Mahn- und GEdenkstätte mit Reichstag

Kalkulierter Tabubruch – Nur ein Vogelschiss? Gauland redet Nazi-Zeit klein

Die Ermordung von sechs Millionen europäischen Juden war ein Zivilisationsbruch, ein Menschheitsverbrechen, begangen von einer Nation, die kulturell zum Westen gehörte und darum an westlichen Maßstäben gemessen wurde, so urteilt der Historiker Heinrich-August Winkler in seinem umfassenden Werk „Geschichte des Westens“. Und ebendies war der „Kern der deutschen Katastrophe“, wie das der Historiker Friedrich Reinecke schon 1946, ein Jahr nach dem Ende dieses schlimmsten aller bisherigen Kriege geschrieben hatte. Bis zu 60 Millionen Tote, allein 27 Millionen Opfer davon auf dem Gebiet der Sowjetunion, hier wie in Polen führte Hitlers Wehrmacht einen beispiellosen Vernichtungskrieg. Große Teile Europa lagen in Schutt und Asche, Städte glichen Ruinen. Und doch erlaubt sich AfD-Chef Alexander Gauland von einem „Vogelschiss“ in 1000 Jahren erfolgreicher deutscher Geschichte zu reden. Verantwortungslos, hemmungslos der Mann. Aber diese Art von Hetze Gaulands ist kalkuliert. Er zählt auf die völkischen Stammtischbrüder, auf all jene, die gern einen Schlussstrich ziehen würden unter dieses größte Verbrechen, begangen von Deutschen.

Und war es nicht so, dass viele Nazis nach dem Ende dieser Diktatur einfach weitermachen konnten als Juristen und in anderer Funktion, viele, zu viele wurden nicht zur Verantwortung gezogen, zu viele wollten von all diesen Verbrechen nichts gewusst haben. Der frühere Bundespräsident Richard von Weizsäcker hatte in seiner Rede zum 8. Mai 1945, gehalten 40 Jahre später, darauf hingewiesen und von einer Befreiung der Deutschen von der NS-Diktatur durch die Alliierten gesprochen. Nur ein Vogelschiss? Als ich das erste Mal die KZ-Gedenkstätte des Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau besuchte im Jahre 1989, wurde mir angesichts der Bilder fast schlecht. Man schämt sich als Deutscher und würde am liebsten im Boden versinken. Dass überhaupt jemand mit Deutschen nach dem Krieg sprach, grenzt angesichts der Verbrechen der Nazis an ein Wunder. Und viele Deutsche waren Nazis, auch wenn sie es nachher nicht mehr wahrhaben wollten.

Größtes Verbrechen der Weltgeschichte

Nur ein Vogelschiss? Neben dem Holocaust fanden weitere Massenmorde durch die Nazis statt: So wurden viele Geisteskranke umgebracht, ein Großteil der polnischen Elite wurde getötet, Millionen Weißrussen kamen durch die Nazis ums Leben wie Ukrainer, Russen und andere Völker der Sowjetunion fielen dem Hungertod zum Opfer. Die Zahl der Opfer unter der sowjetischen Zivilbevölkerung schätzt Winkler auf bis zu 15 Millionen. Nichts zu vergessen die Kriegsgefangenen, erschossen, erschlagen durch Nazis oder man hatte sie einfach verhungern lassen. Zugleich wurden Hunderttausende von Sinti und Roma umgebracht.   „Es besteht kein Zweifel“, so schrieb Winston Churchill im Juli 1944 an Anthony Eden, „dass es sich hier um das wahrscheinlich größte und schrecklichste Verbrechen der ganzen Weltgeschichte handelt, das von angeblich zivilisierten Menschen im Namen eines großen Staates und eines früheren Volkes Europas mit wissenschaftlichsten Mitteln verübt wird.“ Zitiert nach Winkler. Als aus dem Volk der Dichter und Denker das Volk der Richter und Henker wurde.

Nur ein Vogelschiss? „Wer den einzigartigen Bruch mit der Zivilisation kleinredet, der sät neuen Hass“, sagte Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier, ohne Gauland persönlich zu erwähnen. Wer diese Verbrechen kleinrede, leugne oder relativiere, der verhöhne nicht nur die Millionen Opfer, sondern der wolle auch ganz bewusst alte Wunden  aufreißen. Und dem müsse man gemeinsam entgegentreten. Der Bundespräsident äußerte sich bei einem Festakt in Berlin zum 10. Jahrestag des Denkmals für die im Nationalsozialismus verfolgten Homosexuellen. Übrigens hatte Gauland beim Jugendkongress der AfD-Nachwuchsorgsanisation „Junge Alternative“ geredet. Sein von vielen Seiten kritisierter Satz wurde von Teilnehmern mit Beifall quittiert.

Schlag ins Gesicht der Opfer

Auf Kritik stieß Gauland auch bei CDU-Generalsekretärin Annegret  Kramp-Karrenbauer. Sie nannte Gaulands Äußerungen einen „Schlag ins Gesicht der Opfer.  Auch Israels Botschafter in Deutschland, Jeremy Issacharoff, zeigte sich fassungslos. Dieser Blick auf die deutsche Geschichte sei nicht akzeptabel. Es ist im übrigen nicht das erste Mal, das sich Gauland relativierend über die Nazi-Zeit äußert. Vor längerer Zeit hatte er Aufsehen erregt mit seiner Forderung, über die Leistungen deutscher Soldaten in den Weltkriegen dürfe man mit Stolz reagieren. Dabei ist es nachgewiesen, dass nicht nur SS-Verbände Verbrechen beim Ostfeldzug begangen haben, sondern auch die Wehrmacht an der Liquidierung von Polen und Russen beteiligt war und dass auch sie ganze Ortschaften im Osten vernichtet wurden.

Gauland steht mit seiner Haltung nicht allein in seiner Partei, deren Mitglieder  immer wieder auch durch fremdenfeindliche Reden auf sich aufmerksam machen. So hetzen sie gegen Muslime, sprechen von Kameltreibern. Andere wie die AfD-Fraktionschefin Alice Weidel polemisierte gegen Burkas, Kopftuchmädchen und alimentierte Messermänner und sonstige Taugenichtse, die den Sozialstaat nicht sicherten.

Der Thüringer AfD-Vorsitzende Björn Höcke hatte vor Jahr und Tag das Holocaust-Mahnmal in Berlin als „Denkmal der Schande“ bezeichnet. Mit einem Ausschluss aus der AfD muss Höcke deshalb nicht rechnen. Gauland hält die Hand über Höcke. Er selber teilt ja auch immer wieder aus. Über die SPD-Politikerin Aydan Özuguz, die sich zum Thema deutsche Kultur geäußert hatte, hatte Gauland gesagt: „Ladet sie mal ins Eichsfeld ein und sagt ihr dann, was spezifisch deutsche Kultur ist. Danach kommt sie nie wieder her. Und wir werden sie dann auch Gott sei Dank in Anatolien entsorgen können.“ Beifall und Jubelrufe seiner AfD-Anhänger folgten, den Begriff „Entsorgen“ zog Gauland später zurück, ein Strafverfahren  wegen Volksverhetzung gegen ihn wurde eingestellt. So hat er es gern, der Biedermann und Brandstifter.

 

 

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Alfons Pieper

arbeitete als stellvertretender Chefredakteur und Berliner Chefkorrespondent für die WAZ. 2009 gründete Pieper den Blog "Wir in NRW". Heute ist er Chefredakteur des Blogs der Republik.


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