiefgreifenden Reform.

Er würdigt Willy Brandt 

Angesprochen auf die Kanzler dieser Republik, von Konrad Adenauer, über Ludwig Erhard, Kurt-Georg Kiesinger, Willy Brandt, Helmut Schmidt, Helmut Kohl, Gerhard Schröder, Angela Merkel, würdigt der CDU-Politiker Schwarz-Schilling vor allem den SPD-Kanzler Willy Brandt und räumt ein, dass er wegen der heftigen innenpolitischen Kämpfe der Union gegen Brandts Politik das wirkliche Ausmaß dieser weitreichenden Reformen erst später erkannt habe. Die Entspannungs-, ja die Aussöhnungspolitik des SPD-Kanzlers mit Polen und der Sowjetunion, der Friedensnobelpreis, alles gehört in diesen Kontext. Der Wahlkämpfer Schwarz-Schilling erwähnt, dass er eine Wahlkampfbroschüre, die sein Mitarbeiter in Hessen entworfen hatte mit Angriffen gegen Brandt und Vorwürfen wegen dessen Namens- gemeint Brandt alias Herbert Frahm, das uneheliche Kind- habe einstampfen lassen.

„Wir haben mit unseren Kanzlern Glück gehabt“, zieht Schwarz-Schilling ein Fazit. Es seien alles Persönlichkeiten gewesen, die Deutschland nicht geschadet hätten, im Gegenteil sie wären gut gewesen für die Republik. Helmut Schmidt erwähnt er und dessen brüske Art, wie er den damaligen Oppositionsführer  fast immer mit „Herr Abgeordneter Dr. Kohl“ anzusprechen pflegte. In der Tat redete der Hamburger gegenüber Kohl von oben herab und musste dann am 1. Oktober 1982 Helmut Kohl zum Sieg im konstruktiven Misstrauensvotum gratulieren. Der Rest ist bekannt, zu Erhard muss man nichts sagen, er war nur kurz im Amt wie auch Kiesinger, der nicht merkte, als Brandt und Walter Scheel hinter seinem Rücken die sozialliberale Koalition verabredeten. Kein Wort zu Schröder, keines zu Merkel. Und zu Kohl muss er auch nicht viel ausführen, schließlich saß er am Kabinettstisch des Pfälzers.

Dass das Ansehen der Politiker so gelitten habe, ist ein Thema an diesem Abend, der einstige Journalist Friedhelm Ost weist aber daraufhin, dass Journalisten mindestens genauso schlecht dastünden, fragte man das Volk. Dann zur AfD. Schwarz-Schilling hat erlebt, wie die NPD in den späten 60er Jahren in Landtage, darunter in Hessen einzog. Er schildert und ist darüber heute noch verwundert, wie die Weltpresse sich auf die wenigen Abgeordneten der NPD in Hessen gestürzt hätten. „Die waren 8, wir 26, aber für uns interessierten sie sich nicht.“ Die Krise oder das Ende der Volksparteien? Der alte CDU-Mann argumentiert auch hier mit großer Leidenschaft, mit Händen und Füßen und starker Stimme. In der Demokratie gehe es nun mal auf und ab. Damals habe man die NPD-Leute nicht so beachtet. schildert er. „Wir haben sie am ausgestreckten Arm verdursten lassen und so war der Spuk schnell vorbei.“ Man müsse sich klüger verhalten, rät er, Politiker und Journalisten, und dürfe nicht jeden Satz der AfD zu einem großen Ereignis hochschreiben.

 

 

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Alfons Pieper

arbeitete als stellvertretender Chefredakteur und Berliner Chefkorrespondent für die WAZ. 2009 gründete Pieper den Blog "Wir in NRW". Heute ist er Chefredakteur des Blogs der Republik.


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