Hans-Jochen Vogel 1988

Hans-Jochen Vogel – einen wie ihn bräuchte die SPD. Am Sonntag, 3. Februar, wird er 93 Jahre alt

Er wird sich, so wie ich ihn kennengelernt habe, zur aktuellen Lage seiner SPD nicht äußern, zumindest nicht so, dass dies als Angriff auf die Führung der Partei verstanden werden könnte. Das macht Hans-Jochen Vogel nicht. Er  war stets loyal und hat gern gedient, der Sache, der Stadt, dem Land, dem Bund, der Partei.  Aber er wird leiden an der Existenzkrise, in der sich die älteste deutsche Partei befindet. Einen garantierten Ausweg aus diesem Dilemma weiß niemand, aber einer wie Hans-Jochen Vogel fehlt der SPD heute. Ein Vorbild in vieler Hinsicht, ein leidenschaftlicher Demokrat, ein Parteisoldat, der gerackert hat sein Leben lang. Es war nicht zum Schaden der Partei. Am Sonntag, 3. Februar, wird er 93 Jahre alt. Er lebt seit einigen Jahren zusammen mit seiner Frau in einem Altenheim in München.

Wer ihn erlebt hat, kann für die heutige SPD-Führung gerade noch Mitleid haben. Vogel war präsent, ihn hätte man zu jeder Zeit zu jedem Thema, das die Welt bewegt, befragen können. Er hätte eine Antwort parat gehabt, sachlich fundiert, präzise formuliert, Punkt für Punkt offensiv vorgetragen. Der Mann hatte das, was man Ahnung nennt.  Er war stets vorbereitet auf den Tag X, den Fall X oder wie immer man den Eventualfall bezeichnen will. Man frage die Sozialdemokraten, die unter seiner Führung als Fraktionschef der SPD nach dem berühmten Herbert Wehner Stellvertreter waren. Sie waren so etwas wie Dezernenten, jeder war für einen bestimmten Bereich verantwortlich, musste in der Lage sein, dazu an jedem Tag und zu jeder Uhrzeit eine Rede vom Pult des Bundestages zu halten oder dem jeweiligen Fach-Minister Paroli bieten zu können. Gesetzentwürfe wurden erarbeitet, die es der SPD ermöglich hätten, zu jeder Zeit die Regierung abzulösen. Vogel nahm das ernst, die Rolle der Opposition, die ja die Alternative zur Regierung darstellen soll, die bereit sein soll, wenn diese Regierung mal platzt. Was nicht geschah, aber er wäre darauf vorbereitet gewesen. Seine Arbeitsintensität, seine Disziplin, seine penible Genauigkeit in der Sache, all das hatte er übertragen auf die SPD-Politiker im Bundestag. Der eine oder andere mag darüber und über eine Klarsichthüllen gelächelt oder gestöhnt  haben, der SPD und ihrem Ansehen draußen beim Wähler hat das nicht geschadet. Im Gegenteil, damit konnte man punkten als Oppositionspartei.

Ohne Übertreibung kann man über Vogel heute sagen: Er gehörte zu den Großen der Sozialdemokratie nach dem Zweiten Weltkrieg. Und er kann über seine Arbeit und sein Leben sagen: Ich bin mit mir im Reinen. Was nicht bedeutet, dass er keine Fehler gemacht, keine Schwächen gezeigt hätte. Aber die Art und Weise, wie er Politik machte, mit großem Einsatz, mit oft hochrotem Kopf, ohne sich zu schonen, das war vorbildlich.  Der Mann nötigte einem Respekt ab, nicht nur, weil er pünktlich war auf die Minute. Das war er ganz bewusst. Warum sollte er jemanden warten lassen, mit dem er verabredet war? Das gehört sich nicht, das hätte er von anderen auch so erwartet. Pünktlichkeit ist die Höflichkeit der Könige, so hat es Ludwig XVIII formuliert. Ich erinnere mich an die Frühstücke in der Hamburger Landesvertretung, die jeden Dienstag in Sitzungswochen stattfanden, meist um 8 Uhr in der Früh. Für mich war das nicht ganz einfach, ich wohnte in Bornheim im sogenannten Vorgebirge, mit dem Auto dauerte das gute 20 Minuten, bei Stau länger. Und wenn man zu spät kam, also fünf Minuten nach 8 Uhr, waren die äußeren Flügeltüren schon geschlossen, nur die mittlere Tür zum Frühstücks-Saal war geöffnet. Und genau da saß Hans-Jochen Vogel. Wer durch diese Tür kam, lief ihm genau in die Augen. Und dieser Blick über den Zuspätgekommenen sagte eigentlich alles.

