Kreuzfahrtschiff

Kreuzgefahren oder das Kreuz mit dem Tourismus

Ich habe es getan, das Kreuzfahren mit dem Schiff.

Es ist zwiespältig als Teilnehmer am Massentourismus den Massentourismus zu kritisieren – aber es ist notwendig und als Teilnehmer weiss der Autor wenigstens, wovon er schreibt.

Die Verführung

In unserem Fall sollten Ostseestädte erkundet werden; eine kannte nur diese, der andere nur jene und schon lange wollten wir die Begeisterung für Tallinn, Danzig oder Stockholm miteinander teilen. Vor diesem Hintergrund fiel die Werbung für eine Ostseekreuzfahrt mit einem relativ kleinen Schiff auf fruchtbaren Boden. So preiswert dürfte eine Reise in 8 berühmte Ostseestädte, umgebende Landschaften und auf eine dänische Insel kaum zu organisieren sein, wie diese Kreuzfahrt zu haben war. Außerdem müssen Reisewillige kaum mehr vorbereiten als den Koffer für 11 Tage zu packen, zu bezahlen und schließlich los- bzw. abzulegen. Kein Vergleich mit den Mühen der Vorbereitung einer selbstorganisierten Fahrt, die sicher teurer würde. Kein anderes Verkehrsmittel könnte dieselben Besichtigungen in derselben Zeit und mit demselben Komfort sicherstellen.

Die Erfahrung mit den Leuten

Fast täglich legt das Schiff an einem anderen Ort an. Wir Passagiere schlafen, lesen, speisen, sonnen während der Fahrtzeiten oder treiben sogar Sport auf dem Schiff. Wir sind vollversorgt – weit früher als sich ein Hungergefühl entwickeln könnte, steht bereits die nächste, im Kaufpreis enthaltene Mahlzeit auf dem Tagesplan. Wer sich unter diesen Umständen noch langweilt, kann sich von Musikern und anderen Artisten unterhalten lassen, Vorträge über die Reiseziele hören oder schöne, alte Kinofilme sehen. Im Großen und Ganzen bevölkert der demografische Wandel das Schiff, 60plus hat eine überwältigende Mehrheit, nur wenige begleitende Enkel*innen senken leicht den Altersdurchschnitt. Weil es unmöglich ist, während einer 11tägigen Reise alle 500 Mitreisende kennenzulernen, mag es ein Zufall sein, dass wir nur einmal jemanden gesprochen haben, der noch aktiv im Arbeitsleben steht.

Die Erfahrung mit den Landgängen

 Erwartungsgemäß wird die Reise hektisch; nur an einem Ort bleibt man über Nacht; um sich aber in St.Petersburg frei bewegen zu können, hätte man daran denken müssen, ein individuelles Touristenvisum zu beantragen. Ohne dieses war in den russischen Zielorten die Teilnahme an den Ausflugsprogrammen alternativlos. So oder so blieb die Zeit zum Kennenlernen von Land und Leuten äußerst knapp und richtete sich zwangsläufig nach den Liegezeiten des Schiffs in den Häfen.

Trotzdem sind die gesammelten Eindrücke vielfältig und die meisten örtlichen Reiseführer waren erfreulich informativ. Zumeist gibt es überall mehrere Möglichkeiten zur Auswahl, für die man sich allerdings frühzeitig auf der Grundlage knapper Beschreibungen entscheiden muss. Interesse am Alltag der Menschen statt an den Sehenswürdigkeiten bleibt dabei unbefriedigt. Alles in Allem aber lohnt die Hektik der Landausflüge mit ihren öfter langen Busfahrten durchaus, egal, ob Eindrücke gesammelt, To-do-Listen abgearbeitet (da wollte ich unbedingt einmal hin…) oder historische, kulturelle und nicht selten politische Informationen eingeholt werden sollten. Einzelne Pannen – mit denen gerechnet werden muss – schmälern dieses Urteil nicht.

