Rocky

Gibt es noch Rockys?

In dieser Woche kommt der Film Creed II in die Kinos. Er ist die reichlich gekünstelte Fortsetzung der sechs Rocky- Filme und des ersten Creed- Streifens. Sylvester Stallone alias Rocky Balboa coacht den Sohn seines früheren Ring- Kontrahenten Apollo Creed und nun trifft Creed Junior auf einen jungen russischen Boxer, der der Sohn eines späteren Gegners von Balboa ist. Die Creed- Filme sind so etwas wie eine weniger gut ausgeleuchtete Nebenstraße des Broadway. Der Broadway – das sind die grandiosen Rocky –Filme mit Sylvester Stallone in der Hauptrolle, über den Wolfgang M. Schmitt in der NZZ jetzt schrieb, “in seiner Kämpfernatur spiegelt sich der Niedergang einer ganzen Klasse: Seit vierzig Jahren zeichnet Sylvester Stallones Saga das Bild des kleinen Mannes in Amerika.“

Als ich den Rocky I -Streifen gesehen hatte,  war ich zuerst halb abgestoßen, halb irritiert. Später faszinierte mich Rocky/Stallone. Denn der siegte nicht einfach nur – auch mit nahezu zugeschlagenen Augen, sondern der ließ sein Milieu in Philadelphia siegen, seine Herkunft. In milderer Form war das bei Gustav „Bubi“ Scholz so, der seine Gegner auch für Westberlin ausknockte. Rocky hingegen verließ sein Milieu nicht, um neben den Reichen und den Schönen die Sonnenseite zu finden, sondern er blieb. Rocky verließ auch Adriana nicht (als Adrien´ in fünf Filmen Talia Shire), wie das in Aufsteigergeschichten üblich ist, sondern er blieb bei seinem Mädchen. Treu und täppisch zugleich. Niedergeschlagen nach ihrem Krebstod. Pyramus und Thisbe sozusagen.

Meine Faszination hat eine Vorgeschichte. Wir Älteren und Alten kennen Männer, die wie Rocky ihre Aufgaben annehmen aus Kindheit und unserer Jugend,  aus unseren eigenen Milieus, in denen die Häuser Wand an Wand standen, die Frauen vertraut miteinander waren, der Klatsch nur manchmal böse. Jede Familie war im Anschreibbuch des Lebensmittelgeschäfts um die Ecke zu finden, die Gärten waren klein und durch die Stangenbohnen-Wälder geprägt. Diese Männer in ihren Hosenträgern arbeiteten hart, gingen selbstverständlich anständig mit ihren Frauen um, sie ließen ihre Kinder selbstverständlich reden, mitreden und laut sein, setzten aber auch Grenzen, verteidigten ihr Stückchen Erde.  Es waren natürlich nicht alle so, aber manche waren so. Irgendwo trugen sie etwas von Rocky mit sich herum.

Film, Fernsehen, Literatur in Deutschland (West) haben diesen  Teil der Zivilisationsgeschichte verschenkt. Vertan. Max von der Grün ist Mega- out, wie es heißt. Aus dem Manfred Krug des DDR- Films „Spur der Steine“ wurde in der BRD Kommissar Paul Stoever mit dem Stumpen im Mund. Am schlimmsten aber: Ekel Alfred. Der WDR hat aus Alfred mit den Hosenträgern einen chauvinistischen, frauenverachtenden, rassistischen Ewiggestrigen gemacht. Oder ihn so erdacht. Einen Anti- Rocky. Mit einer einzigen Dimension, die Lachen auslöste. Eigentlich eine arme Sau. Nicht mal Rockys unbeholfene Sanftheit hatte man ihm gelassen oder gegeben.

Chancen auf anderes als E. Alfred waren ja da. „Liebe Mutter, mir geht es gut“, von Christian Ziewer oder auch „Rote Erde“ von Klaus Emmerich. Aber lieber waren den Westdeutschen Lore-Romane und Ähnliches in Farbe. Den Typus des Schauspielers aus der Arbeiterklasse mit Können, Stehvermögen, Schnauze, Fäusten und viel Menschenliebe im  Herzen gab es und gibt es immer noch: Klaus Löwitsch zum Beispiel und Günter Lamprecht. Der war „Milo Barus, der  stärkste Mann der Welt“. Im Film „Rückfälle“ besiegte er den Alkoholismus. In Döblins „Alexanderplatz“- Verfilmung machte der Mann aus der Arbeiterklasse sich unsterblich.

Und heute? Das ist nichts mehr bis auf die Hau-Draufs ohne Bodenhaftung und Sternenglanz. Heute, am 24. Januar lese ich auf Seite 1 der Taz im Foto über eine Klimaschutz-Demonstration auf einem Protestplakat, offenbar von einer Schülerin in die Kamera gehalten: „Warum zur Schule gehen, wenn es keine Zukunft gibt?“

Das ergibt keine Rockys, meine ich…. Oder doch? Irgendwo ist vielleicht einer unterwegs, der jetzt Pakete ausfährt oder im ICE die Tickets kontrolliert; einer der es drauf hat und der nur gefunden werden muss. So wie der große Bert B. das meinte, als er sagte:  „Sie verstehen mich: je „vernünftiger“, „feiner“ und „gesellschaftsfähiger“ der Sport wird, und er hat eine starke Tendenz dazu, desto schlechter wird er.“

 

Bildquelle: flickr, AntMan3001CC BY-SA 2.0

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Klaus Vater
Über  

Redakteur 1972 und bis 89 in wechselnden Redakteursaufgaben. 90 bis 99 wiss. Mitarbeiter der SPD-Bundestagsfraktion, Büroleiter Dreßler, 2000 Sprecher Bundesarbeitsministerium, dann des Bundesgesundheitsministeriums, stellv. Regierungssprecher; heute: Publizist, Krimiautor, Lese-Pate.


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