Als die SPD Meinungsführer war

Heute fragen sich manche Beobachter:  Was ist eigentlich mit der SPD los, was macht die aktuelle Führung der Partei, wo sind Andrea Nahles und ihr Generalsekretär Lars Klingbeil? Sind die verreist, im Winterschlaf, haben sie vereinbart mit der parteipolitischen Konkurrenz, bis zum Frühjahr oder Sommer auf Tauchstation zu gehen? Man hört nichts von ihnen, sie sind nicht präsent, finden nicht statt in den Debatten, die die Gesellschaft der Republik beschäftigen. Das war doch mal ganz anders, die SPD war Meinungsführer, ihre Repräsentanten waren auch im vorpolitischen Raum aktiv, in Fragen, die die Kultur betrafen, die Kunst, das Theater, die Schule, die Gesellschaft, überall da sah und hörte man Sozialdemokraten. Nichts ist von der heutigen SPD in solchen Zirkeln zu hören oder zu lesen. Die Union hat sich wieder berappelt, die Stab-Übergabe von Angela Merkel zu Annegret Kramp-Karrenbauer in der Führung der CDU hat funktioniert, die CDU hat offensichtlich ihr Tief überwunden und peilt wieder Werte an, die über 30 Prozent liegen. Da ist Musik drin, Bewegung. Bei der SPD dagegen Totenstille.

Man hört nichts zur AfD, dabei wäre der Kampf gegen die Rechtspopulisten doch ein Thema der Sozialdemokraten, angesichts ihrer eigenen Geschichte. Gerade wurde an die Befreiung des KZ Auschwitz durch die Rote Armee Ende Januar 1945 erinnert, der Opfer des Nationalsozialismus gedacht. Mir fällt dazu immer der Name von Willy Brandt ein, der vor den Nazis nach Skandinavien floh, und sich später manches böse Wort von den Nationalisten in Deutschland anhören musste, der langjährige SPD-Vorsitzende, Friedensnobelpreisträger, der Mann, der im Warschauer Ghetto niederkniete und um Verzeihung bat. Mir fällt auch der Name des SPD-Chefs ein, der 1933 das Nein der SPD zum Ermächtigungsgesetz der Nazis begründete: Otto Wels. Die SPD war die einzige deutsche Partei, die mit Nein gestimmt hat und dies tat unter großer persönlicher Gefahr. Viele Sozialdemokraten wurden von den Nazis verfolgt, in die Konzentrationslager gesteckt, ermordet. Aber auch das ist kein Thema, ganz offensichtlich nicht, obwohl die Rechtsaußen sich breit machen in Deutschland und in Europa, die Nationalisten und Rassisten, Fremdenfeinde und Antisemiten.

Hans-Jochen Vogel hat vor Jahren  einen Verein mitbegründen helfen: „Gegen das Vergessen und für Demokratie.“ Der Verein wendet sich gegen jede Art von Extremismus und Rassismus. Es gelte, die Erfahrungen weiterzugeben, gerade heute, da die Augenzeugen weniger werden. Den jungen Menschen sagen, wo es endet, wenn Menschenrechte verletzt, wenn die Menschenwürde mit Füßen getreten wird, wenn Hetz-Parolen das Denken ersetzen. Das macht einer wie Vogel noch heute. Man höre sich die Interviews an, die er im letzten Jahr gegeben hat. Da rühmte er den letzten Überlebenden der 94 SPD-Abgeordneten im Reichstag, Josef Felder, mit dem er  nach dem Krieg des öfteren gesprochen habe. Und Felder habe ihm immer wieder erzählt, wie die Reichstags- und die vorangegangene Fraktionssitzung abgelaufen waren. Felder habe immer wieder die Werte der SPD erwähnt: Freiheit, Gerechtigkeit, Solidarität, Einsatz für die Schwächeren.

Kritik an sozialer Ungleichheit

In einem Interview mit der „Zeit“ Ende letzten Jahres hatte Vogel betont, „dass wir der zunehmenden sozialen Ungleichheit innerhalb der Gesellschaft .. Bedeutung zumessen“.  Den Mindestlohn begrüßte er, kritisierte aber, dass Vorstandsvorsitzende großer Unternehmen früher das Zwanzigfache ihrer Facharbeiter bekommen hätten und heute das Zweihundert- und Dreihundertfache. Solche Einkommenssteigerungen müssten „stärker für das Gemeinwesen in Anspruch genommen werden“. Gemeint wohl eine entsprechende Besteuerung. Vogel bemängelte weiter, dass der Anteil der Lohnsteuer am Gesamtsteueraufkommen seit 1960 von 12,2 Prozent auf 26,1 Prozent gestiegen sei, der Anteil der Unternehmenssteuern aber von 19,9 Prozent auf 9,9 Prozent gesunken sei. Gerechtigkeit sieht anders aus. Aktuell könnte man hier den Fall des Daimler-Chefs Zetsche erwähnen, der nach Ausscheiden in Stuttgart eine Betriebsrente von über 4000 Euro erhält- am Tag.