Warum man es trotzdem lassen sollte

Wenn im Hochsommer auf einem zentralen Platz einer beliebigen Stadt 100e  Reisebusse auf ihre Fahrgäste warten –  mit laufenden Motoren damit sich die Fahrgasträume nicht aufheizen; Wenn in der Eremitage, die täglich über 12.000 Besucher verkraften muss, vor lauter drängelnden Menschen kaum eines der berühmten Werke einer der bedeutendsten Kunstsammlungen der Welt  betrachtet werden kann; Wenn auch das Schiff mit hauptsächlich für die Hotelaufgaben laufenden Maschinen, die mit Schweröl betrieben werden, die Städte von stadtnahen Liegeplätzen aus verpesten; Wenn Städte ernsthaft nach Wegen suchen, den Besucherandrang zu verringern oder wenigstens zu steuern, dann ist klar, dass der Massentourismus an seine Grenze gestoßen ist. Jeder noch so unkritische Tourist erlebt die von seiner Mobilität ausgehende Luftverschmutzung und Atmosphärenaufheizung an der eigenen Haut und Lunge – zumal in dem Hitzesommer 2018, als selbst an der Ostsee überall die 30°-Marke überschritten wurde.

Die Kreuzfahrtschiffe leisten einen ganz erheblichen Beitrag zu dieser Überforderung der Städte, ihrer Einwohner und der Umwelt. Das kleine Schiff, mit dem wir reisten, benötigte oft um die 20 Busse pro Tag, um alle Landausflüge zu organisieren. Zeitgleich waren aber mindesten zwei Schiffe unterwegs mit jeweils fast viermal so vielen Passagieren, die ebenfalls alle Landausflüge mit entsprechend noch mehr Bussen gemacht haben.

 Man muss und sollte den Umweltschutz nicht gegen die Reiselust, das Unterhaltungsbedürfnis und den Bildungshunger der Reisenden ausspielen. Aber die schiere Zahl der Reisenden behindert im günstigsten Fall den Zweck der Reisen und verhindert ihn im ungünstigen Fall sogar. Ich erwog, beispielsweise die Eremitage im tiefsten Winter erneut zu besuchen um die Brueghels, Rembrandts und Tintorettos in Augenschein zu nehmen. Die Gästeführerin riet ab, auch dann sei das Museum genau so voller Menschen wie zur Sommerhochsaison. Man kann also dort nie eines der Werke wirklich betrachten. Dann aber kann man den Besuch ganz lassen. Plötzlich war ich dafür dankbar, dass ich andere der wichtigen europäischen Kunstsammlungen zufällig vor den derzeitigen Besucherrekorden gesehen habe.  Zwar war vor 10 Jahren zum Beispiel der Louvre in Paris schon voller Menschen, aber dieses Jahr hört man, dass es noch nie so viele waren, wie gerade jetzt. In manchen Städten kreuzten sich unsere Wege ständig mit denen mehrerer anderer Touristengruppen und man hatte Mühe, der eigenen Gruppe nicht abhanden zu kommen.

Übrigens sind auch viele Natur- und Nationalparks dem Andrang – insbesondere dem Harndrang – der Gäste nicht gewachsen, die sich mangels Alternativen in großer Zahl an den Planten un Bloomen erleichtern (müssen).

Im nächsten Jahr verreisen wir wieder mit dem Fahrrad. Das hat verschiedene Vorteile, die hier niemandem aufgeschwätzt werden sollen.  Zwar verringert sich angesichts des Lebensalters der Radler sicher die Reichweite solcher Fahrten von Jahr zu Jahr – und es gibt längst auch Staus auf Radwanderwegen –   aber eine andere, alte Weisheit gewinnt neue Gültigkeit:                             

Der Weg ist das Ziel.

Bildquelle: pixabay, user adessia, CC0 Creative Commons

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Wolfgang Wiemer

Politologe i.R.; arbeitete als politischer Referent, Büroleiter, Pressechef des Deutschen Bundestages und in der Parlamentsverwaltung; lebt in Bonn


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