Jürgen Brauteier mit Familie

Harte Weihnachtszeiten gab es auch schon früher – aber trotzdem war es schön

In den 1950er Jahren, in denen ich als Kind in einer Kleinstadt in Westfalen aufwuchs, bevor es meinen Vater beruflich – und damit auch meine Mutter und mich – ins Rheinland verschlug, war der Erste Weihnachtstag das große Familienfest im Elternhaus meiner Mutter. Als Kohlenhändler hatte die Familie schon unmittelbar nach dem Kriegsende wieder gut ins Geschäft zurück gefunden, das in den Folgejahren noch um einen Baustoffhandel erweitert wurde. Mein Großvater war 1945 drei Tage nach Weihnachten bei einem Autounfall tödlich verunglückt, weshalb für meine Großmutter das Weihnachtsfest wahrscheinlich immer mit traurigen Erinnerungen verbunden war. Wir Kinder, und wir waren – katholische Familie – zahlreich, merkten davon natürlich nichts, dafür waren wir noch zu klein. Für jeden gab es ein (!) Geschenk, das natürlich jeweils die Eltern besorgt hatten. Da ich zu den älteren Kindern gehörte, war mein Geschenk Weihnachten 1959 etwas sehr Praktisches: ein lederner Schulranzen! Damals wurde noch immer zu Ostern eingeschult, so dass dies natürlich sehr zweckmäßig und passend war. Ob ich mich darüber gefreut habe, weiß ich nicht so genau. Aber auf den Bildern von damals sieht man mich in der Nähe der Plätzchenschalen, die es für jedes Kind gab, mit meinem neuen Tornister auf dem Rücken. 

Das Geschäft war nach dem Tod meines Großvaters nicht an die Älteste, nämlich meine Mutter, sondern an einen der jüngeren Söhne gegangen, der erst 1947 aus französischer Kriegsgefangenschaft zurückgekehrt war. Obwohl meine Großmutter auch geschäftlich noch jahrelang das Regiment führte, war das damals die natürliche Erbfolge, die Töchter kamen nicht in Betracht. Später habe ich mich oft gefragt, ob meine Mutter dies als ungerecht empfunden hat. Intelligent und resolut genug wäre sie gewesen, als Frau auch geschäftlich ihren Mann zu stehen, wenn man das überhaupt noch sagen darf. Auch in der nächsten Generation waren die Töchter übrigens nicht diejenigen, die das Geschäft hätten übernehmen dürfen. 

Also auch meine Mutter wird diese Weihnachtsfeiern im Elternhaus möglicherweise mit sehr gemischten Gefühlen erlebt haben. Aber sie war eine starke Frau, die vermutlich aus damaliger Sicht auch noch unter Wert geheiratet hatte, denn ihr Mann, mein Vater, stammte von einem Bauernhof und arbeitete als kleiner Beamter in der Stadtverwaltung. Für uns Kinder war Weihnachten, solange unsere Großmutter noch lebte, auf jeden Fall ein lebendiges und fröhliches Fest, bei dem viel gesungen wurde und die Oma im Mittelpunkt stand. Ich weiß natürlich auch nicht mehr, ob über meinen Großvater oder auch den ältesten Sohn der Familie gesprochen wurde, dessen Briefe aus Stalingrad ausgerechnet zu Weihnachten 1942 und Neujahr 1943 sein letztes Lebenszeichen gewesen und der nicht aus dem Krieg zurückgekehrt war. 

Ob die Zeit bei den Betroffenen alle Wunden geheilt hat, darf man bezweifeln. Auch das Weihnachtsfest 2020, das wir in Corona-Zeiten feiern, wird Wunden hinterlassen. Aber genauso darf man bezweifeln, dass es das bisher härteste Weihnachtsfest sein wird, das wir nach dem Kriegsende erleben. Für die Nachkriegsgeneration mag dies auf den ersten Blick zutreffen. Aber die Erinnerung an die vorherigen Generationen zeigt, dass es sich um  ein Jammern auf hohem Niveau handelt. Wie so oft ist ein historischer Bezug nicht immer geglückt, selbst wenn man erkennt, warum er gemacht wurde.

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Jürgen Brautmeier

Der Historiker war bis 2016 Direktor der nordrhein-westfälischen Landesmedienanstalt und von 2013 bis 2015 Vorsitzender der Arbeitsgemeinschaft aller deutschen Landesmedienanstalten. Heute lehrt er als Honorarprofessor an der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf Geschichte sowie Kommunikations-und Medienwissenschaft.


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