Im einem anderen Interview empfiehlt Vogel seiner Partei, sich mit den Wählerinnen und Wählern der AfD zu beschäftigen. Sie alle als Rechtsextremisten und Neonazis zu bezeichnen, sei keine geeignete Form der Auseinandersetzung. Man müsse die AfD-Wähler zum Nachdenken bringen, meinte Vogel und dürfe diese fünf bis sechs Millionen Menschen nicht einfach beiseite schieben. In dem Interview zitiert der Katholik Vogel aus der Bibel, Matthäus 25: „Ich war hungrig und ihr habt mir zu essen gegeben, ich war durstig und ihr habt mir zu trinken gegeben, ich war fremd und ihr habt mich aufgenommen, ich war nackt und ihr habt mir etwas anzuziehen gegeben, ich war krank und ihr habt mich versorgt.“ Vogel will das nicht nur als Nächstenliebe verstanden wissen, sondern als Aufgabe des Sozialstaats, damit Menschen gar nicht erst in diese Situation geraten, also nicht hungrig und durstig und krank würden.

Führen heißt dienen

Von Hans-Jochen Vogel könnten die heutigen Sozialdemokraten vieles lernen. Was hat der Mann nicht alles erlebt? Der Sohn eines Professors für Tierzucht und Milchwirtschaft war Soldat im Krieg-in Italien- und studierte danach Jura. Nein, er war kein Einserjurist, das hat er mal im Gespräche mit Journalisten klargestellt.  Mit 34 Jahren war er der jüngste OB in Deutschland, nämlich in München. Als OB gelang ihm das Kunststück, die Olympischen Spiele in die heimliche Hauptstadt zu holen. Im Kabinett von Willy Brandt war er Bauminister, In der Regierung Schmidt Justizminister. Als die SPD ihn rief, ging er nach Berlin als OB, verlor aber gegen Richard von Weizsäcker. In Bonn war er nach dem Verlust der Macht Kanzlerkandidat der SPD gegen Helmut Kohl, dann Fraktions- und später Parteichef. In der für ihn typischen Art sagte er anläßlich seines 80.Geburtstages. „Ich bin dankbar für die Aufgaben, die mir gestellt wurden und fügte an die Adresse der potentiellen Nachfolger hinzu: „Führen heißt dienen.“

Bequem war dieser Mann nie.  Ich habe ihn auf Parteitagen der SPD unter dem Kanzler Gerhard Schröder erlebt, wie er Schröder zur Seite stand und für die heftig umstrittenen Reformen gefochten und sich vehement gestemmt hat gegen die Jammerei von Teilen der Gesellschaft über die angebliche Krise des Staates. „Wir versündigen uns, wenn wir den Blick auf die andere Welt vergessen. 80 Prozent der Menschen wären froh, wenn sie in unserer Lage wären.“ Und noch eins dürfe man nicht vergessen: „Wir haben seit 75 Jahren Frieden.“

Und vielleicht hat der Dr. Vogel, wie wir Journalisten ihn immer respektvoll nannten, ja Recht mit dem, was er mir schon vor Jahren gesagt hat: „Die SPD hat in ihrer ruhmreichen und langen Geschichte schon härtere Proben bestanden.“

Bildquelle: Wikipedia, Bundesarchiv, B 145 Bild-F079276-0009 / Reineke, Engelbert / CC-BY-SA 3.0

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Alfons Pieper

arbeitete als stellvertretender Chefredakteur und Berliner Chefkorrespondent für die WAZ. 2009 gründete Pieper den Blog "Wir in NRW". Heute ist er Chefredakteur des Blogs der Republik.


'Hans-Jochen Vogel – einen wie ihn bräuchte die SPD. Am Sonntag, 3. Februar, wird er 93 Jahre alt' hat einen Kommentar

  1. 11. Februar 2019 @ 19:49 Peter Burgard, Dr. math.

    Dem Inhalt dieses Artikels kann ich tatsächlich voll und ganz zustimmen. Es stimmt, so einen Denker wie H.-J. Vogel bräuchte die SPD. Ich habe den Eindruck, die Führung der SPD versagt auf der ganzen Linie. Sie werden weiter an Zustimmung verlieren, die Partei ist weichgespült…erst jetzt an die Hartz IV-Gesetze zu gehen, sie abzuschaffen bzw. zu ersetzen, ist längst überfällig. Die Partei hat zu wenig Profil zur CDU. Wo bleibt die Gesetzesänderung zur gesetzliche Krankenversicherung für alle. Ich habe riesige Probleme (werde im März 73) mit der privaten KV, kann sie nicht mehr bezahlen, sie „frisst“ meine Unfallversicherung gänzlich auf.

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