Straßenschild - Straßenumbenennung
Bildquelle: Wikipedia, WIKImaniac, CC BY-SA 3.0

Können Straßennamen krank machen?

Was sollen Straßennamen bedeuten? Sollen sie Vorbilder nennen? War Brecht für oder gegen die repräsentative Demokratie? Ist Ernst Moritz Arndt, der „Erfinder“ des Wortes „Erbfeind“ für „die Franzosen“ noch so sehr Vorbild, das eine Schule nach ihm heißen sollte? Sollen Straßennamen Begebenheiten, Ereignisse festhalten? Sollen sie politische Signale aussenden? Unrecht kennzeichnen, Unrecht gut machen?

Wie weit zurück soll das gehen? Kann die Hannoveranerin, die nun in den Bonner Kaiser-Karl- Ring zieht, verlangen: Der hat meine Vorfahren in Sachsen massakriert! Ich will, dass der Ring umbenannt wird! Der Karl muss weg! Sollen Straßennamen Stolz auf Herrschende festhalten? Opposition gegen Herrschende belegen? Sollen Straßennamen an  frühere Ortsbezeichnungen erinnern? Die Fantasie von Bürokraten beweisen? 

All das steckt in Straßennamen. Muss Mensch sich deswegen mit Straßennamen identifizieren? Lösen Straßennamen Krankheit aus wie Lärm oder Feinstaub? Bringen sie Hysterie in  Gang?  Können Straßennamen verletzen? Ist die Frage nach Verletzung durch Straßennamen bereits verletzend? Müssen Straßennamen dauerhaft sein?

Straßennamen befinden sich heute im „Kampfgebiet“. Sie sind „Beuteschema“ geworden. Den Hindenburgplatz beispielsweise umzubenennen – das wird heute als Akt der Reinigung, des Säuberns verstanden. Säuberns von was? Vom Mythos Hindenburg, wird geantwortet. Kann man Erinnerung säubern, wenn es keine Erinnerung gibt? Verliert Erinnern Farbe und Kontur, weil ein Straßenname fehlt?

Ist es auch ein Akt der Desinfektion? Was infiziert mich, wenn ich unter dem Straßenschild „Hindenburgplatz“ stehe; beziehungsweise wenn die elektronische Stimme im Bus ankündigt: Hindenburgplatz, alles aussteigen. Fehlt mit etwas, wenn ich das höre? Fehlt mir etwas, wenn ich das nicht mehr höre? Fühle ich mich besser, wenn es statt Hindenburgplatz heißt: Kurt Georg Kiesinger-Platz. Aber das geht ja auch nicht; der soll  ja fast so schlimm wie Hindenburg gewesen sein. Wie schlimm darf schlimm sein?

Wie viele Straßennamen  wurden seit Gründung der Republik umbenannt. Tausend? Zehntausend? 100 000? Seit 1989 im Osten? Ich kann sehr gut verstehen, dass die Nazi, Halb- und Viertelnazi aus den Straßenverzeichnissen „verschwunden wurden“. Das war okay.  Verständlich, dass auch Übeltäter aus den Reihen der SED abmontiert wurden: Das ist aber keine Gleichsetzung!

Nehmen sie das bitte zur Kenntnis. Das liegt mir fern. Obgleich ich Wessi mit „Osterfahrung“ bin…. Das sollte ich besser streichen, denn das Wort „Osterfahrung“ ist missverständlich. Also noch mal vor vorne: Was hat es mit den Straßennamen auf sich?

Sie werden anmontiert oder abmontiert. Sie stehen in allen möglichen Verzeichnissen, der Postbote hat sie im Kopf, der Straßenname erscheint auf dem Display des Leitsystems im Automobil. Aber damit geht es erst richtig los: Die Auto-Zulassung: ändern! Personalausweis: Ändern! Dass Deutschland das Land der Dichter und Denker ist, erkennt Mensch daran, dass es ganze Viertel gibt, in den die Straßen nach berühmten Menschen; Philosophen, Musiker, Literaten, Wissenschaftler benannt wurden.    

Ich meine: Ich bin da fein raus. Ich wohne in einer Straße, die nach dem Bach benannt worden sein könnte; vielleicht auch nach der Bache, also nach der Muttersau; eventuell auch nach einem Wort, das eine Lautverschiebung erlitten hat, von Backe zu Bache – was die Bedeutung von Krümmung, eines gekrümmten Rücken hatte,  mit dem bekannten Anhängsel dran, das mit A. anfängt.

Der Historiker Götz Aly hat seinerzeit einen hübschen Hinweis gegeben: „Sofern Straßen die Namen von Menschen tragen, erinnern sie nicht an Vorbilder, sondern an jene Kriterien, nach denen sich die Namensgeber in ihrer Zeit richteten. Sie dokumentieren Sitten, Vorlieben, Moden und Irrtümer. Natürlich waren weder Kaiser Wilhelm I. oder II. Vorbilder noch Bismarck oder Friedrich II. Aber sollen wir deshalb Straßen und Plätze umbenennen? Solche Namen werden entpolitisiert und in den Alltag eingeschmolzen.
Es geht ihnen nicht besser als der Spanischen Allee in Berlin-Zehlendorf. Sie erhielt ihren Namen 1939 zu Ehren der Legion Condor. Dafür interessiert sich heute kein Mensch mehr; die Leute denken bei diesem Namen nicht an die Verherrlichung des Bombenangriffs auf Guernica, sondern an Badeurlaub.“

Das wird viele nicht zufrieden stellen. Klar. Aber wie löst man das Problem? Die Probleme?

Man könnte zum Beispiel sagen: Wer zehn Jahre an einer Stelle – in einer Straße wohnte – darf über die  Benennung mitbestimmen. Warum? Weil jedes Jahr rund achteinhalb  Millionen in Deutschland umziehen, die meisten im Sommer und die meisten unter den meisten im Lebensabschnitt zwischen 20 und 40. Warum sollte jemand mitentscheiden, der demnächst nach Berchtesgaden oder Flensburg und Dresden umziehen wird?

Die unter-Zehnjährigen haben eben Pech. Ja, ja, das ist nicht gerecht. Für die gibt´s eine Ombudsfrau bzw. einen Ombudsmann.

Man könnte auch festlegen: Straßen bekommen zwei Namen. Einen dauerhaften – für die Post. Und unter den dauerhaften Namen wird ein Wechselrahmen anmontiert für Wünsche aus Nachbarschaft und Parteien oder Initiativen: In ungeraden Jahren darf links, in geraden Jahren rechts Vorschläge machen. Wenn Ihnen weiteres dazu einfällt: Melden Sie sich.

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Klaus Vater
Über  

Redakteur 1972 und bis 89 in wechselnden Redakteursaufgaben. 90 bis 99 wiss. Mitarbeiter der SPD-Bundestagsfraktion, Büroleiter Dreßler, 2000 Sprecher Bundesarbeitsministerium, dann des Bundesgesundheitsministeriums, stellv. Regierungssprecher; heute: Publizist, Krimiautor, Lese-Pate.


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